Thomas Goldmann
· 03.05.2024
* Nairo Quintana, Damiano Caruso, Antonio Tiberi, Juan Pedro Lopez, Thymen Arensman, Eddie Dunbar, Luke Plapp, Alexey Lutsenko
** Ben O’Connor, Cian Uijtdebroeks, Daniel Felipe Martinez
*** Geraint Thomas, Romain Bardet
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***** Tadej Pogacar
Vor dem Start des Giro d’Italia dreht sich vieles um Tadej Pogacar. Klar, der Slowene ist als zweifacher Tour-de-France-Sieger (2020 und 2021) der haushohe Favorit, da Jonas Vingegaard (Visma | Lease a Bike), der Pogacar in den letzten beiden Jahren bei der Frankreich-Rundfahrt bezwang, und auch Giro-Titelverteidiger Primoz Roglic (Bora-Hansgrohe) nicht am Start sind. Weshalb wir auch nach Pogacar die Viersterne-Kategorie nicht vergeben haben.
In diesem Jahr will der Slowene mit dem Sieg bei seinem Giro-Debüt den Grundstein für das Double legen, für das im Anschluss der Sieg bei der Tour im Juli her soll. Es spricht fast alles für Pogacar - seine Dominanz in den ersten Rennen der Saison ist beängstigend.
Die wohl wahrscheinlichste Herangehensweise des Slowenen an den Giro mit Hinblick auf die Tour de France: Möglichst früh der Konkurrenz möglichst viel Zeit abnehmen, um in Woche zwei und drei der Rundfahrt ressourcenschonend zu verwalten und nicht mehr zu tief gehen zu müssen. Somit ist bereits in den ersten Tagen mit einer Pogacar-Show beim Giro d’Italia 2024 zu rechnen.
Wer Schwächen bei Pogacar sucht, der muss schon ganz genau hinschauen. Zwei Ansatzpunkte für die Konkurrenz wären das Team und das Hochgebirge. Das Giro-Team von UAE ist ein starkes, aber kein unschlagbares. Rui Oliveira, Mikkel Bjerg, Felix Großschartner, Vegard Stake Laengen, Rafal Majka, Juan Sebastian Molano und Domen Novak sollen Pogacar ins Rosa Trikot pilotieren. Beim Blick auf den Kader von UAE zeigt sich, dass in den Bergen nicht die Crème de la Crème dabei ist. Adam Yates, Juan Ayuso, Joao Almeida und Pavel Sivakov sind Hochkaräter, die UAE zu Hause lässt.
Kommen wir zum Stichwort Hochgebirge: Bei den letzten beiden Ausgaben der Tour de France brach Pogacar jeweils bei Etappen ein, die in großer Höhe stattfanden: 2022 startete Jumbo-Visma am Col du Galibier (2630 Meter Höhe) seinen Großangriff gegen Pogacar, den Vingegaard am Col du Granon (2404 Meter Höhe) vollendete. 2023 ein ähnliches Szenario: Wieder bekam Pogacar in großer Höhe Probleme: Am Col de la Loze (2300 Meter Höhe) brach er auf dem Weg nach Courchevel ein und kassierte mehr als sieben Minuten auf Vingegaard. Dass das auch beim Giro passiert, ist unwahrscheinlich, wohl aber ein Ansatzpunkt, den die Konkurrenz im Hinterkopf haben sollte, denn auch beim Giro geht es das eine oder andere Mal über 2000 Meter Höhe hinaus.
Wer könnte Pogacar da am ehesten gefährden? Wenn man sich das Gesamtpaket anschaut, dann wohl Geraint Thomas (Ineos Grenadiers) und Romain Bardet (Team dsm-firmenich PostNL). Thomas, der Tour-de-France-Sieger von 2018, musste das Rosa Trikot im letzten Jahr erst beim letzten Bergzeitfahren an Primoz Roglic abgeben. Eigentlich etwas atypisch, denn Thomas ist ein sehr guter Zeitfahrer, was ihm 2024 entgegenkommen sollte: 71,8 Kilometer geht es in zwei Zeitfahren im Kampf gegen die Uhr. Gepaart mit seiner Erfahrung, sich auf den Punkt vorzubereiten, macht das Thomas zu einem der ersten Herausforderer von Pogacar.
Zusammen mit Romain Bardet. Auch der Franzose ist sehr erfahren, war 2016 Zweiter bei der Tour de France. Und er ist extrem gut in Form. Letzter Nachweis: Bardets zweiter Platz bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Abstriche muss der 33-Jährige im Zeitfahren machen, wo er schwächer ist als Thomas. Das könnte er in den Bergen wettmachen.
Ein Regal weiter unten haben wir drei Fahrer einsortiert, angeführt von Ben O’Connor (Decathlon AG2R La Mondiale). Der Tour-de-France-Vierte von 2021 ist dieses Jahr richtig gut drauf - zuletzt Zweiter bei der Tour of the Alps. Der Australier profitiert vom Aufschwung im französischen Team, das seit dieser Saison wie verwandelt wirkt - schon zwölf Saisonsiege. Der 28-Jährige ist stark in den Bergen, mit Luft nach oben im Zeitfahren. Das Podium ist auf jeden Fall drin.
