Giro d’Italia 2024Sechs Erkenntnisse aus der Italien-Rundfahrt

TOUR Online

 · 27.05.2024

Tadej Pogacar feierte fast einen Start-Ziel-Sieg beim Giro d'Italia 2024: Ab der 2. Etappe trug er Rosa.
Foto: DPA / Roth
Die erste Grand Tour der Saison ist beendet. Was bleibt hängen? Der Giro d’Italia 2024 erlebte die Kehrseite eines zu dominanten Fahrers, das Fahrerfeld setzte ein starkes Zeichen und insbesondere Ausreißer und Bahnspezialisten sorgten für Höhepunkte.

Themen in diesem Artikel

Kein Wettbewerb um Rosa beim Giro d’Italia 2024

Der Radsport befindet sich in einer Ära von Ausnahmefahrern: Mathieu van der Poel, Remco Evenepoel, Jonas Vingegaard oder Tadej Pogacar verfügen allesamt über Fähigkeiten, die es selten zuvor im Radsport zu sehen gab. Direkte Duelle dieser Fahrer gehören gewiss zu den Saisonhöhepunkten – steht allerdings nur einer von ihnen in der Startliste, wird ein Rennausgang schnell vorhersehbar.

Diese Entwicklung drängte sich bereits durch die Dominanz von van der Poel bei den Frühjahrsklassikern auf – und verstärkte sich nun durch Pogacar beim Giro d’Italia. Denn die Italien-Rundfahrt endete am Sonntag mit dem Gefühl, dass der Hauptpreis, das Rosa Trikot, quasi außer Konkurrenz vergeben wurde. Zum einen, da Pogacar zu dominant war, zum anderen, da es keine Herausforderer gab. Mit dem Sieg auf der 2. Etappe am Sacro Monte di Oropa stand der Slowene an der Spitze der Gesamtwertung.

Insgesamt sechs Etappensiege holte sich Tadej Pogacar. In der Gesamtwertung lag er am Ende fast zehn Minuten vor Daniel Martinez.Foto: DPA / Gian Mattia D'AlbertoInsgesamt sechs Etappensiege holte sich Tadej Pogacar. In der Gesamtwertung lag er am Ende fast zehn Minuten vor Daniel Martinez.

Als Rennfahrer ehrt es Pogacar derweil, dass er anschließend diese Führung nicht verwaltete, sondern seine Klasse mit fünf weiteren Etappensiegen ausspielte. Sein Auftritt war in Summe beeindruckend, daran gibt es keine Zweifel. Gleichzeitig erdrückte seine Dominanz die Rundfahrt. “Wir haben Pog ziehen und sein Ding machen lassen”, fasste der spätere drittplatzierte Geraint Thomas (Ineos) die Kapitulation der Konkurrenz auf der 15. Etappe zusammen. Am Ende betrug Pogacars Vorsprung im Endklassement 9:56 Minuten auf den ersten Verfolger Daniel Martinez (Bora-hansgrohe), der größte Vorsprung seit 1965.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Mit solchen einseitigen Rennverläufen muss der Radsport künftig leben. Das ist die andere Seite der Medaille. Für Pogacar war es jedoch der erhoffte unkomplizierte erste Grand-Tour-Sieg auf dem Weg zum Double aus Giro d’Italia und Tour de France.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ausreißer setzen Höhepunkte beim Giro d’Italia 2024

Während der Kampf um den Gesamtsieg einseitig verlief, boten vor allem einige Ausreißer mit ihren Siegen besondere Geschichten. Da wäre der Tageserfolg durch Benjamin Thomas (Cofidis) auf der 5. Etappe in Lucca zu nennen. Denn im modernen Radsport galt es quasi als ausgeschlossen, dass eine Fluchtgruppe zu Beginn einer Rundfahrt auf einer Flachetappe die Sprinterteams in Schach hält. Doch die wehrhafte Spitzengruppe um Thomas widerlegte diese Annahme. Denn im Feld verspekulierte man sich an diesem Tag: Alles schaute zunächst auf Lidl-Trek um Sprinter Jonathan Milan. Als dann alle Sprinterteams in die Verfolgung einstiegen, war es zu spät – die Fluchtgruppe rettete elf Sekunden ins Ziel.



Eine Comeback-Geschichte lieferte indes Julian Alaphilippe (Soudal – Quick-Step). Hinter dem Franzosen liegen zwei schwierige Jahre mit Verletzungen, Rückschlägen sowie öffentlichen Tiraden seines eigenen Teamchefs Patrick Lefevere. Es gab berechtigte Zweifel, ob der zweimalige Weltmeister je wieder an sein früheres Niveau zurückfindet. Bei diesem Giro d‘Italia zeigte sich Alaphilippe allerdings angriffslustig wie zu besten Zeiten, gehörte regelmäßig zu Spitzengruppen und gewann schließlich also Solist die 12. Etappe in Fano. Vorausgegangen war eine 130 Kilometer lange Zweier-Flucht mit Mirco Maestri (Team Polti-Kometa).

