Die zunehmende Professionalisierung im Nachwuchsbereich des Radsports macht jetzt auch nicht vor einem der wichtigsten und traditionsreichsten Nachwuchsrennen halt. “Es ist eine kleine Revolution für die Tour de l’Avenir”, schreibt die französische Internetseite lequipe.fr. Die Tour de l’Avenir, auch Tour de France für Nachwuchsfahrer genannt, soll bei der nächsten Auflage ab 19. August 2026 mit vielen der sogenannten Devo(Development)-Teams über die Bühne gehen. Das sind die als UCI Continental Teams lizensierten Nachwuchsmannschaften der weltbesten Profirennställe. Seit 2007 waren nur Nationalteams für das Rennen der U23-Klasse zugelassen. Das Rennen ist ein wichtiges Sprungbrett in den Profiradsport und führt regelmäßig auf schweren Bergetappen durch die französischen Alpen. Zu den Siegern der vergangenen Jahre zählen Nairo Quintana, Egan Bernal, Tadej Pogacar und Isaac del Toro.
”Diese Anpassung der Teilnahmeregeln fügt sich in die Realität des aktuellen Radsports”, heißt es in einer Verlautbarung des Rennveranstalters A-Velo, der von Tour-de-France-Organisator ASO unterstützt wird. Bereits eine Startzusage haben zehn Mannschaften, darunter auch die Nachwuchsformation von Red Bull-Bora-hansgrohe. Die geladenen Teams im Überblick: Bahrain Victorious Development Team, Development Team Picnic PostNL, EF Education Aevolo, Ineos Grenadiers Racing Academy, Lidl-Trek Future Racing, Red Bull-Bora-Hansgrohe Rookies, Soudal Quick-Step Devo Team, Tudor Pro Cycling Team U23, Visma Lease a Bike Development Team und UAE Team Emirates Gen-Z. Laut Veranstalter gibt es zwei weitere Devo-Teams als Kandidaten, bis Ende Januar sei die Tür offen für weitere Bewerbungen.
Nach aktuellem Stand sollen die professionellen Rennställe aber die Verbandsauswahlen nicht komplett verdrängen. Das wirft jedoch Probleme auf, wie der Veranstalter bestätigt. “Die neuen Regeln werden diskutiert”, sagt der Pressesprecher. Ende März wolle man die Liste mit allen startenden Mannschaften, sowohl Devo-Teams wie Nationalauswahlen veröffentlichen. Laut Veranstalter sei es ausgeschlossen, dass in den Nationalmannschaften Rennfahrer nominiert werden, die einen Vertrag bei einem Devo-Team haben, das ebenfalls am Start steht. “Das kann zum Beispiel ein Problem für Italien sein, das viele Rennfahrer in den Devo-Teams hat. Bei anderen Ländern, beispielsweise Slowenien, ist das nicht der Fall”, erläutert der Pressesprecher des Rennens.
Laut italienischen Medienberichten will beispielsweise der italienische Verband FCI voraussichtlich keine Nationalmannschaft an den Start schicken, weil die besten Rennfahrer bereits mit Devo-Teams am Start stehen werden. So soll U23-Weltmeister Lorenzo Finn für die Red Bull-Bora-hansgrohe Rookies im kommenden August an den Start gehen. Er war Gesamtvierter der Auflage 2025. Beim deutschen Verband German Cycling (GC) begrüßt man die Entwicklung grundsätzlich. “Sofern wir für die Teilnahme ausgewählt werden beziehungsweise wir uns qualifizieren und wir entsprechende Rahmenbedingungen vorfinden, nehmen wir gerne an der Rundfahrt teil“, sagt GC-Sportdirektor Patrick Moster auf Anfrage von TOUR. Grundsätzlich beeinflusse diese Öffnung des Etappenrennens die Nachwuchsarbeit von GC nicht: “Es ist bereits seit Jahren bei diversen Wettkämpfen der Fall, dass sich unsere U23-Nationalmannschaft mit Devo-Teams misst”, betont Moster. Auch für U23-Bundestrainer Ralf Grabsch werde sich die Arbeit nicht grundlegend ändern. Laut Sportdirektor gebe es sogar Vorteile für die Nachwuchsarbeit: “Er wird bei der Tour de l´Avenir sehr wahrscheinlich mehr deutsche Sportler sichten und beobachten können, da wir davon ausgehen, dass neben der Nachwuchsnationalmannschaft auch weitere deutsche Sportler in den diversen Devo-Teams die Rundfahrt bestreiten werden.” Es wird sich zeigen, ob das neue geplante Format tatsächlich von Vorteil für alle Beteiligten ist.