Straßenradsport-Saison 2026Wie hat Tadej Pogačar die Rennen zuletzt verändert und was tut sich im neuen Jahr?

Andreas Kublik

 · 13.02.2026

Straßenradsport-Saison 2026: Wie hat Tadej Pogačar die Rennen zuletzt verändert und was tut sich im neuen Jahr?Foto: Getty Images/Jan de Meuleneir
Einsam unterwegs: Tadej Pogačar auf dem Weg zum Sieg bei der Flandern-Rundfahrt im Vorjahr

Kann Tadej Pogacar jede Art von Radrennen gewinnen? Er hat mit seinem Team die Taktik so gestaltet, dass sich immer mehr Rennen für einen Bergfahrer wie ihn eignen. Klassikerjäger Mathieu van der Poel und Remco Evenepoel, neuer Star beim Team RedBull-Bora-hansgrohe, haben dem herausragenden Slowenen zumindest in einzelnen Rennen die Grenzen aufgezeigt. Und Florian Lipowitz hat sich in den Kreis der Besten gemogelt. Was kann man an Erkenntnissen aus der vergangenen Saison für das Rennjahr 2026 mitnehmen?

​Seine Welt sind die Berge. Sobald es mehr als nur ein paar Meter bergauf geht, ist kein Kraut gegen diesen Mann gewachsen. So scheint es – weil Tadej Pogačar in der abgelaufenen Saison wieder einen Sieg an den anderen reihte. Fast immer, wenn es richtig in die Berge ging. Aber nicht nur. Die Flandern-Rundfahrt ist eigentlich nicht das Terrain für einen wie ihn. Aber selbst im fast flachen Teil Belgiens entdeckte er einen eher unscheinbaren Hügel als Startrampe zu einem kaum für möglich gehaltenen Erfolg: Er nutzte den Oude Kwaremont als Schlüsselstelle, mit 2,6 Kilometern bei 3,5 Prozent Durch­­schnittssteigung der längste Anstieg im Rennen. Nur der Mittelteil ist über ein paar Hundert Meter ­nennenswert steil. Oben angekommen, auf eher bescheidenen 104 Metern über dem Meeresspiegel, waren alle Konkurrenten abgehängt. Endgültig. Bei seinem ersten Sieg bei der „Ronde“ im Jahr 2023 mag der Radprofi vom Team UAE noch vom Überraschungseffekt profitiert ­haben. Doch im ablaufenden Jahr gelang das Manöver wieder – obwohl alle damit gerechnet hatten. Das Potenzial, das in dem flämischen Stich steckt, haben in Wirklichkeit allerdings weder der slowenische Serien­sieger noch die Sportlichen Leiter seines Rennstalls entdeckt. Die Taktikfüchse vom Team EF um den Deutschen Andreas Klier hatten sich ausgedacht, dort den Italiener Alberto Bettiol mit einer Tempofahrt allen anderen Adieu sagen zu lassen. 2019 war das, und Tadej Pogačar zu der Zeit noch ein unbekannter Neu-Profi. Die Fahrweise wirkt wie aus einer anderen Zeit, in der mutige und angriffslustige Außenseiter noch Siegchancen hatten. Mittlerweile ist der 27-jährige Slowene nicht nur an langen Bergen der Konkurrenz voraus, sondern auch bei eher flachen Klassikern die Referenz. Strade Bianche, Flandern-Rundfahrt, Flèche Wallonne, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Dauphiné-Rundfahrt, Tour de France, WM, EM, Lombardei-Rundfahrt – stets war sein Tempo bergauf der Schlüssel zu seinen Erfolgen.

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Gewinnt er immer, wenn er gewinnen will?

„Wenn Tadej Pogačar gewinnen will, dann gewinnt er auch“, sagte Rolf Aldag, langjähriger Sportchef verschiedener Profiteams, der „Stuttgarter Zeitung“ zum Saison­abschluss 2025. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Richtig ist aber: Je mehr Höhenmeter eine Rennstrecke aufweist, desto wahrscheinlicher ist ein Sieg des angriffslustigen und tempofesten Kletterers. Die tendenziell flache Flandern-Rundfahrt, mit rund 2000 Höhenmetern auf 268 Kilometern, hat er zu einer Art Mini-Bergrennen gemacht. „Es ist wirklich eindrucksvoll und scheint dabei so einfach. Das erinnert an jene Zeit, als Eddy Merckx fuhr“, sagte Mathieu van der Poel über die Fahrweise seines Rivalen in einem Gespräch mit der belgischen Zeitung „Het Laatste Nieuws“. Aber anders, als man zu erinnern glaubt, ist er nicht unschlagbar. Wer weiß das besser als der Niederländer, der zwei entscheidende Duelle für sich entschied.

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Mailand-San Remo: Zu leicht, um es schwer zu machen?