Wieder der Alter? Julian Alaphilippe feierte als Ausreißer den Tagessieg in Fano.Foto: DPA / Massimo PaoloneWieder der Alter? Julian Alaphilippe feierte als Ausreißer den Tagessieg in Fano.

Daraus nun abzuleiten, Alaphilippe kann wieder ein Seriensieger wie vor seinem folgenreichen Sturz 2022 bei Lüttich-Bastogne-Lüttich werden, wäre vermessen. An guten Tagen kann er aber noch immer wichtige Rennen gewinnen. Das hat der 31-Jährige eindrucksvoll bewiesen.

Steinhauser und Lipowitz: Neue deutsche Hoffnungsträger

Einen denkwürdigen Erfolg verbuchte zudem Georg Steinhauser (EF Education-Easypost), der sich auf spektakuläre Art am Passo Brocon den Tagessieg der 17. Etappe holte. Denn Steinhausers Fluchtgruppe war bereits eingeholt, ehe er erneut angriff und die Etappe schließlich als Solist gewann. Drei Tage zuvor belegte er bei der Bergankunft in Livigno als Ausreißer bereits Platz drei, die gleiche Platzierung holte er zudem auf der 19. Etappe aus einer Fluchtgruppe.

Damit gehörte der 22-jährige Grand-Tour-Debütant zu den prägendsten Fahrern der dritten Woche – ein bemerkenswertes Zeichen. “Er gehört hier zu den Besten. Wenn dir das bewusst ist, dann ist das ein enormer Antrieb”, sagte zwischenzeitlich Michael Valgren zum Höhenflug seines Teamkollegen. Am Ende belegte Steinhauser Platz drei der Bergwertung.

Georg Steinhauser sicherte sich den Sieg der 17. Etappe am Passo Brocon und prägte vor allem die dritte Woche des Giro d'Italia.Foto: DPA / Gian Mattia D'AlbertoGeorg Steinhauser sicherte sich den Sieg der 17. Etappe am Passo Brocon und prägte vor allem die dritte Woche des Giro d'Italia.

Vielversprechendes für die Zukunft zeigte ebenfalls Florian Lipowitz (Bora-hansgrohe), der bereits in der Vorbereitung mit Platz drei bei der Tour de Romandie für Aufsehen sorgte. Beim Giro war er als Helfer von Daniel Martinez eingeplant und landete bei der Bergankunft der 2. Etappe am Sacro Monte di Oropa auf Rang fünf – Lipowitz fuhr ein Großteil des Anstieges von vorne. Es wäre spannend zu sehen gewesen, was Lipowitz bei seinem Grand-Tour-Debüt noch hätte leisten können. Doch krankheitsbedingt konnte der 23-Jährige nicht mehr zur 6. Etappe antreten. Lipowitz und Steinhauser haben sich bei diesem Giro jedoch einen Namen gemacht.

Tiberi und Co.: Neue italienische Hoffnungsträger

Wer in den vergangenen Jahren auf die Ergebnislisten beim Giro d‘Italia schaute, der fand aus italienischer Sicht auf den vorderen Plätzen der Gesamtwertung einzig Damiano Caruso und Vincenzo Nibali, zwei Fahrer im Karriereherbst. Nibali hat seine Laufbahn inzwischen beendet, Caruso hört am Ende der Saison auf. Entsprechend drängte sich die Frage auf: Hat Italien in der Gesamtwertung künftig überhaupt noch etwas zu melden?

Der diesjährige Giro dürfte die Tifosi in dieser Hinsicht beruhigt haben. Die Rundfahrt war vor allem für Antonio Tiberi (Bahrain – Victorious) der Durchbruch als Klassementfahrer. Der 22-Jährige landete am Ende auf Platz fünf, gewann die Nachwuchswertung und bekam Komplimente von Pogacar. “Er hat Eier gezeigt, ist stark und will angreifen”, sagte der Slowene unter anderem über Tiberi, der an der Bergankunft am Bocca della Selva als einer der wenigen Fahrer den Slowenen attackierte – wenn auch erfolglos.

Antonio Tiberi gewann die Nachwuchswertung und ist der neue Hoffnungsträger des italienischen Radsports.Foto: DPA / Massimo PaoloneAntonio Tiberi gewann die Nachwuchswertung und ist der neue Hoffnungsträger des italienischen Radsports.

Mit Rang elf verpasste der 25-jährige Filippo Zana (Jayco-AlUla) nur knapp die Top Ten, direkt dahinter folgten mit Lorenzo Fortunato (Astana) und Davide Piganzoli (Team Polti-Kometa) zwei weitere Italiener – insbesondere Letzterer legte mit 21 Jahren ein bemerkenswertes Grand-Tour-Debüt hin. Zwar gehört zur Wahrheit, dass die Dichte an Klassementfahrern bei diesem Giro nicht besonders hoch war, trotzdem hat Italien neue Hoffnungsträger in Sicht.

