Dem Menschen wohnt wohl durchaus Animalisches inne, auch nach Jahrtausenden der Evolution. Und so haben drei Niederländer letztlich über den Pawlowschen Reflex erfolgreiches Marketing für ein mittlerweile millionenschweres Radsport-Start-up gemacht. Der Anblick des Arc de Triomphe am Ende der Pariser Prachtmeile Champs-Élysées dürfte in den vergangenen Jahren bei manchem Radprofi den Speichelfluss angeregt haben. Denn von der großen Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet, wartete in einer Seitenstraße ein besonderes Empfangskomitee auf alle Finisher der Tour de France: Die drei Youtuber Bas Tietema, Josse Wester und Devin van der Wiel hatten sich seit dem Zieleinlauf 2019 einen Spaß daraus gemacht, an die Radprofis Gratis-Pizza auszugeben – willkommenes Junk Food am Ende von drei Wochen Plackerei.
Eine klassische Win-Win-Situation: Die ausgehungerten Radprofis erhielten Gratis-Fütterung, die drei Niederländer ziemlich exklusives Material für ihren Youtube-Kanal „Tour de Tietema“. Denn: Welcher Fan trifft schon sein Idol beim Pizzaessen – auch wenn man nur virtuell bei der Nahrungsaufnahme ganz nah dran sein kann? Kaum ein Radprofi ließ sich jedenfalls den Imbiss, von den Videofilmern aus einem Pariser Pizza-Service herangeschafft, entgehen. Mit solchen und ähnlichen Aktionen wurde das Fan-Trio innerhalb des Profi-Pelotons bekannt wie bunte Hunde. Eine Bekanntheit, die ihnen jetzt zugutekommt. Schließlich haben sie sich den Ruf als Radprofi-Versteher erarbeitet – Männer, die wissen, was Radprofis brauchen. Oder sich wünschen. Oder lustig finden.
Aus der Internet-Gaudi hat sich mittlerweile ein seriöses Unternehmen entwickelt. Mit einem sehr ehrgeizigen Ziel: Aus den drei Radsport-Fans sind Teamchefs geworden. Und sie wollen mit ihrer Mannschaft Unibet Rose Rockets zur Tour de France. Sobald wie möglich. Zur Verwunderung vieler Insider. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es so seriös wird und sie ein Profi-Team starten könnten“, sagt Dylan Groenewegen, der sich bei den Landsleuten in Paris auch schon mit Pizza eingedeckt hat. Nun ist der 32-jährige Niederländer, sechsmaliger Etappensieger bei der Tour, seit Saisonbeginn der Star im schrillen Bunt der Rockets, die aktuell mit einer zweitklassigen Lizenz als Pro-Team starten und auf Einladungen zu den wichtigsten Rennen hoffen müssen. Noch. Man kann es als ersten Flirtversuch werten, dass der heutige Teamchef Bas Tietema im Jahr 2019 für ein Video auf Strohballen und Autodächern in den Weiten Frankreichs herumhüpfte und dabei zu einem stampfenden Sound Song „Dylan Groenewegen“ präsentierte. Das Minnelied im Stil eines niederländischen Après-Ski-Hits schaffte es in der Heimat bis ins Radio. Später gab Wester, als Dylan Groenewegen verkleidet, am Rande der Strecke Interviews für den Youtube-Kanal. „Es hat fast als Witz begonnen“, sagt der Radprofi selbst über diese Begebenheit, die nun zu einer ernsthaften und festen Arbeitsbeziehung geworden ist. „Die meisten Teams machen nur Videos über Radsport. Dieses Team macht hingegen auch lustige Videos und zeigt die humorvolle Seite der Trainingslager und Rennen“, betont der Routinier.
