TOUR: Seit fast zwei Jahren ist ihre Heimat im Krieg - was hat diese Zeit für Sie persönlich bedeutet?
Yaroslav Popovych: Das erste Jahr war wirklich schwierig in mentaler Hinsicht und auch die Arbeit mit Hilfslieferungen. Ich habe viele Freunde, die mitgemacht haben. Mein Team hatte mir erlaubt, dass ich mich zwei Monate nur um Hilfe für die Ukraine kümmern kann. Ich habe das Zeug selbst an die Grenze gebracht: Kleidung, Essen und Medizin. Ich habe die Leute an der Grenze gesehen, wie sie mit den kleinen Kindern geflohen sind. Die nicht wussten, wohin sie gehen sollen. Es war jedes Mal schlimmer und schlimmer. Mental war es sehr schwer, hier ein normales Leben zu führen.
TOUR: Aber 2023 haben sie wieder ganz normal für Lidl-Trek gearbeitet?
Yaroslav Popovych: Ja, aber ich habe vielen Leuten geholfen in Europa zu finden, was sie brauchen: so wie letztes Jahr als die Russen die gesamte Infrastruktur der Elektrizität angriffen haben und dringend Generatoren gebraucht wurden. Wir haben hier in Pistoia einen Krankenwagen gekauft, den ich in die Ukraine gebracht habe. Wir kamen aber nur bis Österreich, weil das Getriebe kaputt war. Da mussten wir erst ein neues finden – es gab immer was zu tun.
TOUR: Machen Sie das über eine Hilfsorganisation?
Yaroslav Popovych: Ich mache das mit Freunden die Kontakte haben und irgendwie helfen. Ich treffe an der Grenze meinen Vater, er ist alt und darf ausreisen. Er übernimmt die Lieferungen und ich fahre zurück nach Italien.
TOUR: Woher kommt das Geld?
Yaroslav Popovych: Das sammeln Menschen in der Ukraine und es kommt auch von mir und Freunden. In der ersten Zeit gab mir mein Team 30.000 Euro. Meine Kollegen geben mir Spenden und auch einige ukrainische Fußballspieler, die hier in Italien spielen.
TOUR: Sie kommen aus dem Westen der Ukraine, wo es relativ sicher ist. Ihre Mutter und Ihr Vater sind noch in der Region?
Yaroslav Popovych: Ja. Sie wohnen in einem kleinen Dorf nahe der polnischen Grenze, deshalb ist nie etwas passiert.
TOUR: Was ist mit Ihren Freunden in der Ukraine?
Yaroslav Popovych: Ich habe einen Kumpel, der an der Front kämpft in der ersten Reihe und der zweite arbeitet in einem Militärkrankenhaus, weit weg von der Front. Sie sagen ja, wir können kämpfen, aber ohne Waffen, ohne Panzer, ohne nichts, können wir den Kampf nicht führen. Meine Freunde sagen mir immer, es ist nicht so, wie sie es im Fernsehen zeigen. Die Realität ist viel schwieriger - viele Menschen sterben. Der Mann meiner Schwester arbeitet als Freiwilliger. Er bringt neuen Autos an die Front und holt die kaputten ab. Er sagt es ist eine einzige, große Katastrophe wie in einem düsteren Filmszenario.
TOUR: Verstehen Sie, dass viele in Europa nicht mehr über den Krieg Russlands nachdenken wollen?
Yaroslav Popovych: Krieg findet überall auf der Welt statt, aber wenn man nicht ihm verbunden ist, denkt man nicht darüber nach. Vor einem Monat gab es in der Toskana Hochwasser und meine Freunde haben viele Dinge verloren. Jetzt haben wir drei Wochen lang geholfen, die Schäden zu beseitigen. Es ist immer so, wenn man einem Menschen nah ist, kann man verstehen, was er denkt. Aber wenn es dich nicht berührt, wirst du nur sagen, es ist schlecht, aber nach einigen Momenten ist es vergessen und vorbei. Sogar in der Ukraine ist es genauso. Manchmal, wenn ich mich mental schlecht fühle, versuche ich aufzuhören, Nachrichten zu lesen. Aber trotzdem ist es nach ein, zwei Tagen so, dass man wieder anfängt, in der Heimat anzurufen. Weil das dein Land ist, das ist deine Mutter, alles. Ich lebe schon 23 Jahre in Italien von 43 Jahren. Das ist der größte Teil meines Lebens, aber im Herzen, im Kopf, überall bin ich Ukrainer.
TOUR: Ist es schwierig vor diesem Hintergrund weiterzuarbeiten?
Yaroslav Popovych: Wenn ich arbeite, schalte ich alles aus. Man konzentriert sich immer auf das Rennen, um die gleichen Probleme zu lösen, Fragen abzuarbeiten - das hat mir sehr geholfen. Als dieser Krieg gegen die Ukraine begann, war ich zwei Monate nur mit dem Krieg beschäftigt. Ich habe viele Dinge angeschoben und viel nachgedacht. Aber nach zwei Monaten habe ich verstanden, dass mein Körper das nicht aushält. Deshalb habe ich mir gesagt: jetzt ist es Zeit zurückzukommen, um abzuschalten. Man kann nicht jedem helfen. Ich muss zu meinem Vergnügen zurückkehren, zurück zum Radsport.
TOUR: Und fahren Sie immer noch Rad?
Yaroslav Popovych: Manchmal, aber nur zum Vergnügen. Während der Tour de France bin ich jeden Tag und nachmittags nach dem Rennen gefahren. Bei manchen Rennen haben wir eine Menge Zeug, eine Menge Sportdirektoren und so kann man ein, zwei Stunden alleine sein und auch den Druck abbauen. Ich bin wie ein Verrückter gefahren und saß auf dem Fahrrad, bin mit Vollgas gefahren. Aber als ich zurückkam, war ich geistig und körperlich wirklich frei. Es ist erstaunlich, wie anstrengend nur die Fahrt mit dem Auto in der Karawane bei Radrennen ist. Man muss immer vorsichtig sein und aufpassen auf die Fahrer, die Motorräder, Verkehrsinseln, Menschen und alles andere. Man muss wie ein Roboter sein, um alles zu kontrollieren, um keine Fehler zu machen.
TOUR: Steht Ihr Arbeitsplan für 2024 mit Lidl-Trek?
Yaroslav Popovych: Wir arbeiten schon seit eineinhalb Monaten an dem Programm für das nächste Jahr. Ich werde den Giro und die Tour de France machen. Die Tour startet in der Toskana, wo ich lebe und deshalb ist es eine Freude, dort zu sein.
TOUR: Wie können Menschen der Ukraine am besten helfen?
Yaroslav Popovych: Wir müssen reden und diskutieren. Das Wichtigste ist jetzt die politische Unterstützung. Normale Leute können schon kleine Dinge tun, wie wir: wir haben etwa 5000 Euro für den Krankenwagen gesammelt, wir brauchen Kleidung. Vor zwei Tagen habe ich eine Anfrage für Militärkleidung erhalten oder Batterien. Das ist für Freunde von Freunden und das ist wirklich wichtig. Es geht aber vor allem um politische Unterstützung, beim Thema Waffen, Geld und dem Wiederaufbau des Landes. Das ist ein langer Prozess, aber ich bin mir sicher, dass er stattfinden wird.
Popovych hat keine offizielle Organisation. Links zu Hilfsprojekten:

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