Giulio PellizzariDer Hoffnungsträger des italienischen Radsports im Interview

Andreas Kublik

 · 13.03.2026

Newcomer: Giulio Pellizzari
Fotos: Getty Images
Giulio Pellizzari hat bei Tirreno-Adriatico das Blaue Trikot des Gesamtführenden übernommen - vor seinem Kumpel Isaac del Toro. Erstmals in seiner Karriere könnte der junge Italiener ein Etappenrennen bei den Profis gewinnen. Am Samstag (14.3.) führt eine Etappe der Fernfahrt durch seinen Heimatort Camerino in den Marken. Der 22-jährige Radprofi vom Team Red Bull-Bora-hansgrohe gilt als Hoffnungsträger in seiner Heimat Italien. Im TOUR-Interview spricht er über seine Ziele, den Giro d’Italia, Souvenirs von Tadej Pogacar und wie sein Vater für die Sicherheit von Radsportlern sorgt

Zur Person

  • Giulio Pellizzari (Italien)
  • Geb. 21. November 2003 (Alter 22 Jahre), San Severino Marche, Italien
  • Größe: 1,83 m
  • Gewicht: 66 kg
  • Wohnort: San Marino
  • Teams: Bardiani-CSF-Faizanè (2022-2024), Red Bull-Bora-hansgrohe (seit 2025)
  • Wichtige Erfolge: Etappensieg und Zweiter Tour de l’Avenir (2023), Dritter Slowenien-Rundfahrt, Siebter Tour of Austria (2024), Sechster Giro d’Italia, Etappensieg und Sechster Vuelta a España (2025)

​TOUR Giulio, es ist vielen TV-Zuschauern in Erinnerung geblieben, wie Sie nach einem starken Auftritt beim Giro d’Italia 2024 Im Ziel von Tadej Pogačar dessen Radbrille und sein Rosa Trikot geschenkt bekommen haben. Wo haben Sie denn diese Souvenirs, die jeder Radsportfan gerne hätte?

PELLIZZARI Sie liegen jetzt im Kleiderschrank zuhause bei meinen Eltern in Camerino, in den Marken. Das heißt, ich sehe die Sachen nicht mehr oft.

Im TV sah man, wie Sie als Newcomer auf den Topstar Pogačar zugehen, der Ihnen kurz zuvor einen möglichen Sieg auf der 16. Etappe weggeschnappt hatte. Ist das Ihr Charakter, offen, gesprächig, so gar nicht schüchtern?

Manchmal. Da sind nach der Zieldurchfahrt die Emotionen mit mir durchgegangen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich etwas zu extrovertiert bin. Besonders, wenn die Rennen gut liefen. Ich war so glücklich, habe ihn angefasst. Aber ich mache das nur, wenn ich sehr aufgeregt bin. Normalerweise bin ich nicht so.

Es war wirklich ein besonderer Tag damals. Sie waren Debütant und wurden erst kurz vor dem Ziel vom weltbesten Radsportler eingeholt ...

Es war vor allem ein spezieller Moment, weil ich damals in der zweiten Giro-Woche krank war und deshalb eigentlich heimfahren wollte. Aber glücklicherweise hat mich das Team nicht nachhause geschickt. Es war mein erstes Jahr beim Giro, ich war der Jüngste. Und es war bis jetzt einer der besten Tage in meiner Karriere. Erst ab diesem Tag habe ich wirklich daran geglaubt, dass ich es als Radprofi schaffen kann.

Hat Ihnen der Auftritt an diesem Tag auch geholfen, den Profivertrag bei Red Bull-Bora-hansgrohe zu kriegen?

Nein. Den habe ich bereits 2023 unterschrieben, als ich Zweiter der Tour de l’Avenir wurde. Ich war im Oktober nach meinem letzten Renntag in Salzburg für einige Tests und habe dann an meinem Geburtstag unterschrieben: am 21. November 2023.

Ein schönes Geschenk. Warum war dieses Team Ihre Wahl?


Das Team hat mich schon vorher intensiv beobachtet, seit ich Dritter auf einer Etappe der Tour of the Alps wurde. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich unbedingt im Team haben wollten. Daher war Red Bull eine einfache Wahl - beziehungsweise zu der damaligen Zeit noch Bora.