Aber bei allem Spaß, bei allem Willen, die Dinge anders zu machen im eher konservativen Profiradsport, geht es natürlich zunehmend um Leistung, um Ergebnisse für das Trio und die bei ihnen beschäftigten Rennfahrer. Anders schafft man es nicht zur Tour de France. Und da spielt Groenewegen eine wichtige Rolle, der als Sprinter Siege und damit Ranglistenpunkte liefern soll. Für 2026 war man bereits nah dran an einem Startplatz. Doch die Wildcards gingen Ende Januar an die französische Equipe TotalEnergies und Caja Rural aus Spanien, den wo in diesem Jahr die Tour startet. Aber das bremst die Senkrechtstarter des Pelotons nur bedingt. In den gut drei Jahren seit ihrem Debüt 2023 haben die Radsportler im farbenfrohen Design sieben Profi-Siege gefeiert – bisher allerdings noch keinen auf World-Tour-Niveau. Das soll sich bald ändern – auch dank Groenewegen, der im vergangenen Jahr nicht so recht in Tritt kam, und nun gleich beim ersten Auftritt im neuen Trikot siegte, Ende Januar bei der Clasica Comunitat Valenciana. „Gemeinsam können wir etwas Großartiges aufbauen. Ich bin froh über diese Chance, mein volles Potenzial auszuschöpfen“, betont der Niederländer im Gespräch mit TOUR. Er ist nicht der einzige prominente Neuzugang, der dem Charme und sicher auch den steigenden finanziellen Möglichkeiten der Newcomer erlegen ist. Die moderne Vermarktungsstrategie, für die das Trio viel eigenen Content erstellt und kreativer bzw. weniger konservativ arbeitet als die Konkurrenz, lockt finanzkräftige Geldgeber und leistungsstarke Radprofis. Der deutsche Radhersteller und Versandhändler Rose ist als zweiter namensgebender Hauptsponsor eingestiegen. Sportlich verstärkte sich die Equipe mit Groenewegens Landsmann Wout Poels, Sieger von Lüttich-Bastogne-Lüttich 2016, und dem französischen Tour-Etappensieger Victor Lafay. Die Prominenz des Kaders wächst schnell.
Etwas zugespitzt könnte man sagen: Das Trio hat sich bei der Personalakquise auf radsportliche Problemfälle spezialisiert. Groenewegen, Lafay, de Vries – sie und andere gingen durch Formkrisen, Motivationsprobleme, körperliche und mentale Herausforderungen, litten unter Trauerfällen, der Pandemie. Die Probleme von Leistungsportlern auf dem Weg zur Spitze sind vielfältig. Davon weiß auch Hartthijs de Vries zu berichten, einer von vier Rennfahrern, die Gründungsmitglieder des Projekts waren. Er litt lange unter Herzrhythmusstörungen, dazu kamen die schwere Krankheit und der Tod des Vaters; es fehlten in den Pandemiejahren die Chancen, sich zu beweisen – das ist, sehr verkürzt, die Biografie von de Vries, der eigentlich schon raus war aus dem Radsport, ehe er die Chance als Profi zur Saison 2023 bei den Rockets bekam – und im darauffolgenden Jahr seinen ersten Profi-Sieg feierte, den zweiten der Teamgeschichte. „Ich glaube, dass der Radsport ein paar neue Vibes brauchen kann, ein neuartiges Team wie dieses“, sagt de Vries. Die Rockets wollen Chancen zum Durchstarten schaffen. Lafay hatte seine Profi-Karriere im vergangenen Herbst bereits im Alter von 29 Jahren für beendet erklärt, ehe ihn Teamchef Tietema bei einer gemeinsamen Radtour umstimmen und für den eigenen Rennstall anwerben konnte. „Was mir Bas erzählt hat, wofür das Team steht, hat mir klar gemacht, dass ich noch nicht fertig bin. Ich habe einfach die richtige Umgebung gebraucht, um mich wieder lebendig zu fühlen“, sagte Lafay anlässlich seiner Verpflichtung.
