Egal, welcher Klassiker ab Mitte der 1990er-Jahre im Rennkalender anstand, die Rennfahrer des Team Mapei gehörten stets zu den Favoriten. Obwohl in Italien beheimatet, dominierte der Rennstall vor allem die Pavé-Rennen jener Zeit in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Seinen hochkarätigen Kader ließ sich Teameigner Giorgio Squinzi umgerechnet rund zehn Millionen Euro jährlich kosten – damals im Profiradsport noch eine unglaubliche Summe. Das talentierte Ensemble errang für das Team zwischen 1994 und 2002 mehr als 600 Siege; achtmal stand Mapei zum Jahresende auf Platz eins der Team-Weltrangliste. Dennoch wurde Giorgio Squinze des Erfolgs irgendwann überdrüssig – er resignierte angesichts des Dopingproblems im Radsport, das auch seinen Rennstall heimsuchte, und beendete sein Engagement.
Am Anfang stand ein Reinfall. Marco Giovannetti, 1984 Olympiasieger im 100-Kilometer-Mannschaftszeitfahren und 1990 Sieger der Vuelta a España, gründete noch während seiner aktiven Karriere 1993 das Team Eldor. Giovannetti agierte als fahrender Teammanager, und früh stellten sich Erfolge ein: Luca Gelfi belegte für den Rennstall Platz zwei bei Mailand-San Remo, außerdem erhielt das Team eine Einladung zum Giro d’Italia. Das Problem: Eldor lieh dem Team zwar seinen Namen, bezahlte jedoch nie Geld an Giovannetti.
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Noch vor dem Start des Giro d’Italia stand sein Team daher vor dem Aus. Bekannte brachten Giovannetti schließlich mit Giorgio Squinzi an einen Tisch. Squinzi, Geschäftsführer von Mapei, einem italienischen Unternehmen für chemische Produkte für die Baubranche, begeisterte sich seit Jahren für den Radsport. Er sagte Giovannetti sämtliche finanzielle Unterstützung zu – unter einer Bedingung: Bereits beim Giro d’Italia musste das Team in neuer Optik antreten. Der Beginn der Ära der bunten Bauklötzchen-Trikots.
Giovannetti beendete 1994 seine Karriere. Sein Wunsch, anschließend ins Management von Mapei zu wechseln, erfüllte sich nicht – Squinzi hatte bereits das Sagen. Heute leitet Giovannetti ein Hotel in der Toskana.
Zwischen 1995 und 2000 gewann Mapei fünfmal Paris-Roubaix. Eines der ikonischsten Bilder des Rennens entstand beim Dreifacherfolg im Jahr 1996: In Johan Museeuw, Gianluca Bortolami und Andrea Tafi erreichten drei Mapei-Fahrer gemeinsam den Zielstrich im Velodrom von Roubaix. Für das Team war das der größtmögliche Erfolg – für den damaligen Sportlichen Leiter Patrick Lefevere eine diplomatische Herausforderung.
Bereits 80 Kilometer vor dem Ziel hatte ein Mapei-Quartett an der Spitze gelegen, aus dem Franco Ballerini aufgrund von Reifenschäden noch herausfiel. Museeuw, Bortolami und Tafi waren indes nicht aufzuhalten. Das freute vor allem Teambesitzer Squinzi vor dem Fernsehgerät. Er rief Lefevere direkt im Teamfahrzeug an. Seine Ansage an den Sportlichen Leiter lautete: Heute sei sein 28. Hochzeitstag, und es wäre ein Traum, wenn alle drei Fahrer gemeinsam das Ziel erreichten. Wer jedoch gewinnen solle, überließ er Lefevere. Dessen Wahl fiel auf Museeuw, den designierten Kapitän. Bortolami und Tafi sollen mit dieser Vorgabe nicht bedingungslos einverstanden gewesen sein. Angeblich versprach Lefevere beiden daraufhin einen finanziellen Bonus, sodass das Trio einträchtig das Ziel erreichte – in der Reihenfolge: Museeuw, Bortolami und Tafi.
Im Radsport trug Giorgio Squinzi den Spitznamen „Il Dottore“, angelehnt an seinen akademischen Abschluss in Industriechemie. Zu Einfluss kam er jedoch durch sein unternehmerisches Geschick: In den 1970er-Jahren übernahm er die Geschäfte bei Mapei von seinem Vater Rodolfo und entwickelte das Mailänder Familienunternehmen zu einem der weltweit führenden Hersteller von Bauprodukten. Das Radsportteam sah Squinzi stets als Teil der Firma. So entwarf die Marketingabteilung von Mapei jedes Jahr die auffallend bunten Trikots; für Werbeeffekte gehörten regelmäßig Renneinsätze in Asien, Australien und den USA zum Programm.
Squinzi investierte im Gegenzug viel in seine „Radsport-Abteilung“: 1996 eröffnete er das Mapei Sport Center, um den Fahrern die bestmögliche sportwissenschaftliche und medizinische Betreuung zu bieten. Als eines der ersten Teams förderte Mapei zudem eigene Nachwuchsmannschaften – Fahrer wie Fabian Cancellara, Michael Rogers, Bernhard Eisel oder Patrick Sinkewitz gingen daraus hervor. 2019 starb Squinzi im Alter von 76 Jahren.
