Einmal die großen Vorbilder des Radsports treffen - das ist ein Traum von vielen Rennradfahrerinnen und Rennradfahrern. Daran ist auch nichts verwerflich. Der Profi-Radsport ist nicht umsonst so beliebt wie kaum eine andere Sportart, man kann den Profis so richtig nah kommen. Ob an den legendären Anstiegen der Tour de France, oder auf dem Kopfsteinpflaster bei Paris-Roubaix, überall können Fans ihre Idole hautnah erleben ohne Eintritt zu zahlen. Auch beim Training erklimmen Stars wie Tadej Pogačar dieselben Anstiege wie alle Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportler, wenn auch oft in den wärmeren Regionen Europas. Genau das macht unseren Sport aus, so war es schon immer.
Vor einigen Tagen erst äußerte sich das Team Visma | Lease a Bike zu diesem Thema. Jonas Vingegaard stürzte im Training, erlitt zwar keine schweren Verletzungen, musste im Anschluss jedoch seinen Saisonauftakt bei der UAE Tour absagen. Ohne eine direkte Verbindung zwischen dem Sturz des Dänen und der Interaktion mit einem Fan herzustellen, bat das Team in einem Statement um mehr Platz für die trainierenden Profis. Später wurde klar: der zweifache Tour-Sieger wurde solange verfolgt, bis er sich gezwungen sah mit mehr Risiko abzusetzen und daraufhin stürzte. Ein Fahrfehler des Profis, das ist klar, aber provoziert durch das Bedrängen eines Amateurs.
Auch der aktuell erfolgreichste Fahrer der Welt bleibt von unangenehmen Begegnungen nicht verschont. Auf seinem Strava-Account postete der Weltmeister seine Radfahrt bei Valencia und schrieb dazu: “Wenn du mich während ich im Gespräch mit jemandem bin siehst und mich um ein Foto bittest, bitte ich dich, mir zwei Minuten Zeit zu geben, um das Gespräch zu beenden. Wartest du zwei Minuten oder zeigst du mir den Mittelfinger und fährst wütend weg? (Und dein Partner schreit mich auch noch an?)”. Eine eher rhetorische Frage und mit leichtem Humor unterlegt. Aber die Message kommt trotzdem rüber - Manieren und Anstand gehören auch auf dem Rad dazu.
Warum passiert so etwas überhaupt? Ausgerechnet diese Fans würden ein derartiges Verhalten im privaten Umfeld vermutlich niemals zeigen. Doch Social Media befeuert schnell den Eindruck, Fahrer wie Tadej Pogačar seien keine Menschen, sondern Maschinen – jederzeit verfügbar, unantastbar, ohne Grenzen. Dabei sind nicht die Plattformen das eigentliche Problem, sondern die Art und Weise, wie einzelne Personen sie nutzen. Ein Foto mit einer weltberühmten Persönlichkeit scheint im Zweifel mehr wert zu sein als die eigene Sicherheit – und manchmal sogar mehr als die Sicherheit der Profis.
Und der Radsport steht damit keineswegs allein: Dieses Phänomen zieht sich durch nahezu alle Bereiche. Die größten Musikerinnen und Musiker unserer Zeit können sich kaum noch unbehelligt auf der Straße bewegen, und auch in anderen Sportarten sieht es nicht anders aus. Für Stars ist es oft ein Leben zwischen Licht und Schatten.
Eines steht fest. So kann es nicht weitergehen. Im Umgang zwischen Profis und Amateuren braucht es klare Grenzen und mehr gegenseitigen Respekt. Nach einem Foto oder Video zu fragen, ist völlig in Ordnung – ein „Nein“ muss aber ohne Diskussion akzeptiert werden. Ebenso muss es selbstverständlich sein, ein begonnenes Gespräch beenden zu dürfen, bevor ein Bild gemacht wird.
Je mehr Athletinnen und Athleten sich öffentlich zu diesem Thema äußern, desto besser: Das schafft Bewusstsein bei Fans und sorgt hoffentlich dafür, dass sich beim nächsten Mal die eine oder der andere überlegt, ob und wie man eine Profi-Person auf dem Rad anspricht. Die Devise lautet: freundlich fragen, die Antwort respektieren – und niemals ungefragt am Hinterrad kleben.
Werkstudent
Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.