Das Projekt hilft auch dem deutschen Radsport: Der sprintstarke Nachwuchsfahrer Tobias Müller, auf den der neue Sprintcoach Marcel Kittel große Stücke hält, und der Allrounder Jannis Peter (neu vom Team Vorarlberg) dürfen nach ihrer Zeit in drittklassigen Teams nun auf der Weltbühne zeigen, wie viel Talent sie wirklich haben. Die Chancen steigen. „Wir kriegen mehr Respekt im Peloton. Das macht es auch in den Rennen leichter für uns“, hat de Vries beobachtet. Nicht immer geht es allerdings gut aus, wenn man Sportlern eine zweite Chance bietet: Der Italiener Giovanni Carboni bescherte den imagebewussten Radsportvermarktern den ersten Dopingfall der noch jungen Teamgeschichte. „Es ist echt schade. Es ist in einer Phase passiert, als er noch nicht in unserem Team war. Aber natürlich wird unsere Arbeit dadurch beeinflusst“, sagt Tietema. Die UCI begründete die Sperre mit Auffälligkeiten in Carbonis Biologischen Startpass während des Jahres 2024, als er noch im Trikot des japanischen Continental-Teams JCLUKYO fuhr. Ein Urteil steht noch aus – aber die Rockets hatten erste Negativschlagzeilen.
Die Rollenverteilung innerhalb des Teams ist klar. Tietema ist der mehr oder weniger heimliche Chef, der Mann mit der sportlichen Expertise. Schließlich war der Sohn des niederländischen Kaffeehausketten-Gründers Hans Tietema selbst auf dem Weg zum Radprofi, wurde Dritter der U23-Ausgabe von Paris-Roubaix, ehe ihn gesundheitliche Probleme ausbremsten. Van der Wiel ist der Mann für Technik und Content-Produktion, meist hinter der Kamera und daher eher selten zu sehen. „Ich bin der Kreative von uns dreien“, sagt van der Wiel, der das Bild des Projekts bestimmt: „Wie sehen die Leute die Rockets?“ Wester ist so etwas wie der „Ober-Kuschler“, wie er augenzwinkernd zu TOUR sagt. Er hat, so legt es das Storytelling der Rockets nahe, den Draht zu den Rennfahrern, umarmt und tröstet sie nach Stürzen und Enttäuschungen. Der Kuschel-Kurs darf als erfolgreich gelten: Er schickte die Nachrichten an Groenewegen, die diesen irgendwann zur Unterschrift unter den Vertrag brachten.
Einen ersten großen Auftritt in der neuen Saison könnten die Rockets bei Mailand-San Remo haben, wozu sie Rennveranstalter RCS erstmals einlud, ebenso wie zum Giro d’Italia, immerhin der ersten Grand Tour für das Team. Daneben starten sie mit einer gewissen Unsicherheit ins neue Jahr, wie ihr weiteres Rennprogramm im Saisonverlauf aussehen wird. „Das ist der Nachteil, wenn man ein Pro-Team hat“, sagt Groenewegen. Die Tür zur Tour de France und Vuelta a España bleibt ihnen in diesem Jahr noch verschlossen. „2026 wird dennoch ein unglaubliches Jahr“, schrieb Tietema, als er erfuhr, dass sein Rennstall in diesem Jahr bei diesen Rennen nicht dabei sein wird. Einen CFO, einen Finanzchef, haben sie neuerdings eingestellt. „Er achtet darauf, dass wir keine blöden Entscheidungen treffen und das ganze Geld einfach ausgeben“, sagt Wester und ergänzt: „Man kann auf jeden Fall sagen, das wir drei außerordentlich talentiert darin sind, blöde Entscheidungen zu treffen.“ Aber darin sehen sie ihren Markenkern: Anders zu sein, auch mal Entscheidungen zu treffen, die andere blöd oder unverantwortlich finden könnten – beispielsweise die fixe Idee, nach ein paar Youtube-Filmchen als Fans von der Tour de France bald ein eigenen Profi-Rennstall ins wichtigste Radrennen der Welt schicken zu wollen. Ohne Ahnung davon zu haben, wie das eigentlich genau geht. Mittlerweile haben sie Unterstützer und Gefolgsleute auf dem Weg an die Spitze gefunden. Groenewegen will unbedingt nochmal für seinen neuen Arbeitgeber eine Etappe bei der Tour gewinnen. Lafay ist die Rundfahrt in seiner Heimat noch nie zu Ende gefahren und will das in den neuen Teamfarben nachholen. Der Ehrgeiz verbindet alle im Team. Und die Jungs von der Tour de Tietema haben schließlich gerade erst begonnen, ihre Geschichte zu erzählen. Ein schnelles Happy End wäre dabei ja geradezu geschäftsschädigend. Der Stoff soll noch für ein paar Jahre reichen.

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