Der Belgier wechselte 1995 zusammen mit dem Sportlichen Leiter Patrick Lefevere zu Mapei – und verließ den Rennstall 2001 ebenfalls mit Lefevere zu dessen neuem Team Domo-Farm Frites. Dazwischen entwickelte sich Museeuw bei Mapei zu einem der größten Klassikerfahrer aller Zeiten – und zum Sportidol vieler Belgier. Sein Spitzname: der Löwe von Flandern. 1998 erlitt Museeuw bei Paris-Roubaix einen Kniescheibenbruch, nachdem er mit einem Fotografen kollidiert war. Durch eine anschließende Infektion stand er kurz vor der Amputation seines linken Beins. Er kämpfte sich jedoch zurück und gewann Roubaix im Jahr 2000 erneut – bei der Zieldurchfahrt deutete er demonstrativ auf sein Bein. Nach seinem Karriereende 2003 gab Museeuw teilweise Dopingpraktiken während seiner Laufbahn zu.
Für die Saison 1994 stieß Rominger durch die Fusion mit dem spanischen Team Clas zur Mapei-Equipe. Der Schweizer erzielte mit Siegen bei Paris-Nizza und der Vuelta a España die ersten großen Erfolge für das Team. 1995 gewann er zudem den Giro d’Italia. Bei der Tour de France stand er hingegen im Schatten von Miguel Indurain. Dafür nahm er dem Spanier 1994 den Stundenweltrekord mit 53,832 Kilometern ab. Rominger hatte sich damals nur wenige Tage vorbereitet und den Versuch eher als Testlauf gesehen. 14 Tage später verbesserte er den Rekord erneut auf 55,291 Kilometer. Im Jahr 2000 stufte der Weltverband UCI seine Zeiten zu Weltbestleistungen ab, da sie nicht auf einem Straßenrad erzielt worden waren. Zur Saison 1997 trennten sich die Wege von Mapei und dem Rundfahrt-Spezialisten Rominger: Das Team fokussierte sich zunehmend auf die Klassiker.
Der Italiener kam 1999 vom Team Asics – im Paket mit Michele Bartoli, der damals als Star-Einkauf von Mapei galt. Bettini agierte als wichtigster Helfer seines Landsmannes. Bei der Deutschland-Tour 1999 zog sich Bartoli eine folgenschwere Knieverletzung zu. In dessen langer Abwesenheit blühte Bettini auf und gewann im Jahr 2000 den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich. Aufgrund seiner Qualitäten als endschneller Puncheur erhielt der kleingewachsene Bettini den Spitznamen „Il Grillo“, die Grille. Sein interner Aufstieg führte zum Bruch mit Bartoli, der Mapei bald darauf verließ. 2002 wiederholte Bettini seinen Erfolg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und sicherte sich zum Saisonende den Sieg im Gesamtweltcup. Es war der letzte große Erfolg für Mapei. Bettini fuhr bis zum Karriereende 2008 für das Nachfolgeteam Quick-Step.
In der Saison 1999 gehörten Tobias Steinhauser und Dirk Müller zum Kader, standen jedoch jeweils nur eine Saison unter Vertrag. 2002 gelang zudem Patrick Sinkewitz der Sprung aus dem Nachwuchsteam zu den Profis. Seinen Durchbruch erlebte Sinkewitz später bei Quick-Step, seinen Dopingfall 2007 im Team Telekom.
Einen größeren Dopingskandal gab es zur aktiven Zeit von Mapei nicht. Aufsehen erregten allerdings die Vorfälle beim belgischen Rennen Drei Tage von De Panne 1999: Kurz nach dem Start der dritten Etappe stoppten mehrere Polizeiautos das Fahrerfeld sowie das Teamauto von Lefevere. Sämtliche Fahrer von Mapei, darunter Museeuw, Bartoli und Sprinter Tom Steels, wurden anschließend von der Polizei verhört. Auch das Teamhotel von Mapei durchsuchten die Behörden.
Am Flughafen war zuvor ein Paket abgefangen worden, das aus dem Hotel von Mapei nach Italien adressiert war. Inhalt: fünf Ampullen Amphetamine. Die Ermittlungen hielten jedoch nicht lange an. Das Paket galt angeblich dem Vater von Gianni Bugno, der 1999 Mapei bei technischen Fragen unterstützte. Ein Teambetreuer wurde als Einzeltäter ausgemacht. Einige Jahre später, 2007, berichtete die ARD über Ermittlungen der italienischen Behörden wegen des Verdachts auf systematisches Doping bei Mapei im Jahr 2001.
Teameigner Squinzi verfolgte öffentlich das Ideal eines sauberen Radsports. 1999 kritisierte er, dass ohne Doping bei Etappenrennen keine Top-Fünf-Platzierung mehr möglich sei. Dafür erhielt er viel Kritik, unter anderem vom damaligen UCI-Präsidenten Hein Verbruggen. Umso mehr traf Squinzi der Dopingfall in seinem eigenen Team: Der Italiener Stefano Garzelli wurde im Rosa Trikot beim Giro d’Italia 2002 positiv getestet und vom Rennen ausgeschlossen.
Als Reaktion kündigte Squinzi an, sein Engagement im Radsport zum Saisonende zu beenden. „Die Disqualifikation von Garzelli war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es gibt zu viele Dinge im Radsport, die ich nicht verstehe“, sagte Squinzi zu seinem Rückzug. Die Lizenz des Teams übernahm für 2003 der damalige Co-Sponsor Quick-Step.