​Team Canyon-SRAM 2026Mit Rolf Aldag als Steuermann zum erneuten Tour-de-France-Sieg?

Andreas Kublik

 · 27.02.2026

​Team Canyon-SRAM 2026: Mit Rolf Aldag als Steuermann zum erneuten Tour-de-France-Sieg?
Die Rückkehr von Rolf Aldag ins Team war ein Herzenswunsch von Niewiadoma, als dessen plötzlicher Abschied vom Team Red Bull-Bora-hansgrohe öffentlich bekannt wurde. „Kasia hat mich persönlich angesprochen und mich gefragt: Gibt es vielleicht eine Chance, dass du wiederkommst. Ich will die Tour gewinnen - kannst du nochmal helfen?“, erzählt Aldag. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er sich durch die Anfrage geschmeichelt gefühlt hat. Ein Besuch von Teamchef Ronny Lauke in Aldags Wahlheimat Südafrika und ein paar Gespräche später war man sich einig. Aldag kehrt zu Team Canyon zurück, wo er schon einmal in der Saison 2020 wirkte. Auch seine Frau Eva wirkt im BereichQ Logistik künftig mit.
Kasia Niewiadoma vom deutschen Team Canyon-SRAM-zondacrypto will Anlauf auf einen erneuten Sieg bei der Tour de France Femmes nehmen. Rolf Aldag soll als neuer Sportdirektor die Weichen auf Erfolg stellen.

Wenn sich die besten Radprofis der Welt am kommenden Samstag auf die Pflasterstraßen des Radrennens Omloop Het Nieuwsblad stürzen, werden viele der prominentesten Namen der Szene fehlen. Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel oder Florian Lipowitz - sie alle machen einen Bogen um einen Start bei dem traditionsreichen und sehr schweren Eintagesrennen, das in der Radsportnation Belgien auch Teil des „Opening Weekend“ ist. Am letzten Wochenende im Februar beginnt die Radsportsaison für die radsportverrückten Belgier richtig.

Anders als bei den Männern, wo das Spezialistentum viel ausgeprägter ist, und sich beim Omloop vor allem reine Klassikerspezialisten tummeln, gibt sich bei den Frauen das Who-is-who des Radsports ein Stelldichein. Bis auf die Siegerin der vergangenen Tour de France, die Französin Pauline Ferrand-Prévot, die später in denn Rennbetrieb einsteigt, ist es ein Wiedersehen mit Weltmeisterinnen, Olympiasiegerinnen, Giro- und Tourgewinnerinnen: Anna van der Breggen, Demi Vollering, Lotte Kopecky und Kasia Niewiadoma stehen in der Startliste für die erste Härteprüfung des Jahres auf höchstem Niveau.

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Rolf Aldag weiß, wie man Rundfahrtsiege plant

Kennt den Weg zu Rundfahrtsiegen: Rolf Aldag (links) führte Jai Hindley bei Bora-hansgrohe zum Giro-SiegFoto: dpa/pa/RothKennt den Weg zu Rundfahrtsiegen: Rolf Aldag (links) führte Jai Hindley bei Bora-hansgrohe zum Giro-Sieg
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Für Niewiadoma soll es der Auftakt in ein besonderes Jahr sein. Die 31-jährige Polin will wie im Jahr 2024 wieder die Tour de France Femmes gewinnen. Und deshalb hat ihr Team Canyon-SRAM-zondacrypto noch einen Mann verpflichtet, der im Radsport immer wieder schnell Teil erfolgreicher Strukturen war. Rolf Aldag. 1997 saß er als Helfer im Rennsattel, als Jan Ullrich die Tour gewann. Beim Team Bora schaffte er im ersten Jahr als Sportdirektor, den Australier Jai Hindley zum Giro-Sieg zu steuern.

Der Wunsch der Tour-Siegerin

Die Rückkehr von Rolf Aldag ins Team war ein Herzenswunsch von Niewiadoma, als dessen plötzlicher Abschied vom Team Red Bull-Bora-hansgrohe öffentlich bekannt wurde. „Kasia hat mich persönlich angesprochen und mich gefragt: Gibt es vielleicht eine Chance, dass du wiederkommst. Ich will die Tour gewinnen - kannst du nochmal helfen?“, erzählt Aldag. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass er sich durch die Anfrage geschmeichelt gefühlt hat. Ein Besuch von Teamchef Ronny Lauke in Aldags Wahlheimat Südafrika und ein paar Gespräche später war man sich einig. Aldag kehrt zu Team Canyon zurück, wo er schon einmal in der Saison 2020 wirkte. Auch seine Frau Eva wirkt künftig im Bereich Qualitätsmanagement mit.

