Leon Weidner
· 16.01.2026
Die Tour Down Under hat sich im Lauf der Jahre zum größten regelmäßig ausgetragenen Radsportereignis auf der Südhalbkugel entwickelt. Anfangs war das Rennen ausschließlich den Männern vorbehalten, doch ab 2011 kamen mehrere Frauen-Kriterien hinzu, aus denen sich später ein eigenes Etappenrennen formte. In puncto sportlicher Wertigkeit durchlief die Veranstaltung sämtliche UCI-Kategorien und gehört seit 2024 zur Women’s World Tour. Traditionell markiert es den Saisonauftakt für viele Teams und gilt wegen der oft extremen Hitze als früher Härtetest für die Profis.
Nachdem das Team SD Worx - Protime im letzten Jahr auf den frühen Saisonstart in Australien verzichtete, steht das Team in diesem Jahr wieder am Start. Neben den 14 WorldTour Teams ist auch die Nationalmannschaft Australiens wieder dabei. Dass alle Teams der WorldTour am Start stehen ist nicht selbstverständlich. Im vergangenen Jahr waren es grade einmal neun von 15 Teams der höchsten Radsportliga, weshalb mit Teams der zweiten Liga aufgefüllt wurde. Die Leistungsdichte ist damit deutlich höher und spannende Etappen vorprogrammiert.
***** Noemi Rüegg, Ally Wollaston
**** Mavi García, Dominika Włodarczyk, Magdeleine Vallieres
*** Sarah Van Dam, Marion Bunel
** Chloé Dygert, Amanda Spratt
* Margaux Vigié, Marta Lach, Paula Blasi, Ricarda Bauernfeind
* Je mehr Sterne eine Fahrerin erhält, desto höher sind ihre Chancen einzuschätzen
Hinweis: Bei Veröffentlichung dieses Artikels steht die endgültige Startliste noch nicht zu 100 Prozent fest. Es kann sein, dass hier erwähnte Fahrerinnen nicht starten
Die Vorjahressiegerin ist nach ihrem überraschenden Sieg 2025 wieder am Start. Rennen die eine Fahrerin einmal gewonnen hat bleiben ihr im Kopf, vor allem wenn es der Sieg für den Durchbruch in der Karriere war. Das dürfte Rüegg klar beflügeln und zusätzliches Selbstbewusstsein geben. Letztes Jahr noch als zweitklassiges Team kategorisiert, reist EF Education-Oatly in diesem Jahr als Teil der WorldTour an. Dabei ist noch eine andere Überraschungssiegerin: Die frisch gebackene Weltmeisterin Magdeleine Vallieres. Ein starkes Team also, wovon die Schweizerin profitieren könnte.
Mit Demi Vollering im Team hat Ally Wollaston ganz klare Aufgaben bei den großen Rennen des Jahres. Beim Saisonauftakt in Down Under sieht es jedoch anders aus. Dass die Neuseeländerin auch in die Führungsrolle schlüpfen kann hat sie 2025 eindrucksvoll bei der Tour of Britain bewiesen. In einem stark besetzten Feld gewann sie die viertägige Rundfahrt und kommt mit einer top Form aus der letzten Saison.
Mit 42 Jahren aufhören? Kommt für die Spanierin Mavi García nicht in Frage. Mit dem Wechsel zum UAE Team ADQ unterstreicht sie ihre Ambitionen - und dass völlig zurecht. Der dritte Platz bei den Weltmeisterschaften in Ruanda zeigte einmal mehr, warum García auch in diesem Alter nicht zu unterschätzen ist. Ob sie jedoch die Rolle der Kapitänin einnehmen darf steht auf einem anderen Blatt, da mit Dominika Włodarczyk eine aufstrebende Fahrerin an ihrer Seite fährt.
Das zweite heiße Eisen des UAE Team ADQ ist die 24-jährige Polin Dominika Włodarczyk. Schon im letzten Jahr belegte sie den vierten Platz bei der Tour Down Under, 2024 war es der fünfte Platz. Logische Schlussfolgerung für 2026 ist das Treppchen. Dafür würde auch der vierte Platz bei der Tour de France Femmes sprechen, bei der sie vor allem in den Bergen glänzte und starke Ergebnisse landete.
Die Überraschungs-Weltmeisterin aus Ruanda steht auf der Liste der Favoritinnen fast so weit oben wie ihre Teamkollegin Rüegg. Die interne Teamhierarchie muss natürlich geklärt werden, außer man entscheidet sich für eine Doppelspitze. Bei Klassikern liefert die Kanadierin konstant solide Ergebnisse ab, ob es aber reicht um bei einem Etappenrennen zu gewinnen wird man sehen.
Nach der Auflösung ihres alten Teams Ceratizit geht die Kanadierin nun für Visma an den Start. Sie ist jedoch vermutlich nicht die alleinige Anwärterin auf die Führungsrolle in ihrem Team, da das junge Talent Marion Bunel ebenfalls bei der Tour Down Under am Start stehen wird. Wie sich Van Dam in einem deutlich stärkeren Team schlagen wird, muss sich noch zeigen.
Mit grade einmal 21 Jahren ist die Französin schon voll im Profiradsport angekommen. Mit Sarah Van Dam bildet sie ein kletterfestes Duo, das für Wirbel sorgen kann. Nach einer starken Saison mit dem Tour-Sieg ihrer Teamkollegin Ferrand-Prévot und einigen guten Platzierungen bei kleineren Rundfahrten, könnte Bunel für eine faustdicke Überraschung sorgen.
Doppelweltmeisterin im Zeitfahren und WM-Zweite 2024 beim Straßenrennen - das sind beachtliche Erfolge. Jedoch lief es bei der US-Amerikanerin in der letzten Saison nicht ganz rund, die Vuelta und Tour de France konnte sie nicht beenden, bei der Tour Down Under belegte sie nur den 26. Platz. Bei den großen Klassikern konnte Dygert hingegen teils Top Ten Ergebnisse landen, das Terrain in Australien dürfte ihr also liegen.
Es ist das letzte Jahr im Radsport-Zirkus für die mittlerweile 38-jährige Fahrerin aus Australien. Wie es sich anfühlt die Tour Down Under zu gewinnen, weiß Spratt nur zu gut. Sie ist mit ihren Erfolgen in den Jahren 2017, 2018 und 2019 die Rekordsiegerin. Ihre Abschiedstour beginnt bei ihrem Heimrennen - das könnte mit einer großen Überraschung ein ganz besonderer Abschied werden.
Besonders weil es der Saisonauftakt ist und die Fahrerinnen aus den Trainingslagern zurück ins Renngeschehen kommen, können die Überraschungen beim Saisonauftakt groß sein. Nach den genannten Favoritinnen gibt es daher eine ganze Reihe an Kandidatinnen, die für ordentlich Wirbel sorgen und das Klassement auf den Kopf stellen können. Mit eher geringen Chancen starten daher Margaux Vigié (Team Visma | Lease a Bike) und Marta Lach (Team SD Worx - Protime) ins Rennen. Erste wird vermutlich eine Rolle als Helferin zuteil, während Lach auch als Kapitänin antreten könnte. Paula Blasi (UAE Team ADQ) dürfte wie Vigié als Helferin fungieren, bei einer dreitägigen Rundfahrt kann es jedoch immer zu besonderen Umständen kommen. Aus deutscher Sicht ist Ricarda Bauernfeind (Lidl-Trek) mit ihrem neuen Team am Start. Nach einer Verletzung nimmt die 25-jährige seit letzter Saison wieder Fahrt auf und könnte mit viel Glück den Sprung nach vorne im Klassement schaffen.