Andreas Kublik
· 02.03.2026
Es sah geradezu spielerisch leicht aus, wie der Mann von der Spitze weg allen davonfuhr. Tatsächlich sagte Matthew Brennan im Ziel: „Ich hatte den leichten Teil des Jobs.“ Da hatte er gerade den größten Sieg seiner Karriere gefeiert - beim 195 Kilometer langen Radrennen Kuurne-Brüssel-Kuurne in Belgien, als bisher jüngster Rennfahrer in der Geschichte des Wettbewerbs, der bis ins Jahr 1946 zurückreicht. Klar, der 20-jährige Brite war im Finale von seinem französischen Teamkollegen bei Visma-Lease a bike, Christophe Laporte, perfekt in den Zielsprint einer rund 40-köpfigen Spitzengruppe lanciert worden. Brennan musste nur mit Sprintstärke die Vorarbeit vollenden. Aber das Rennen gilt als eine der Härteprüfungen beim sogenannten Opening Weekend, mit dem in Belgien die Radsportsaison jedes Frühjahr am Monatswechsel von Februar zu März eingeläutet wird. Es ist ein Rennen, das ein Wegweiser für Profikarrieren sein kann. Die Namen von Tom Boonen, Peter Sagan, Mark Cavendish, Wout van Aert und Jasper Philipsen stehen in der Siegerliste.
Kein Wunder, dass gleich nach dem Zieleinlauf große Vergleich gezogen wurden. Schließlich war es ein berühmter Landsmann, Mark Cavendish, der das Rennen als letzter Brite zuvor gewonnen hatte – in den Jahren 2012 und 2015. Cavendish gilt als erfolgreichster Sprinter der Geschichte, der den Uralt-Rekord von Eddy Merckx bei den Etappensiegen bei der Tour de France verbesserte. Brennan wird in der Szene schon seit einigen Jahren hochgehandelt – seine physiologischen Werte ließen schon früh sein Potenzial erkennen. Doch aus dem Briten ist nun schon sehr früh ein Siegfahrer geworden – der mehr kann, als nur sprinten. Bei Kuurne-Brüssel-Kuurne über steile Stiche und Kopfsteinpflaster muss man erst einmal das Finale erreichen. Anderen gelang das nicht. Tour-Etappensieger Jasper Philipsen und den hochgehandelten Franzosen Paul Magnier brachten Defekte um ihre Chancen, andere wie Topsprinter Jonathan Milan oder der einstige Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France, Biniam Girmay, fielen früh zurück. Der Youngster biss sich durch und triumphierte – es war im zweiten Jahr als Profi bereits das 14. Mal, dass er als Erster die Ziellinie überquerte. Auch wenn er bereits Etappen bei Rundfahrten auf World-Tour-Niveau wie Katalonien-Rundfahrt oder Tour Down Under für sich entschied – der jetzige Sieg in Belgien sagt am meisten über seine Qualitäten und sein Potenzial aus. Zumal er auch gleich die Frühjahrsbilanz für sein hochdotiertes Team rettete, das auf Teamkapitän Wout van Aert nach Verletzung und Krankheit verzichten musste. Zwei der der drei bisherigen Saisonsiege steuerte der Newcomer bei.
Mit dem belgischen Teamkollegen van Aert soll Brennan künftig ein gefährliches Duo für die Konkurrenz bilden. „Im Idealfall sind sie ein perfektes Gespann”, betonte Visma-Sportchef Grischa Niermann schon vor der Saison und ergänzte: „Deshalb haben wir einen langfristigen Vertrag mit Matthew geschlossen. Wir haben mit ihm für die Zukunft große Ziele. Wir glauben auf jeden Fall, dass er ein Weltklasse-Rennfahrer werden kann.“ Der Vertrag soll bis einschließlich 2029 laufen. Brennan kann mehr als nur sprinten. Im mittleren Teil, als es am vergangenen Sonntag über viele steile Stiche ging und das Peloton zerfleddert wurde, kämpfte sich Brennan zurück – auch mit Hilfe des jungen italienischen Mannschaftsgefährten Pietro Mattio, der den Abgehängten wieder ins Rennen zurückschleppte. Der Mann aus dem nordenglischen Stadt Darlington kommt gut über die Hügel. Er ist zäh und hält Schmerzen aus. Am Tag vor seinem Sieg war der Jüngling beim Omloop Het Nieuwsblad war bei einem Sturz hart auf der Straße aufgeschlagen, gab 19 Kilometer vor dem Ziel auf.