Fahrerfeld setzt Zeichen beim Giro d’Italia 2024

An der Richtigkeit der Entscheidung gab es nichts zu rütteln: Bei Schneefall und Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt wäre es unverantwortlich gewesen, die Fahrer nach Start der 16. Etappe in Livigno ins Hochgebirge zu schicken. Doch mit dem Weg zu dieser Entscheidung tat sich der Radsport einmal mehr öffentlich keinen Gefallen. Dies lag insbesondere an Giro-Organisator RCS, der sich lange sträubte, die Strecke zu ändern.

Aufgrund von bestehenden Verträgen mit den Start- und Zielorten war das zum Teil sogar nachvollziehbar, jedoch nicht transparent kommuniziert. So trat der Rennveranstalter einmal mehr unglücklich auf, selbst kurz vor dem Etappenstart wusste im Prinzip niemand, was nun passieren soll. Absurder Höhepunkt war der Vorschlag, eine dreiminütige Umziehpause am Gipfel des 2500 Meter hohen Umbrailpasses einzurichten.

Der Start der 16. Etappe wurde aufgrund des schlechten Wetters verlegt - und durch das Drängen der Fahrer.Foto: DPA / Andrea Amato/IPA SportDer Start der 16. Etappe wurde aufgrund des schlechten Wetters verlegt - und durch das Drängen der Fahrer.

Bemerkenswert geschlossen zeigte sich indes die Fahrerseite, die sich weigerte, bei diesen Bedingungen zu starten. So viel Einigkeit unter den Fahrern war in der Vergangenheit selten. Diese Entwicklung kann unter anderem an Adam Hansen zugeschrieben werden, seit 2023 neuer Präsidenten der Fahrergewerkschaft CPA. Mit ihm haben die Fahrerinteressen eine deutlich stärkere Stimme bekommen – das zeigte sich auch beim Giro. Denn RCS lenkte schließlich ein und verschob den Etappenstart ins Tal.

Die Fahrer haben beim Giro einen Präzedenzfall geschaffen. Dieser ist aber mit Vorsicht zu bewerten. Denn auch die Fahrer dürfen künftig nicht die Macht haben, über Rennstarts zu entscheiden. Es braucht eine unabhängige dritte Partie, die zwischen den Interessensgruppen vermittelt und letztendlich die Entscheidung trifft. Der Weltverband UCI ist in dieser Hinsicht gefordert.

Bahnspezialisten sorgen für Aufsehen beim Giro d’Italia 2024

Die Shootingstars der vergangenen Jahre kamen mit Mathieu van der Poel, Wout Van Aert oder Tom Pidcock aus dem Cross-Sport. Bei diesem Giro d’Italia drückten aber vor allem Bahnspezialisten der Rundfahrt ihren Stempel auf. Unter anderem gewannen mit Benjamin Thomas und Filippo Ganna (Ineos, im Einzelzeitfahren) zwei mehrfache Bahn-Weltmeister je eine Etappe, die beeindruckendes Bilanz verbuchte jedoch Jonathan Milan (Lidl-Trek).

Jonathan Milan gewann drei Etappen und stand stellvertretend für die gute Bilanz der Bahnspezialisten bei diesem Giro d'Italia.Foto: DPA / Marco AlpozziJonathan Milan gewann drei Etappen und stand stellvertretend für die gute Bilanz der Bahnspezialisten bei diesem Giro d'Italia.

Mit drei Etappensiegen bei diesem Giro gehört der 23-Jährige endgültig zum Kreis der Weltklasse-Sprinter. Mit seinen Fähigkeiten, einen kraftvollen und langen Sprint hinzulegen, erinnert Milan gewissermaßen an Marcel Kittel. Sofern Milan freie Bahn hat, ist er daher nur schwer zu schlagen. Denn während andere Sprinter einen Leadout bis 100 Meter vor dem Ziel brauchen, kann Milan auch aus 250 Meter losspurten – und büßt dabei kaum an Geschwindigkeit ein.

Inzwischen hat er den Beinamen “Bulle von Buja” erhalten. Seine Power kommt derweil von der Bahn: In der Mannschaftsverfolgung gewann er 2021 Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio und im gleichen Jahr zudem den WM-Titel – jeweils mit Ganna und Teamkollege Simone Consonni, der ihm beim Giro die Sprints anzog. Für die Tour de France ist Milan dieses Jahr voraussichtlich nicht vorgesehen. Spätestens ab kommende Saison dürfte Lidl-Trek dem wuchtigen Italiener einen Tour-Start aber kaum verwehren können.

Meistgelesen in der Rubrik Profi - Radsport