Andreas Kublik
· 13.01.2026
Der Berg rief, und Valentina Cavallar folgte. Es war die letzte und entscheidende Etappe der Tour de France Femmes 2024, als die leichtgewichtige Österreicherin erstmals ins Rampenlicht fuhr. Zur Überraschung vieler, selbst der Experten. Die damals 23-jährige war auf der entscheidenenden Schlussetappe am höchsten Berg der Tour, dem Col du Glandon, allen davon gefahren und holte sich die Bergwertung - vor den Topfavoritinnen Demi Vollering und Kasia Niewiadoma. “Ich habe erst hinterher gemerkt, was ich da erreicht habe”, sagte sie nun rückblickend, als sie als Neuverpflichtung beim belgischen Team SD Worx-Protime vorgestellt wurde. Der Aufsehen erregende Auftritt datiert aus dem ersten Jahr als Radprofi. Bis kurz zuvor war sie als Ruderin aktiv gewesen und hatte unter anderem 2021 an den Olympischen Spielen in Tokio teilgenommen. Erst Ende März 2024 hatte sie ihren ersten Profivertrag bei der französischen Equipe Arkéa-B&B Hotels Women unterschrieben. Und dort auf Anhieb die Chancen bekommen, am wichtigsten Radrennen des Jahres teilzunehmen. Nach 13 Renntagen als hauptberufliche Radsportlerin. Zwar flogen die Weltbesten später auf der 8. Etappe an ihr vorbei, aber die junge Österreicherin rettete Tagesrang sieben am langen Anstieg ins Ziel nach Alpe d’Huez. “Es war ein großer Schritt nach oben”, sagte sie über diesen Renntag. Aber sie ist noch lange nicht ganz oben - auch wenn ihr im vergangenen Jahr der erste Profisieg gelang, wenn auch nur beim kleinen Rennen Alpes Gresivaudan Classic (UCI-Kategorie 1.1), bei dem es am Ende lange hinauf auf den Collet d’Allevard ging. Cavallar ist eine leichtgewichtige Kletterspezialistin, daran gibt es keinen Zweifel. Eine mit großem Potenzial.
Cavallar weiß um ihr Talent und formuliert große Ziele: “Langfristig ist mein großes Ziel, eine Grand Tour zu gewinnen.” Sprich: die Gesamtwertung bei einem der längsten und schwersten Etappenrennen der Frauen, die es auch seit Jahrzehnten bei den Männern gibt: Vuelta, Giro oder Tour. Die Ziele sind hochgesteckt, aber den Weg dorthin, will sie “Schritt für Schritt” gehen, wie sie betont. Der Wechsel vom aufgelösten Arkéa-Team zu SD Worx-Protime, einem der besten Rennställe der Welt, ist der nächste Schritt zu ihren ganz großen Zielen, nach ganz oben. “Ich kann von den Besten lernen und mit für die Besten fahren”, sagt sie über die Gründe für den Wechsel. In der Teamhierarchie muss sie sich wohl langsam hocharbeiten. Vor ihr stehen die weltbeste Sprinterin Lorena Wiebes, die zurückgekehrte Anna van der Breggen, einst weltbeste Radsportlerin, und die zweimalige Straßenweltmeisterin Lotte Kopecky. Dazu Ex-Europameisterin Mischa Bredewold und die Olympia-Vierte Blanka Vas.
“Das Team nimmt sich Zeit mit mir”, sagt sie. Sie soll erst spät erstmals bei einem Rennen an den Start gehen. Bei welchem genau, war Anfang des Jahres rund um die Teamvorstellung, noch nicht abgemacht. Fest eingeplant sind jedoch Starts bei den höhenmeterreichen Eintagesrennen Flèche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich in der zweiten April-Hälfte, gefolgt von den spanischen Etappenrennen Vuelta a Espana und Itzulia. “Meine größten Schwächen waren im Peloton zu fahren und das Abfahren”, berichtet sie von den Anfängen, will sich den Aufgaben aber stellen und sich weiter verbessern. “Ich liebe es zu lernen. Aber es braucht Zeit, um gut im Peloton zu fahren und gut abzufahren.”
Ihre Entscheidung, das Rudern als Leistungssport aufzugeben, hat sie nicht bereut. Früher habe sie ihren Lebensunterhalt mit Zuschüssen ihrer Eltern und mit einem Nebenjob als Fitnesscoach bestreiten müssen, jetzt könne sie vom Radfahren leben, berichtet die Jura-Studentin. “Vom Rudern konnte ich nicht leben. Aber der Frauenradsport entwickelt sich zum Glück so schnell”, sagt Cavallar, die nun hauptberuflich Radsportlerin ist. Bei den Olympischen in Tokio 2021 hatte sie mit ihrer Partnerin Louisa Altenhuber im Leichtgewichts-Doppelzweier das B-Finale und dort Rang 14 erreicht. Zu wenig für ihre Ansprüche, wie sie damals verlauten ließ. Als sie dann beim Radtraining im Jahr 2022 bei einer Etappe der Tour de France Femmes in den Vogesen am Petit Ballon am Streckenrand stand, war sie fasziniert. “Ich hatte den Traum, Profirennfahrerin zu werden”, erzählt sie. Als man ihr als Ruderin nach langer Wartezeit einen Job beim österreichischen Bundesheer anbot, war es zu spät. Ihre Entscheidung war gefallen. „Der Plan war, dass ich noch bis Paris 2024 rudere, aber ich habe gespürt, dass das Feuer nicht mehr so da ist“, teilte Cavallar damals via Instagram mit.