Aldag und Teamchef Ronny Lauke kennen sich seit gemeinsamen Rennfahrertagen und arbeiteten schon einst beim T-Mobile-Nachfolger Highroad in der Sportlichen Leitung zusammen – Aldag bei den Männern, Lauke bei den Frauen. „Rolf ist ein herausragender Kommunikator, ein Taktikfuchs und jemand der weiß, wie man Leute für eine gemeinsames Ziel zusammenbringt“, sagte Lauke angesichts der Verpflichtung. Mit dem Omloop Het Nieuwsblad nimmt das gemeinsame Projekt nach der Aufwärmrunde Niewiadomas bei der UAE Tour Fahrt auf. „Es ist ein großartiges Rennen, um sich daran zu erinnern, wie sich ein Frühjahrsklassiker anfühlt“, sagte Niewiadoma dem Radsportkanal cyclingnews.com jüngst. Es ist die Vorbereitung auf das Rennen Strade Bianche in Italien, wo Niewiadoma voraussichtlich auch auf Tour-Siegerin Ferrand-Prévot trifft. „Strade ist das erste große Ziel, ich möchte vorher einen Einstieg haben“, ergänzt sie. Den Wettbewerb über die Schotterstraßen in der Toskana hat die Polin schon dreimal als Zweite beendet. Ein Terrain, das der Gravel-Weltmeisterin von 2023 liegt, auf dem sie gerne endlich gewinnen würde. Ihren letzten internationalen Profi-Sieg feierte die amtierende Meisterin ihres Landes im August 2024 – im Gelben Trikot oben in Alpe d’Huez. Sie will wieder zurück auf den Gipfel bei der Tour – im kommenden August. Der Weg dorthin beginnt jetzt.

Ein klein bisschen will Aldag, der alte Fahrensmann unter den Sportchefs im Profiradsport, die Erwartungen dann doch dämpfen. „Der Anspruch ist sicherlich, erst mal hinzufahren und zu sagen, wir würden da gerne wieder ganz oben auf dem Podest stehen“, sagt Aldag über das Projekt Tour de France. Begleitet wird Niewiadoma in Frankreich voraussichtlich von Antonia Niedermaier. Die 23-jährige ehemalige Skibergsteigerin aus Bad Aibling hat längst bewiesen, dass sie das Zeug für eine herausragende Rundfahrtspezialistin in der Zukunft hat. Die WM-Vierte im Einzelzeitfahren 2024 und Giro-Fünfte des Vorjahres soll die Mannschaft bei der Italien-Rundfahrt anführen, und dann wenige Wochen später bei der Tour in eine Helferrolle für ihre routinierte Teamkollegin schlüpfen. „Sie ist noch ein bisschen ein Rohdiamant. Sie ist technisch gut und hat ein brutales Potenzial“, sagt Aldag. Dazu kommt noch die 23-jährige Australierin Neve Bradbury, Etappensiegerin und Gesamtdritte beim Giro d’Italia 2024. „Grundsätzlich können alle drei aufs Podium fahren“, schätzt Aldag – am besten verteilt auf Vuelta, Giro und Tour.

Canyon-SRAM könnte die Zukunft gehören

Ein Blick für Talente: Teamchef Ronny Lauke (rechts) mit Antonia NiedermaierFoto: dpa/pa/RothEin Blick für Talente: Teamchef Ronny Lauke (rechts) mit Antonia Niedermaier

Doch der Ehrgeiz seines neuen Rennstalls beschränkt sich nicht nur auf die Gesamtwertung bei den Etappenrennen, betont der Sportdirektor: „Für die Sprints haben wir Chiara Consonni. Zoe Backstedt ist noch ganz jung, aber es wäre jetzt nicht komplett wahnsinnig zu sagen, dass wir mit ihr anstreben, dass sie in Los Angeles Zeitfahr-Olympiasiegerin wird. Und wir sind relativ überzeugt, dass sie in ihrer Karriere irgendwann Roubaix gewinnen wird.“

Dazu kommt noch die vielseitige Tour-Etappensiegerin Cecilie Uttrup Ludwig aus Dänemark. Eine andere Tour-Etappensiegerin, die Eichstätterin Ricarda Bauernfeind, verließ hingegen das Team Richtung Lidl-Trek. Der Kader umfasst für die Saison 2026 nur noch 16 statt im Vorjahr 18 Rennfahrerinnen. Einzige namhafte Neuverpflichtung: Rolf Aldag. Zwei bis drei Rennfahrerinnen mehr wären für das Rennprogramm sicher hilfreich, der neue Steuermann verweist aber darauf, dass man bei Rennen unterhalb der World-Tour-Serie die Kader mit Rennfahrerinnen aus dem Nachwuchsteam Canyon-SRAM zondacrypto Generation auffüllen und so jungen Rennfahrerinnen Startgelegenheiten auf Profiniveau anbieten könne.

Sein neuer Arbeitgeber hat eine Art Alleinstellungsmerkmal. Neben SD Worx-Protime und Human Powered Health ist der deutsche Rennstall einer von drei Mannschaften auf World-Tour-Niveau, der nicht mehr oder weniger eng mit einem Männerteam verbandelt ist. Aldag findet das spannend und betont, dass man an seinem neuen Arbeitsplatz die Frauen nicht aus Political Correctness oder auf Druck der Sponsoren gleichsam mitbetreut. Sondern das hier gilt: Ladies first - and only. “Das allgemeine Wachstum im Frauenradsport ist spannend. Gleichzeitig bietet es neue Herausforderungen, um an der Spitze dabeizubleiben”, sagt Aldag. Vieles ist im Frauenradsport immer noch schwieriger als bei den Männern. Es sieht so aus, als hätte Rolf Aldag diese neue Herausforderung gesucht, um aus dem zwischenzeitlichen Vorruhestand in seiner neuen Wahlheimat Südafrika weggelockt zu werden. Oder sie ihn.

Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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