Andreas Kublik
· 21.01.2026
Die großen Träume platzten vor einer stabilen Kulisse aus bretonischen Natursteinhäusern. Marlen Reusser stürzte und gab wenig später auf. Perdü war die Hoffnung, die Schweizerin könnte aufs Podium bei der Tour de France klettern. Nicht nur die Ziele Reussers waren auf bretonischem Asphalt zerstört, auch ihr Team Movistar musste sich neu ausrichten. Und mittlerweile spielen die Leistung und die Form, das Glück oder Unglück von Marlen Reusser auch für Liane Lippert eine große Rolle. Die 28-Jährige Radsportlerin, die aus Friedrichshafen stammt, mittlerweile aber wie viele Radprofis in Andorra wohnt, ist nicht nur Teamkollegin, sondern so etwas wie eine Edelhelferin der Schweizerin. Auch in der neuen Saison wird viel davon abhängen, wie es bei Reusser läuft. Die Zeitfahr-Weltmeisterin und Zweite des Giro d’Italia ist die Anführerin im spanischen Rennstall. “Der große Unterschied ist, mit Marlen im Team zu sein und wirklich aufs GC (Gesamtklassement) zu gehen”, beschreibt Lippert die spürbarste Veränderung bei ihrer Rolle im Team Movistar seit vergangenem Jahr.
Am Tag nach Reussers Ausscheiden kam die Stunde von Lippert. Sie sprintete auf Rang vier der 2. Etappe, 24 Stunden später nochmal auf Rang fünf. Das Aus der Kapitän brachte Freiheiten für Lippert. So wird es auch in der Saison 2026 sein. Zu Beginn des Jahres betont Lippert im Gespräch mit TOUR, dass sie froh sei, wieder auf dem Damm zu sein. Denn im vergangenen Jahr war nicht nur Reusser, sondern auch Lippert von Malaisen verfolgt. Nach starkem Saisonstart mit Rang drei bei der Flandern-Rundfahrt (”Das war das erste Highlight”, sagt Lippert) und zwei Etappensiegen beim Giro d’Italia erlebte sie ein Saisonfinale, das sie gerne bald vergessen machen würde. Schon bei der Tour fühlte sie sich müde, die im vergangenen Jahr bereits kurz nach dem Giro startete. “Danach ging’s für mich eigentlich abwärts”, erinnert sich Lippert, “es hat mich krankheitstechnisch voll erwischt: vor der WM, während der WM, nach der WM.” Grippaler Infekt vorher, Magen-Darm in Ruanda und dann gar ein kurzer Krankenhausaufenthalt wegen Verdachts auf Nierensteine. “Mein Immunsystem war so im Eimer”, berichtet sie. Aber das ist Vergangenheit. Zu Jahresbeginn sagt sie: “Ich fühle mich wieder voll gesund, bin voll im Training.” Sie hat noch Zeit. Topform will sie erst im März und April erreichen: “Große Ziele sind auf jeden Fall die Klassiker.” Los geht es mit den Strade Bianche. Bei der Flandern-Rundfahrt, wo sie mit der Empfehlung des dritten Rangs aus 2025 an den Start geht, würde sie gerne eine gefährliche Doppelspitze mit Reusser bilden. Dann folgen die drei Ardennenklassiker. “Das Amstel Gold Race ist ein Rennen, das mir gut liegt”, betont sie. Im Vorjahr enteilte den Favoritinnen eine Ausreißergruppe, Lippert konnte nicht mehr in den Kampf um die Topplatzierungen mitmischen. Beim Flèche Wallonne erreichte sie im Vorjahr Rang fünf - wohl ihr persönliches Maximum beim Bergaufsprint ins Ziel auf der Mauer von Huy, wie sie meint. Und der Klassiker-Abschluss bei Lüttich-Bastogne-Lüttich wird voraussichtlich für Reusser als Kapitänin reserviert sein, der lange Berge besser liegen als Lippert.
Das wechselnde Rollenspiel setzt sich dann ab Mai bei den großen Etappenrennen fort. Reusser strebt Anfang Mai den Gesamtsieg bei der Spanien-Rundfahrt an, Lippert an ihrer Seite hofft auf Freiheiten. Sie würde in Spanien gerne eine Etappe gewinnen, um das Triple aus Tagessiegen bei allen drei großen Landesrundfahrten komplett zu machen. Etappen bei Giro und Tour hat sie schon gewonnen. Für Reusser soll es besser werden - nach Rang zwei bei der Vuelta 2025 und ebenfalls Rang zwei beim Giro. Das Rosa Trikot verlor sie erst durch Krankheit geschwächt. Den Giro lässt Lippert diesmal aus. Sie konzentriert sich auf die Vorbereitung auf die Tour de France - neben der Vuelta, die für ihr spanisches Team besonders wichtig ist, das ganz große Saisonziel. Dafür will Lippert an langen Bergen besser werden, um Reusser möglichst lange zur Seite zu stehen. Die starke kolumbianische Bergfahrerin Paula Patino hat das Team verlassen, Lippert muss voraussichtlich einspringen. Eigene Ambitionen dürfte Lippert bei der Tour kaum verfolgen dürfen. “Wir geben alles fürs GC”, prognostiziert Lippert - und damit alles für Teamkollegin Reusser und deren Ambitionen im Gesamtklassement. Es wird eine Gratwanderung, weil Lippert zwar “bergfester” werden soll, aber ihre Explosivität, ihren Punch, ihre Sprintfähigkeit nicht einbüßen will - was durchaus widerstreitende Fähigkeiten im Radsport sind.
Die WM zum Saisonabschluss im September könnte für die deutschen Radsportfans ein Highlight werden. “Wir haben ein superstarkes Team”, frohlockt Lippert. Bisher ist sie einer WM-Medaille im Straßenrennen hinterhergefahren, hat Bronze zweimal als Vierte 2022 in Australien und zuletzt 2024 in Zürich knapp verpasst. “Bei der WM will ich unbedingt wieder was reißen nach letztem Jahr”, betont sie. Der anspruchsvolle Kurs in Montreal, mit 2.400 Höhenmetern auf 180 Kilometern, könnte ihr in die Karten spielen, gerade im Zusammenspiel mit den Teamkolleginnen Antonia Niedermaier, zuletzt in Ruanda Sechste und aktuell wohl Deutschlands beste Kletterin, und der Deutsche Meisterin und WM-Zwölften Franziska Koch, die wie Lippert kurze, knackige Anstiege mag. “Ich glaube, dass wir als Team eine Medaille gewinnen können”, sagt Lippert.
Ins Jahr startet sie bei der Mallorca-Challenge, bei der sie ab 24. Januar zwei der drei möglichen Eintagesrennen bestreitet - die beiden hügeligen, auf den Start auf dem flachen Kurs rund um Palma verzichtet sie. “Das nehmen wir als Training mit”, sagt Lippert.