Der Giro 2024 war berüchtigt für sein schlechtes Wetter. Macht Ihnen das nichts aus?

Natürlich hat man es auf dem Rad lieber, wenn es sonnig ist. Aber ich fühle mich ziemlich gut, wenn es kalt ist und regnet – es war also damals ein perfekter Tag. Ich hatte gute Beine. Ich wollte gewinnen – aber der zweite Platz war auch ein gutes Ergebnis.

Ihren ersten Sieg als Profi haben Sie mittlerweile nachgeholt. Sie waren im vergangenen Jahr Erster auf der 17. Etappe der Vuelta a España, hinauf auf den El Morredero. Es war in der dritten Woche ihrer zweiten dreiwöchigen Rundfahrt im vergangenen Jahr, es ging am Schluss fünf Kilometer lang mit elf Prozent Steigung bergauf. Sie fühlten sich nicht müde?

Natürlich war ich müde. Aber ich glaube, die anderen waren noch ein bisschen müder als ich. In meinen bisherigen drei Grand Tours habe ich mich immer gut gefühlt. Es war ein spezieller Tag, viel Einsatz vom gesamten Team und ich habe einen super Job gemacht – sowohl für mich wie für Jai (Hindley), der aufs Podium sollte. Bei mir sind immer die Etappen 16 oder 17 die besten. Im Giro damals war es die 16. Etappe. Es muss an der Zahl liegen. Ich weiß nicht, warum – aber auf diesen Etappen bin ich immer gut.

Im italienischen Radsport war in den vergangenen Jahren von Krise die Rede. Es fehlte an Nachfolgern für Vicenzo Nibali. Sie waren zuletzt Gesamtsechster sowohl beim Giro wie bei der Vuelta. Jetzt setzen die Tifosi viel Hoffnung auf Sie. Spüren Sie Druck?

Nun, in Italien sind wir ein bisschen radsportverrückt. Für mich ist das gut, mich motiviert das. Und ich habe das Glück, dass ich zuhause gute Freunde, eine gute Familie habe, die halten mich am Boden.

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Erzählen Sie uns von Ihrem Weg in den Radsport.

Als Junior war ich in Italien an den Anstiegen einer der Besten, aber ich war nicht sehr gut darin, Rennen zu gewinnen. Ich hatte nur drei Siege. Ich war also nicht gerade der Champion. Aber in der U23-Klasse habe ich mich verbessert – auch dank meines ganzen Teams.

Man kann sagen: Sie sind erfolgreich Richtung Radsport abgebogen. Aber das ist erst seit Kurzem sicher. Was wäre Ihre Alternative beruflich gewesen?

Ich habe mich komplett auf Radsport konzentriert. Aber ich hatte natürlich einen Plan B. Ich wäre sonst gerne Polizist wie mein Vater. Aber ich habe immer davon geträumt, Radprofi zu werden und auch daran geglaubt, das schaffen zu können. Jetzt bin ich natürlich glücklich, lächle den ganzen Tag und lebe meinen Traum.

Sie leben nun im Kleinstaat San Marino. Warum ist das Ihre Wahlheimat geworden?

Natürlich muss ich zugeben, dass viele Rennfahrer aus steuerlichen Gründen dort leben. Aber es ist auch einfach eine gute Gegend, um dort zu leben. Ich bin jemand, der nicht besonders gut darin ist, nein zu sagen, zum Beispiel zu meinen alten Freunden. Für einen sportlichen Lebenswandel muss ich deshalb von zuhause wegbleiben. Hier in San Marino sind viele Radsportler, die auch Freunde geworden sind.

In San Marino hat sich ähnlich wie im spanischen Girona oder in Monaco und Umgebung eine richtige Radsport-Community gebildet ...

Ja, in meinem Haus wohnen Davide Piganzoli, Isaac del Toro und Antonio Tiberi …

Sie haben eine Hausgemeinschaft, die gemeinsam in Zukunft die großen Etappenrennen dominieren könnte. Sie trainieren zusammen?

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Ja, manchmal trainieren wir gemeinsam. Wir haben eine Trainingsgruppe in San Marino. Ich fahre immer mit Piganzoli, aber nicht oft mit del Toro.

Ist schon das gemeinsame Training immer auch ein bisschen Wettbewerb?

