Das niederländische WorldTour-Team Team Visma | Lease a Bike muss sich nach einem neuen Titelsponsor umsehen. Wie das niederländische Magazin Wielerflits berichtet, will sich der bisherige Hauptsponsor Visma aus der Position als Titelsponsor zurückziehen. Der norwegische Software-Hersteller sei nicht länger bereit, die stetig wachsenden Budgets mitzutragen, die für den Betrieb eines Top-Teams im professionellen Radsport notwendig seien. Das Unternehmen werde dem Team jedoch als Unterstützer erhalten bleiben, allerdings in einer reduzierten Rolle. Teammanager Richard Plugge hat nach Angaben des niederländischen Magazins bereits Gespräche mit möglichen neuen Geldgebern aufgenommen und könne auf Interesse mehrerer multinationaler Unternehmen verweisen. Die Suche nach einem neuen Hauptsponsor stellt nun eine zusätzliche Herausforderung für das Team dar, das bereits seit Jahresbeginn mit einer Serie von Rückschlägen konfrontiert ist.
Die ersten sechs Wochen der Saison 2025 verliefen für den niederländischen Rennstall alles andere als nach Plan: Eine Hiobsbotschaft jagte die nächste. Wout van Aert brach sich bereits kurz nach dem Jahreswechsel bei einem Cross-Rennen den Knöchel, nur eine Woche später verkündete Simon Yates überraschend seinen sofortigen Rücktritt vom Profiradsport. Ende Januar stürzte Jonas Vingegaard bei einer Trainingsausfahrt – offenbar, weil ihn ein Fan verfolgte –und musste deshalb und aufgrund von einer Krankheit seinen Saisonstart vertagen. Als bislang letzte negative Nachricht kam der unerwartete Weggang von Tim Heemskerk hinzu, dem langjährigen Trainer, der über mehrere Jahre hinweg für Vingegaard verantwortlich war.
Ob sich der Ausstieg von Visma indes so einfach kompensieren lässt, scheint fraglich. Die Gehälter steigen, die Reisekosten auch, die Kosten für Unterbringung sowieso. Wenn ein Radteam in der Weltspitze heute bestehen möchte, muss es einen großen Geldgeber haben. Das Team UAE Emirates - XRG macht es seit Jahren vor. Es werden im großen Stile Fahrer eingekauft und damit ein überaus dominantes Team geschaffen. In der kürzeren Vergangenheit scheinen auf diesen Zug jedoch immer mehr Rennställe aufzuspringen. 2023 stieg der Supermarkt-Gigant Lidl auf dem höchsten Level des Radsports ein, nur ein Jahr später war es Red Bull. Seit dieser Saison ist neben dem Sportartikel-Discounter Decathlon auch die Reederei CMA CGM mit im Boot des französischen Teams. Die Überraschung hielt sich in Grenzen, als das Team in diesem Winter dann auf Einkaufstour ging und einen Toptransfer nach dem anderen landete. Eines scheint klar: Will ein Team vorne mitfahren, muss es einen finanzkräftigen Sponsor haben.
Auch wenn professionelle Radsportteams wirtschaftlich stark von ihren Sponsoren abhängig sind, tragen sie bei deren Auswahl eine klare moralische Verantwortung. Denn der Radsport ist nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein gesellschaftliches Vorbild: Teams stehen für Werte wie Fairness, Ausdauer und Teamgeist – und prägen damit besonders junge Zuschauerinnen und Zuschauer vor dem Fernseher und entlang der Strecke. Gehen sie Partnerschaften mit Unternehmen ein, die mit Umweltzerstörung, Ausbeutung oder anderen unethischen Geschäftspraktiken in Verbindung stehen, untergraben sie ihre eigene Glaubwürdigkeit und beschädigen das Vertrauen in den Sport. Gerade in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung immer stärker in den Fokus rücken, sollten Teams sorgfältig abwägen, wofür ihr Trikot steht.
Werkstudent