Im letzten Jahr wurde Cian Uijtdebroeks (Visma | Lease a Bike) noch als Himmelsstürmer gefeiert. 2024 konnte der junge Belgier das nach seinem Wechsel von Bora-Hansgrohe, der mit vielen Nebengeräuschen ablief, noch nicht bestätigen. Rang fünf bei O Gran Camino und Platz sieben bei Tirreno-Adriatico werden der Konkurrenz keine Angstperlen auf die Stirn treiben. Dennoch wird sich der 21-Jährige nach Rang acht bei der Vuelta a Espana 2023 noch weiter vorne einordnen wollen.
Das Team Bora-Hansgrohe schickt nach dem Unfall von Lennard Kämna auf Teneriffa Daniel Felipe Martinez als alleinigen Kapitän an den Start. Der ehemalige Tour-de-France-Vierte Emanuel Buchmann wurde nicht berücksichtigt, was dem Deutschen sauer aufstieß. Die Chancen von Martinez? Top 5 oder sogar das Podium. Seine beste Platzierung erreichte der Kolumbianer bei einer Grand Tour 2021, als er im Windschatten von Egan Bernal als Helfer bei Ineos Grenadiers Fünfter beim Giro wurde. Martinez ist solide im Zeitfahren und muss an einem guten Tag kaum jemanden im Hochgebirge fürchten.
Mit dabei bei Bora-Hansgrohe ist auch Florian Lipowitz. Der Ex-Biathlet lehrte zuletzt der Konkurrenz bei der Tour de Romandie in den Bergen das Fürchten. Beim Giro sollten die deutschen Radsportfans aber nicht zu viel vom 23-Jährigen erwarten. Es ist seine erste Grand Tour. Dementsprechend geht es für Lipowitz erstmal darum, zu lernen und Teamaufgaben zu erfüllen.
Kommen wir zu den Einsternekandidaten: Nairo Quintana (Movistar). Der Kolumbianer gibt sein Comeback beim Giro, den er vor zehn Jahren gewann. Allerdings hat er nicht mehr das Leistungsniveau von damals. Eine Bänderverletzung im Arm beeinträchtigte zudem die Vorbereitung des Bergspezialisten, der selbst sagte, auf Etappenjagd gehen zu wollen. Nur bei einer günstigen Rennkonstellation, dürfte Quintana eine ernsthafte Rolle im Klassement spielen.
Bahrain-Victorious schickt mit Damiano Caruso und Antonio Tiberi ein Tadem Jung-Alt ins Rennen. Der 22-jährige Tiberi ist auch außerhalb des Radsports ein Begriff - allerdings aus unerfreulichem Grund: Der Youngster musste eine Geldstrafe zahlen, nachdem er die Katze des Tourismusministers von San Marino erschossen hatte. Zu dieser Zeit fuhr der Italiener noch für Trek-Segafredo, mittlerweile ist er zu Bahrain gewechselt und schreibt wieder sportliche Schlagzeilen. Unter anderem mit dem dritten Platz bei der Tour of the Alps zuletzt. Mit einer ähnlich guten Form beim Giro könnte Tiberi in Richtung Top 5 schauen. Unterstützt von seinem Teamkollegen Caruso. Der 36-jährige Kletterer war 2021 schon Zweiter der Italien-Rundfahrt, dürfte aber seine besten Tage schon hinter sich haben.
Gewonnen wurde die Tour of the Alps von Juan Pedro Lopez (Lidl-Trek). Der 26-jährige spanische Kletterer fuhr 2022 bereits lange in Rosa beim Giro, seither lief es aber nicht mehr, bis zur Tour of the Alps. Präsentiert er sich beim Giro ähnlich stark in den Bergen, kann auch er vorne reinfahren.
Im Windschatten von Geraint Thomas könnte sich auch Thymen Arensman (Ineos Grenadiers) in die Top-Ränge des Gesamtklassements fahren. Der Niederländer war mit 24 Jahren schon Sechster beim Giro und der Vuelta und gilt immer noch als großes Talent. Vielleicht platzt beim Giro der Knoten?
Ein weiteres Duo haben wir bei Jayco-AlUla. Da wäre zunächst Eddie Dunbar. Der Ire war lange bei Sky bzw. Ineos und durfte letztes Jahr erstmals beim Giro auf eigene Kappe fahren, mit Erfolg. Platz sieben in der Gesamtwertung stand am Ende zu Buche. Dass es 2024 für mehr reicht, ist nicht sehr wahrscheinlich. Bei der UAE-Tour hat sich Dunbar in diesem Frühjahr die Hand gebrochen, was ihn in seiner Giro-Vorbereitung stark einschränkte. Deshalb ist eine Prognose für den 27-Jährigen schwierig. Zudem hat Jayco-AlUla mit Luke Plapp ein hoffnungsvolles Talent für die Rundfahrten an Bord. Der 23-Jährige glänzte zuletzt bei der ersten Bergankunft der Tour de Romandie mit Rang drei und war zudem Sechster bei Paris-Nizza.
Als letzten Kandidaten mit einem Stern haben wir Alexey Lutsenko (Astana Qazaqstan Team) auf unserer Liste. Der Kasache war 2021 schon Siebter der Tour de France, kann also drei Wochen durchaus auf einem soliden Niveau Radfahren. Beim Abruzzen-Giro führte der 31-Jährige das Team UAE bei der Bergankunft in Prati di Tivo, die auch beim Giro im Programm ist, an der Nase herum und siegte in beeindruckender Manier. Lutsenko ist auch immer gut dafür, sich in eine Ausreißergruppe einzuschleusen, die ihn dann in den Bergen in die Top-Ränge des Klassements fahren könnte.