Die Tour de Suisse hat erst am 30. März voller Stolz ihren neuen Partner Zondacrypto vorgestellt: „Mit Zondacrypto gewinnen wir einen innovativen Partner, der international im Sport verankert ist und gezielt in die Zukunft des Radsports investiert. Die Verbindung von Technologie und Innovation passt ideal zur strategischen Neuausrichtung der Tour de Suisse, bei der wir verstärkt auf Innovation, Fan-Nähe und neue Aktivierungsmöglichkeiten setzen,“ erklärte Gabriela Buchs, CEO von Cycling Unlimited. Zondacrypto wurde als Premium-Partner der Tour de Suisse angekündigt, der das Nachwuchs-Trikot sponsort. Inzwischen hat man bei der Rundfahrt die Notbremse gezogen: „Das Ende März angekündigte Sponsoring mit Zondacrypto für dieses Sonderklassement hat sich als nicht tragfähig erwiesen und wurde darum durch die Verantwortlichen der Tour de Suisse mit sofortiger Wirkung aufgelöst.“ Sorgenfalten dürfte man auch bei Canyon//Sram Racing haben – das Team hatte erst 2025 einen Sponsoringvertrag mit der Kryptobörse bis 2028 verkündet. Der scheint ebenso bedroht wie das Sponsoring des Giro d’Italia Women. Denn rund um Zondakrypto zeichnet sich ein Wirtschaftskrimi ab, der seit Wochen für Schlagzeilen sorgt.
Anfang April meldeten hunderte Kunden, dass es ihnen nicht gelungen sei, ihre Guthaben abzuheben. Polnische Medien berichteten, dass laut Analysen 99 Prozent des Kryptowährungs-Guthabens der Plattform verschwunden seien. Polnische Sportmannschaften berichteten gleichzeitig, dass fällige Sponsoringzahlungen nicht geleistet wurden. Polens größte Kryptowährungsbörse dementierte öffentlich und sprach von einer Verzögerung bei der Auszahlung aufgrund eines Sicherheitsupdates. Das Unternehmen legte aber keine Belege vor, dass Reserven noch vorhanden seien. Die polnische Finanzaufsicht startete eine Ermittlung und es folgten erstaunliche Details. Beim Blick auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen entdeckte die Anwaltskanzlei Skarbiec, dass Kryptoguthaben von Kunden demnach mit minus 20 Prozent monatlich verzinst werden kann. Nach fünf Monaten wäre also das Guthaben aufgefressen. Die Börse sei, laut der Kanzlei Skarbiec, außerdem nicht für den Verlust von Guthaben verantwortlich und könne die AGBs mit einer Ankündigung von sieben Tagen jederzeit ändern.
Als ob das noch nicht Krimi genug wäre, folgte eine fragwürdige Erklärung des Unternehmens. Der 2022 spurlos verschwundene CEO haben damals den Schlüssel einer Wallet im Wert von 300 Mio. Dollar mitgenommen. Zondacrypto-CEO Przemysław Kral (45) behauptet, dass Suszek sein Bitcoin-Wallet vor Jahren zwar an Zondacrypto verkauft habe. Nur Suszek könne aber auf die Bitcoins zugreifen. Der frühere CEO, Sylwester Suszek, war 2022 tatsächlich spurlos verschwunden – dass damit auch der Zugriff auf die 300 Mio. Dollar nicht mehr möglich sei, wurde erst jetzt verkündet. Laut polnischen Medien gehen Familienmitglieder davon aus, dass Suszek nicht mehr am Leben ist. In einem spannenden Krimi wären spätestens jetzt genug Höhepunkte, doch es wird noch dramatischer.
Wie die Tageszeitung Gazeta Wyborcza und der öffentlich-rechtliche polnische TV-Sender TVP übereinstimmend berichten, soll das Unternehmen schon lange in der Hand der russischen Mafia sein. Es sei im Jahr 2018 von der Tambovskaya Bratva, einem mächtigen russischen Mafianetzwerk mit Sitz in St. Petersburg und angeblichen Verbindungen zum Kreml, übernommen worden. Die Transaktion soll dabei über Briefkastenfirmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten verschleiert worden sein. TVP beruft sich auf Erkenntnisse des polnischen Inlandsgeheimdienstes ABW. Seit April hätten über 700 Kunden Anzeige erstattet, weil sie ihr Geld nicht abheben konnten. Die Staatsanwaltschaft in Katowice ermittelt demnach auch wegen möglicher russischer Einflussnahme. Wie TVP weiter meldet, hatte Premierminister Donald Tusk bereits im Dezember 2024 in einer geschlossenen Parlamentssitzung auf eine „russischen Spur" hingewiesen und dabei ausdrücklich auf die „Bratva" und deren angebliche Verbindungen zum russischen Staat verwiesen. Polnische Staatsanwälte leiteten am 17. April eine Untersuchung gegen das Unternehmen ein, wegen Verdacht auf Betrug und Geldwäsche.
Die Untersuchungen der polnischen Justiz haben gerade erst begonnen – in Polen hat man aber keine Illusionen. Ein großes Neonschild, das die Kryptowährungsbörse Zondacrypto bewarb, wurde letzte Woche aus dem Hauptquartier des Polnischen Olympischen Komitees entfernt, da die Frist für die Zahlung unbezahlter Sponsorenzahlungen ablief. Premierminister Donald Tusk hat im Parlament einen Vorstoß gestartet, den Handel mit Kryptowährungen gesetzlich stärker zu regulieren. Die Website von zondacrypto.com war zum Zeitpunkt der Recherche seit mehreren Tagen offline. Wie der Krimi weitergeht, bleibt spannend.

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