Es ist noch nicht lange her, da dachte Alexander Kristoff, dass er im Juli 2023 Urlaub haben würde und auf seine zehnte Teilnahme an der Tour de France noch warten müsste. Zur neuen Saison war er vom World-Tour-Team Intermarche-Circus-Wanty zum kleinen Rennstall Uno-X Pro Cycling Team in seine Heimat Norwegen gewechselt. “Die Entscheidung war hart. Ich hatte ein großartiges Jahr bei Intermarche. Ich hätte dort bleiben können”, sagt der 36-Jährige, mit vier Etappensiegen bei der Tour de France und Triumphen bei Mailand-San Remo und Flandern-Rundfahrt der erfolgreichste norwegische Radprofi der Gegenwart. Er hat sich dann doch für den Wechsel samt Dreijahresvertrag entschieden: “Ich hatte die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben: als Norweger mit dem ersten norwegischen Team die Tour de France zu fahren. Das war der Auslöser, dass ich dabei sein wollte.”
Das mit der Tour-de-France-Teilnahme ging dann doch schneller als erwartet. Vielleicht hört man den Jubelschrei von Teamchef Jens Haugland jetzt noch durch die norwegische Fjordlandschaft hallen, den er ausstieß, kurz nachdem am Neujahrstag sein Telefon klingelte. Haugland war im Weihnachtsurlaub und gerade dabei, Pizza für die Familie zu holen, als Tour-Chef Christian Prudhomme anrief und ihm die frohe Botschaft überbrachte: Uno-X würde bei der Tour 2023 als erstes Team aus Norwegen dabei sein.
“Uno-X ist eine neue Equipe mit starker Identität, da sie nur norwegische und dänische Rennfahrer hat. Sie haben Alexander Kristoff unter Vertrag, eine Legende des norwegischen Radsports, und auch Tobias Johannessen, den Sieger der Tour de l’Avenir 2021”, begründete Prudhomme die Einladung. Nur zwei Wildcards gab es in diesem Jahr für die Tour. Meist werden französische Teams berücksichtigt, aber nachdem die Equipe B&B Hotels im vergangenen Herbst kurzfristig dichtgemacht hatte, war nur TotalEnergies als Anwärter aus Frankreich geblieben.
Sicher hat auch geholfen, dass Tour-Veranstalter ASO starke geschäftliche Interessen in Norwegen hat, dort das Arctic Race veranstaltet und die wohlhabenden Länder im Norden Europas im Radsport aktuell interessante Wachstumsmärkte sind. Außerdem rollte zum Debüt nicht nur eine Skandinavien-Auswahl aus zwei Dänen und sechs Norwegern an den Start, sondern auch die rot-gelb gewandete Werbekarawane einer Tankstellen-Firma, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat.
Ein grüner Anstrich kann auch dem größten Radrennen der Welt nicht schaden, das vor allem auch ein großes Autorennen mit gewaltigem Begleittross und schwer rußenden Mobilen der Werbekarawane ist. Uno-X, Teil des Großkonzerns Reitan, betreibt in Norwegen und Dänemark knapp tausend sogenannter Mobilitätszentren – Tankstellen, die sich aber schnellstmöglich in Ladestationen für E-Mobilität wandeln sollen.
“Sonst spielt unsere Firma in fünf bis zehn Jahren keine Rolle mehr”, sagt Haugland, der nicht nur Teamchef ist, sondern auch einer der Direktoren bei Uno-X, das die Profimannschaft nicht nur sponsert, sondern deren Eigentümer ist. In Norwegen fahren rund 80 Prozent der neu zugelassenen Autos mit Strom – weit mehr als in jedem anderen Land Europas.
Die Debütanten aus der Heimat der Wikinger treten auch sportlich selbstbewusst auf. Jahrzehntelang bedeutete eine Einladung zur Tour de France per Wildcard: Man hatte bitte auf Flachetappen die frühen Ausreißergruppen ohne Erfolgsaussichten zu besetzen. “Der Radsport hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Wir sind hier, um Ergebnisse zu erzielen, nicht um TV-Zeit zu bekommen”, sagt Sportchef Kurt Asle Arvesen. Die Mannschaft braucht zudem die nötigen Punkte, um binnen drei Jahren den Aufstieg in die World-Tour zu schaffen.
Die Tour-de-France-Premiere im Baskenland ging jedoch nicht gut los: Torstein Träen landete auf der 1. Etappe hart auf dem Asphalt – er war die große Hoffnung auf einen guten Gesamtrang, nachdem er die Dauphine-Rundfahrt als Achter beendet hatte. Doch der 28-Jährige, der noch im Vorjahr eine OP wegen einer Hodenkrebserkrankung überstanden hatte, kämpfte sich geschunden mit einem Bruch im Ellenbogen durchs Rennen.
Größter Erfolg des Teams war der dritte Rang von Tobias Johannessen auf der Pyrenäenetappe nach Cauterets – bezwungen nur von Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard. In den Sprints ging wenig. “Ich werde älter und vielleicht auch langsam”, sagte Kristoff, einziger Fahrer im Team mit Tour-Erfahrung.
“Aber ich hoffe, ich bin ein gutes Vorbild für die Kollegen.” Der Routiner blickt schon voraus: “Ich hoffe, der Radsport in Norwegen bekommt wieder mehr Aufmerksamkeit – ein Team bei der Tour hilft dabei natürlich viel.” Kristoff wäre zu seiner Anfangszeit beinahe gar nicht Profi geworden, weil Norweger als Radprofis damals kaum gefragt waren. Das dürfte sich mit einem heimischen Top-Team ändern.

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