Bei Mailand-San Remo konnte Weltmeister Pogačar (links) im Vorjahr die Verfolger Mathieu van der Poel und Filippo Ganna nicht abschüttelnFoto: Getty Images/Marco BertorelloBei Mailand-San Remo konnte Weltmeister Pogačar (links) im Vorjahr die Verfolger Mathieu van der Poel und Filippo Ganna nicht abschütteln

„Das Rennen, das ich unbedingt gewinnen will“, hatte Pogačar vor dem Start von Mailand-San Remo gesagt. Das längste, unberechenbarste der „Monumente“, wie die fünf prestigereichsten Klassiker auch genannt werden. Trotz der Länge von fast 300 Kilometern ist es vergleichsweise leicht zu fahren, aber schwer zu gewinnen – weil zu viele mitmischen, Taktik genauso eine Rolle spielt wie die Kraft der Beine. „Ich liebe die Klassiker, sie sind Adrenalin pur. Ein eintägiger Schock, der nichts mit den Leiden über drei Wochen zu tun hat“, sagte Pogačar der französischen Sporttageszeitung „L’Équipe“ vor der vergangenen Saison. Er ist ein Alleskönner, ein ehrgeiziger Spieler – aber es gelingt ihm nicht alles. Den einstigen Sprinterklassiker Mailand-San Remo versuchte er mit den vereinten Kräften seiner Teamkollegen ebenfalls zu einer Art Bergrennen an Cipressa und Poggio umzumodeln. Aber einen konnte er nicht abschütteln: Mathieu van der Poel, der genau zu wissen scheint, wann er seinen Kontrahenten schlagen kann und wie. Wie eine Klette klebte der 30-jährige Klassikerspezialist nach fast 300 Kilometern trotz des horrenden Tempos an Pogačars Hinterrad, nutzte den Windschatten, ­dosierte seine Kräfte – und siegte im Zielsprint. Gleiches gelang Wochen später dem Dänen Mattias Skjelmose beim Amstel Gold Race. Das ermutigt vielleicht auch im neuen Jahr manchen Konkurrenten, es den beiden gleichzutun.

Spannende Duelle bei den Klassikern

Premiere: Im Vorjahr startete Pogačar erstmals bei Paris-Roubaix, musste aber die Überlegenheit von Mathieu van der Poel auf diesem Terrain anerkennenFoto: Getty Images/Jeff PachoudPremiere: Im Vorjahr startete Pogačar erstmals bei Paris-Roubaix, musste aber die Überlegenheit von Mathieu van der Poel auf diesem Terrain anerkennen

Van der Poel hat die Kraft, die Schnelligkeit, die Erfahrung, das taktische Geschick und die Fahrtechnik, um den vermeintlich Unschlagbaren zu bezwingen. Der Niederländer vom Team Alpecin-Deceuninck zockte den weltbesten Radsportler auf dem Weg nach San Remo ab, musste ihn in Flandern – von einem Infekt geschwächt – ziehen lassen. Eine Woche später wartete er geduldig auf den Fahrfehler des angriffslustigen Roubaix-Debütanten, der prompt stürzte. Steuerkünstler van der Poel war auf und davon und feierte seinen dritten Sieg in Folge im Velodrom. Doch diese Niederlagen stacheln „Pogi“ nur noch mehr an: Er will im kommenden Sommer zum Rekordsieger bei der Tour de France aufsteigen, endlich aber auch in San Remo und in Roubaix als Sieger jubeln. Van der Poel ist allerdings noch kein bisschen müde, was seine Lieblingsrennen im Frühjahr angeht. Sein Verdienst: Er hat gezeigt, wie man den Seriensieger bezwingen kann. Und wo. Das Duell wird sich in der neuen Saison fortsetzen - wie es aussieht.

Lipowitz als Herausforderer bei der Tour?

Neuer Nebenmann: Tour-Sieger Pogačar mit seinem langjährigen Kontrahenten Jonas Vingegaard (links) und Neuling Florian Lipowitz (rechts) auf dem Tour-PodiumFoto: Getty Images/Tim de WaeleNeuer Nebenmann: Tour-Sieger Pogačar mit seinem langjährigen Kontrahenten Jonas Vingegaard (links) und Neuling Florian Lipowitz (rechts) auf dem Tour-Podium

Es gibt also Mittel und Wege, den Weltbesten zu schlagen – wenngleich die größten Chancen wohl jene Rennen bieten, bei denen er gar nicht am Start steht: Jonas Vingegaard und Simon Yates nutzten seine Absenzen bei Vuelta und Giro zu Gesamtsiegen. Vingegaard, immerhin Sieger der Tour 2022 und 2023, wird weiter daran arbeiten, seinem Dauerrivalen wieder dichter auf die Pelle zu rücken, auch wenn er bei seinem Gewinn der Vuelta bereits den Atem neuer, jüngerer Verfolger im Nacken spürte. Der Däne plant für 2026 sein Debüt beim Giro d’Italia, wo ihn sein ewiger Rivale aus Slowenien wohl nicht belästigen wird. Ehe es wohl wieder zum gewohnten Zweikampf der beiden im Juli bei der Tour kommen wird.