Nein. Ich würde sagen, wir sind alle recht ruhige Jungs, wir genießen die gemeinsame Zeit und müssen uns nicht dauernd zeigen, wer stärker ist. Wir machen unser Training, nachmittags spielen wir dann zusammen. Wir spüren nicht soviel Konkurrenz untereinander.

Unterhalten Sie sich auch mal darüber, dass sie mal alle gemeinsam auf dem Siegerpodium bei Tour oder Giro stehen könnten?

Ich beginne langsam, daran zu glauben, dass das möglich ist. Del Toro ist aktuell einer der besten Rennfahrer auf der Welt. Zu dritt standen wir schon bei der Tour de l’Avenir gemeinsam auf dem Podium. Eines Tages vielleicht …

Sie haben im vergangenen Jahr auf der letzten Bergetappe über den Colle delle Finestre aus nächster Nähe erlebt, wie Ihr Kumpel del Toro den Giro-Gesamtsieg gegen den Briten Simon Yates in letzter Minute verlor. Wie haben Sie das als Begleiter erlebt?

Es war eine sehr wichtige Etappe für mich. Ich habe gelernt, dass man den Giro auch auf der letzten Etappe gewinnen kann, dass es nie vorbei ist. Ich betrachte es von dieser Seite. Und aus del Toros Perspektive sieht man: Man kann den Giro auf 20 Kilometern verlieren.

Während des Giro war zu sehen, dass Sie del Toro im Rosa Trikot auf die Schultern geklopft haben. Sind Sie im Rennen Freunde oder Konkurrenten?

Wir sind wirklich gute Freunde. Aber natürlich fahren wir für unsere jeweiligen Teams. Wir wollen gewinnen – jeder von uns, ich, er und Piganzoli auch. Aber wir können während des Rennens auch ein bisschen scherzen. Aber wenn es im Rennen ernst wird, dann will ich sie abhängen und nicht von ihnen abgehängt werden.

Ihr großes Saisonziel 2026 ist der Giro d’Italia. Sie sollen dort vom Team Red Bull-Bora-hansgrohe eine Rolle als Co-Kapitän bekommen – neben Leader Jai Hindley, der den Giro bereits 2022 gewonnen hat. Was bedeutet der Giro für Sie als Italiener?

Für mich ist es das Rennen meiner Träume. Bisher war ich beim Giro immer gut, es sind viele Fans dort. Und natürlich ist es ein sehr wichtiges Rennen für uns Italiener.

Erzählen Sie, was man als Rennfahrer persönlich erlebt entlang der Strecke …

Wenn man einen der großen Anstiege fährt, Stelvio oder Mortirolo, und man sieht einen ganzen Berg voller Menschen, die deinen Namen rufen – das ist unglaublich und für mich eines der schönsten Dinge überhaupt.

Was unterscheidet die Tifosi von Fans in anderen Teilen der Welt?

Für uns Italiener ist es etwas Besonderes. Bei der Vuelta sind sicher weniger Fans als beim Giro. Beim Giro sind schon am Start und im Ziel viele Fans, erst recht an den Anstiegen. Das gibt einfach viel Motivation.

Wächst die Rennfahrergeneration Z in Italien noch mit den Geschichten von Coppi, Bartali, Gimondi, Moser, Saronni und Pantani auf?

Nein, denn ich habe sie alle nie Rennen fahren sehen. Ich weiß also gar nicht genau, wer das ist. Ich habe eher Nibali oder Froome gesehen.

Eine Etappe des Giro 2026 führt durch Ihre Heimatregion. Ein besonderes Ziel?

Diese Etappe in der Nähe meines Elternhauses wird hart, aber sie ist nicht wirklich etwas für mich, dort sind eher kürzere Anstiege. Natürlich will ich dort möglichst in der ersten Gruppe dabei sein. Aber meine Hauptziele liegen an den langen Bergen.

Auf dem Weg in Ihre alte Heimat führt die Giro-Strecke bereits auf den berüchtigten Anstieg „Blockhaus“ in den Abbruzzen. Das wäre etwas für Sie?

Ja, ich werde versuchen, mal hinzufahren, denn ich bin den Anstieg noch nie gefahren. Ich werde mit meinen Freunden auch den Passo Giau und den letzten Giro-Anstieg nach Piancavallo ansehen, der sehr hart ist. Das sind die Etappen, die mir liegen!

