Eigentlich ist alles so wie gewollt. Isaac del Toro ist Träger der Rosa Trikots und hat gleichzeitig auch noch das Weiße Trikot inne, jenes des besten Nachwuchsfahrers. Doch der Schein trügt. Nur einen Tag zuvor hatte sich das Team von Isaac del Toro dazu entschieden, einen Wechsel in der Kapitänsrolle vorzunehmen. Juan Ayuso war schon zuvor immer wieder in Schwierigkeiten gekommen und es war fraglich, wann genau der Zeitpunkt kommen sollte, zu dem der Spanier Isaac del Toro das Rosa Trikot wieder abnehmen sollte.
Am zweiten Ruhetag des Giro d’Italia war es dann endlich soweit. Von den Verantwortlichen des Teams wurde der Wechsel der Kapitänsrolle ganz nebenbei verkündet. “Unsere Idee, unser Ziel ist es, kompakt um unseren Kapitän Isaac del Toro herum zu fahren”, sagte Fabio Baldato, der sportliche Leiter des Teams.
Unsere Idee, unser Ziel ist es, kompakt um unseren Kapitän Isaac del Toro herum zu fahren - Fabio Baldato
Für viele Außenstehende war dieser Schritt nicht nur logisch, sondern lange überfällig. Isaac del Toro war bis dahin der stärkste Fahrer und es wirkte fast schon so, als könne dem jungen Mexikaner kein anderer Gesamtklassement-Fahrer etwas entgegensetzen.
Bereits am vorletzten Anstieg des Tages, dem Pass Santa Barbara, fiel Ayuso aus der Gruppe der Gesamtklassement-Anwärter zurück. Zuerst konnte er sich noch zurück kämpfen, beim zweiten Mal war es jedoch um ihn geschehen. Wütend soll er laut einem Reporter auf dem Begleitmotorrad auf seinen Lenker eingeschlagen haben, mit seiner eigenen Leistung unzufrieden. Bis zum Ziel verschwand Ayuso dann von den Kameras und rollte sichtlich erschöpft mit 14:47 Minuten Rückstand auf den Sieger über die Ziellinie. Dass Gesamtklassement-Fahrer mal über ihre Limits gehen und dafür mit einigen Minuten im Ziel bezahlen müssen ist keine Neuheit, aber fast eine Viertelstunde zu verlieren, zeigt wie wichtig der Wechsel des Kapitäns, des UAE Team Emirates - XRG, am Tag zuvor war.
Zu all dem Drama schien gestern für das dominante Team wirklich alles schief zu laufen. Am finalen Anstieg nach San Valentino hinauf, setzte Richard Carapaz (EF Education - EasyPost) etwa 5 Kilometer vor Ziel eine wuchtige Attacke. In kurzer Zeit konnte der Ecuadorianer sich deutlich von del Toro und Simon Yates (Team Visma | Lease a Bike) absetzen. Aber damit nicht genug. Etwa einen Kilometer später konnte sich auch Yates von seinem Kontrahenten absetzen und bis ins Ziel einen deutlichen Vorsprung herausfahren. Wenige Tage zuvor sah es noch nach einem Doppelsieg für das UAE Team Emirates - XRG im Gesamtklassement aus, auf einmal schmolzen die Sekunden nur so dahin. Isaac del Toro trägt weiterhin das Trikot des Führenden, hat nach der 16. Etappe jedoch nur noch 26 Sekunden Vorsprung auf Simon Yates und 31 Sekunden auf Richard Carapaz. Auch Derek Gee (Israel - Premier Tech) konnte sich auf 1:31 Minuten Rückstand auf del Toro verbessern.
Mit Adam Yates, Juan Ayuso und Isaac del Toro hat das Team UAE gleich drei Fahrer die um das Gesamtklassement fahren könnten. Das kann solange gut gehen, wie die Fahrer mit ihrer Rolle einverstanden sind und der stärkste der Drei die Kapitänsrolle inne hat. Während Yates von Anfang an seine Helferrolle wahrgenommen hat, wollte del Toro beweisen, dass auch er um das Gesamtklassement mitfahren kann.
Ob der Giro für das Team um del Toro noch zu gewinnen ist, werden wohl die kommenden Etappen zeigen. Allerdings, wenn Richard Carapaz schon auf der ersten der vier schweren Bergetappen so viel Zeit gutmachen kann, steht über del Toro ein großes Fragezeichen für die nächsten Tage. Auch ein Simon Yates, der in der Form seines Lebens zu seien scheint, könnte del Toro das Rosa Trikot streitig machen.
Werkstudent