Neue Gesichter zeigten sich als Verfolger und künftige Herausforderer, unter anderem Florian Lipowitz. Der 25-jährige Schwabe weckte neue Begeisterung bei den deutschen Radsport-Fans, als er sich bei der Tour de France auf Gesamtrang drei kämpfte, mit Leidenschaft und offensiver Fahrweise. Er ist neben dem 22-jährigen Mexikaner Isaac del Toro und dem Schotten Oscar Onley einer der Profis, die künftig bei den schweren Etappenrennen einen festen Platz an der Seite der Erzrivalen Pogačar und Vingegaard haben könnten.

​Pogačars bisherige Teamkollegen Juan Ayuso, Isaac del Toro und Joao Almeida konnten die Chancen zu Rundfahrtsiegen in Abwesenheit ihres Chefs indes noch nicht nutzen. Bei der Vuelta offenbarten taktische Wirrungen und interner Zwist, dass Erfolg auch für ein sogenanntes Superteam wie UAE Emirates keine Selbstverständlichkeit ist. Ohne den Supermann. Ayuso hat sich mittlerweile emanzipiert, ist aus dem Schatten Pogačars getreten und zum Team Lidl-Trek gewechselt. Er ist für die Tour vorgesehen und darf im neuen Trikot zeigen, dass er ein derart starker Rundfahrtspezialist, wie er selbst glaubt. Del Toro soll als Edelhelfer bei der Tour starten und wird voraussichtlich nicht so Aufsehen erregend fahren können, wie beim vergangen Giro, bei dem er den Gesamtsieg knapp und erst am letzten Tag verpasste. Almeida ist für die neue Saison bei Giro und Vuelta vorgesehen. Mit nun 27 Jahren ist es für ihn an der Zeit, dass er beweist, dass er eine Grand Tour gewinnen kann.

Evenepoel auf der Überholspur

Bild mit Seltenheitswert: Pogačar sieht bei der WM im Einzelzeitfahren Remco Evenepoel nur von hintenFoto: SWpixBild mit Seltenheitswert: Pogačar sieht bei der WM im Einzelzeitfahren Remco Evenepoel nur von hinten

An der Seite von Lipowitz fährt im kommenden Jahr Remco Evenepoel im Trikot von Red Bull-Bora-hansgrohe. Der Belgier wirkte nach langer Verletzungspause bei der vergangenen Tour kraftlos und gab auf. Der 25-Jährige bewies aber mit seinen Siegen im Einzelzeitfahren bei Welt- und Europameisterschaft, dass er aktuell die Referenz im Kampf gegen die Uhr darstellt. Und er lieferte eines der Bilder der Saison: Der Olympiasieger flog im Schlussanstieg des WM-Einzelzeitfahrens an Pogačar vorbei, als sei der ein Amateur. Evenepoel hatte satte zweieinhalb Minuten auf der 40-Kilometer-Distanz aufgeholt. Der Beweis: Der derzeit beste Radsportler ist an bestimmten Tagen, auf bestimmten Terrain oder in bestimmten Disziplinen schlagbar. Oder im Verbund, wie man es bei Red Bull-Bora-hansgrohe plant, wenn im kommenden Juli Evenepoel und Lipowitz den Dominator der vergangenen Jahre mit vereinten Kräften attackieren und nach dessen Schwächen suchen sollen.

Vor der neuen Saison lieferte Pogačar allerdings in den letzten Saisonrennen im vergangenen Herbst noch einmal den Beweis seiner Stärke, nahm für die Schlappe im WM-Zeitfahren erfolgreich Revanche mit beeindruckenden Alleinfahrten in den Straßenrennen der WM ­(66 Kilometer an der Spitze), EM (98 km) und der Lombardei-Rundfahrt (33 km). Bei ihm mag vieles leicht aussehen – aber es ist auch bei dem Slowenen zweifellos das Ergebnis harter Arbeit, wenn er die Limits immer weiter hinauszuschieben scheint. Der Held wirkte im vergangenen Jahr jedenfalls auch müde und sprach das auch aus. Die spannendste Frage mit Blick auf die neue Saison lautet daher: Kann er das Niveau weiter halten? Und wie lange? Und wer zeigt ihm die Grenzen auf? Erste Chance: Beim Saisoneinstand des Weltranglistenersten am 7. März beim Rennen Strade Bianche.

Der vorläufige Rennkalender 2026 von Tadej Pogacar

Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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