Beim kommenden Giro gibt es auch ein langes, flaches Einzelzeitfahren. Wie gut sind Sie darauf vorbereitet?

Ich trainiere mit meinem Coach viel auf dem Zeitfahrrad. Das Einzelzeitfahren beim Giro ist ziemlich lang. Ich muss dort gut sein. Wir waren schon im Windkanal in San Francisco. Und ich habe einiges in Zusammenarbeit mit unseren Ingenieuren verbessert. Grundsätzlich mag ich Zeitfahren, deshalb wird es nicht so hart für mich.

Sie sollen die Führungsrolle beim kommenden Giro mit Hindley teilen. Haben Sie sich schon darüber unterhalten, wie Sie beide das gestalten wollen?

Ich verstehe mich wirklich gut mit Jai, das ist das Wichtigste. Wir haben bei der Vuelta gut zusammengearbeitet. Ich denke, das wird einfach. Er ist ein Vorbild für mich, eine Inspiration. Wir werden das locker angehen, wenn sich einer als stärker erweist, wird ihm der andere helfen.

Es sieht so aus, als könnten Sie in Zukunft ein kompletter Klassementfahrer der Zukunft und eines der großen Etappenrennen gewinnen …

Aktuell ist der Sieg noch kein Ziel, nur ein Traum. Aber ich hoffe, dass es in Zukunft ein realistisches Ziel wird, das ich erreichen kann.

Was wäre Ihnen lieber – ein Podium beim Giro oder bei der Tour?

Schwierig zu sagen. Als Kind war die Tour de France mein Lieblingsrennen, weil es einfach das wichtigste Rennen der Welt ist. Mein Herz schlägt aber für den Giro.

Wer in die Weltspitze der Klassementfahrer vorstoßen will, muss genau aufs Gewicht achten, Kalorien zählen, sein Essen abwiegen. Wie genau nehmen Sie es damit?

Für den Moment gehe ich es locker an und bin beim Essen offen. Bisher hatte ich nie ein großes Problem mit dem Gewicht. Aber natürlich muss ich in diesem Jahr perfekt in Form sein, den perfekten Körper haben. Ich werde daher früh anfangen, etwas Gewicht zu verlieren, aber nicht viel. Ich denke, das wird eine einfache Aufgabe für mich.

Ihre Freundin Andrea Casagranda ist auch Radsportlerin. Sie fährt für das Continental-Team Vini Fantini-BePink. Wieviel Gemeinsamkeit gibt es im Trainingsalltag?

Wir trainieren viel gemeinsam, natürlich bei den Coffee Rides, oder bei langen Ausfahrten, wenn ich ziemlich locker fahre. Dann ist es schön, sie bei mir zu haben. Aber sie lebt im Trentino – und das ist ziemlich weit weg von San Marino.

Sie stammen aus der gleichen Gegend in den Marken wie Michele Scarponi, der 2017 nahe seines Heimatorts Filottranno bei einem Trainingsunfall getötet wurde. 2022 wurde ein weiterer bekannter Radprofi, Davide Rebellin, beim Training im Straßenverkehr getötet. Es gibt Initiativen des italienischen Radsportverbands für mehr Sicherheit für Radfahrer. Wie erleben Sie die Situation auf Italiens Straßen?

In meiner Gegend fühle ich mich recht sicher. Aber es ist ein landesweites Problem, die Sicherheit auf den Straßen. Wenn ich im Trentino bin, ist es ganz schön gefährlich. Wir trainieren gerne in Spanien oder anderen Ländern, weil wir uns dort sicherer fühlen. Es muss besser werden. Wir müssen die Autofahrer in dieser Hinsicht viel besser erziehen.

Aber es gibt auch in Italien Verkehrsregeln und die Polizei …

Ja, es gibt neue Regeln in Italien. Man muss mit dem Auto mindestens 1,5 Meter Seitenabstand halten, wenn man einen Radfahrer überholt. Mein Vater, der bei der Polizia Stradale arbeitet, verteilt deshalb wirklich viele Strafen. Er ist selbst Radsportler und weiß, wie gefährlich es ist, wenn man mit einem Lastwagen mit weniger als 1,5 Metern Abstand an einem Radfahrer vorbeifährt.

Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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