Auf der Siegerpressekonferenz sagte Brennen über die schmerzhafte Erfahrung vom Vortag: „Ich hatte wirklich Glück, wie es ausgegangen ist. Ich hatte nur ein paar Schnitte und Prellungen. Aber wenn du bei 60 km/h stürzt, willst du das nicht in Dauerschleife im Kopf haben. Und dann hört man: Okay, morgen müssen wir genau das gleiche machen, es wird dasselbe Chaos, die gleiche Nervosität geben. Die Frage ist, wie man damit mental umgeht.“ Nervös sei er gewesen, das Rennen am Tag danach besonders schmerzhaft – aber der Newcomer kämpfte sich durch und feierte am Ende einen Erfolg, der wegweisend sein könnte. Im Radsport muss man schmerzhafte Tiefschläge schnell wegstecken können. Nur die Härtesten setzen sich dauerhaft durch – gerade in einem mit Stars gespickten Topteam wie Visma-Lease a bike. Noch weiß niemand genau, wo der Weg des jungen Briten hinführt. Vergleiche mit Brennans berühmten Landsmann Cavendish lehnt Robbert de Groot, Head of Development bei Visma, ab – er sei schlicht ein anderer Rennfahrertyp: „Cav hat niemals einen Bergaufsprint nach 3.000 Höhenmetern gewonnen, aber das Matthew bei der Katalonien-Rundfahrt geschafft. Ich habe Zweifel, ob er ein reiner Sprinter wird – nicht wegen seiner Persönlichkeit oder seinen Qualitäten. Er wiegt 67,5 Kilogramm – er würde in die Trikottasche von Jonathan Milan passen.“ Der Italiener Milan (Team Lidl-Trek) gilt aktuell als die große Referenz in Sachen Massensprints.
Dennoch ruhen beim Arbeitgeber große Hoffnungen auf dem aufstrebenden Talent. „Ich denke, er wird in Zukunft definitiv ein Monument gewinnen“, versichert Niermann. Die Monumente sind die fünf prestigeträchtigsten Eintagesrennen im Rennkalender des Radsportzirkus: Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und die Lombardei-Rundfahrt. Bei den beiden letzteren Rennen könnte das Terrain für Brennan zu bergig sein. Die restlichen drei Wettbewerbe hat er schon ins Auge gefasst. „Ich würde gerne Mailand-San Remo fahren. Und ich wäre gerne auch bei Paris-Roubaix und der Flandern-Rundfahrt in guter Form dabei.“ Noch darf der junge Mann sein Potenzial testen – sein Mentor Wout van Aert soll bald in den Rennbetrieb einsteigen und den Neuling bei den ganz schweren Rennen mit Rat und Tat unterstützen. Brennan muss nun lernen mit den rasant gestiegenen Erwartungen umzugehen. Schon vor der Saisoneröffnung hatte der deutsche Sportchef Niermann dem angehenden Star Last auf die Schultern gelegt, indem er über das Potenzial Brennans sagte: „Ich sage nicht, dass er hundertprozentig an Mathieus Rad bleiben kann, wenn der attackiert. Aber ich schließe es auch nicht aus.” Der angesprochene Niederländer Mathieu van der Poel ist der herausragende Klassikerspezialist der Gegenwart, siegte am Samstag als Solist beim Omloop Het Nieuwsblad, am Sonntag verzichtete der Ex-Weltmeister auf den Start – es gab keinen Kräftevergleich. Doch beim Team Visma-Lease a bike hoffen sie, dass es in Zukunft große Duelle der beiden gibt. Vielleicht schon am 21. März bei Mailand-San Remo.

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