Rad-WM 2024Die Favoritinnen für das Einzelzeitfahren der Frauen

Sebastian Lindner

 · 20.09.2024

Chloe Dygert ist nicht nur amtierende Weltmeisterin, sondern auch Topfavoriten auf die Titelverteidigung.
Foto: picture alliance / ANP / Bas Czerwinski
Mit dem Einzelzeitfahren der Frauen starten die Wettbewerbe für die nichtbehinderten Sportler bei den Straßen-Weltmeisterschaften 2024 in Zürich. Zum letzten Mal bei einer Rad-WM ist das Rennen der U23 in das der Elite integriert. Das sind die Favoritinnen auf die Medaillen.

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WM-Einzelzeitfahren der Frauen - Das Wichtigste in Kürze

  • Start: Sonntag, 22. September 2024, 12 Uhr
  • Strecke: Gossau-Zürich (Sechseläutenplatz), 29,9 Kilometer, 327 Höhenmeter
  • Titelverteidigerin: Chloe Dygert (USA)
  • Rekordsiegerin: Jeannie Longo (Frankreich, 4 Titel)
  • Zeitplan und Strecken der Rad-WM in Zürich

Seit 1994 zählt das Einzelzeitfahren der Frauen zum Programm der Weltmeisterschaften. Die Siegerinnen kamen dabei vor allem - und seit 2016 ausschließlich - aus den Vereinigten Staaten und den Niederlanden. Auch die deutschen Frauen haben bereits Titel gesammelt. Hanka Kupfernagel (2007), Judith Arndt (2011, 2012) und Lisa Brennauer (2014) waren bereits Zeitfahr-Weltmeisterinnen. Die Chancen, dass diese Liste am Sonntag Erweiterung findet, tendieren gegen Null. Und doch gibt es im Rennen (Gold-)Medaillenchancen für eine Starterin des Bundes Deutscher Radfahrer.

Denn integriert in den Wettbewerb der Elite ist einmal mehr das Rennen der U23. Bisher überhaupt erst zweimal ausgetragen, war das Zeitfahren der U23 jedes Mal nur ein Teil des Rennens der Großen. Doch damit ist nach der dritten Austragung Schluss. Ab der Rad-WM 2025 in Kigali (Ruanda) sollen die jungen Frauen ihr eigenes Rennen bekommen. Auch da hat Antonia Niedermaier (21) nochmal die Chance, bei der U23 zu gewinnen, doch erstmal liegt der Fokus auf dem Rennen in Zürich. Denn dort geht die Bayerin als Titelverteidigerin an den Start. Während sich Niedermaier mit den älteren Damen nur bedingt messen kann, ist sie in ihrer Altersklasse wieder vorn mit dabei.

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Das zeigte vor anderthalb Wochen die Europameisterschaft. Dort wurde Niedermaier nur von Anniina Ahtosalo geschlagen. Die Finnin hatte auf dem mit 31,3 Kilometer langen Kurs in Belgien eine halbe Minute Vorsprung auf die Deutsche. Doch kam der bis dato eher als Sprinterin aufgefallenen Ahtosalo der topfebene Kurs entgegen. Zürich wird zwar kein Bergzeitfahren, doch warten mehr als 300 Höhenmeter auf den knapp 30 Kilometern zwischen Gossau und Zürich. Das sollte Rundfahrerin Niedermaier deutlich mehr in die Karten spielen.

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Die Favoritinnen des Einzelzeitfahrens der Frauen

Bei der Elite könnte eine neue Nation zu weltmeisterlichen Ehren aufsteigen. Kaum vorstellbar, dass die Australierinnen auf dieser Liste noch nicht vertreten sind, aber mit Grace Brown gibt es eine ernsthafte Anwärterin dafür. Die 32-Jährige ist amtierende Olympiasiegerin und fuhr in jenem Rennen über 32,4 Kilometer satte anderthalb Minuten auf ihre ärgsten Verfolgerinnen heraus. Das waren Anna Henderson aus Großbritannien und Titelverteidigerin Chloe Dygert (USA).

Das Zeitfahren der Olympischen Spiele Ende Juli war auch der letzte ernstzunehmende Vergleich. Das noch danach auf dem Plan stehende Zeitfahren der Tour de France Femmes war mit kaum sechs Kilometern zu kurz. Und bei den Europameisterschaften waren die drei Medaillengewinnerinnen der Spiele nicht am Start. Dennoch ist auch Lotte Kopecky hoch einzuschätzen. Die neue Europameisterin pulverisierte die Zeiten ihrer Kontrahentinnen ähnlich wie Brown, hatte auf die dreimalige Weltmeisterin Ellen van Dijk 45 Sekunden herausgefahren. Die Niederländerin ihrerseits ging in so viele Zeitfahren dieses Jahres mit der Favoritenrolle, konnte der nach Babypause und einer langwierigen Verletzung im Frühsommer aber nie so richtig gerecht werden. Deswegen zählt sie bei den Weltmeisterschaften zwar zu den Top-5-Kandidatinnen, aber Gold dürfte für die mittlerweile 37-Jährige außer Reichweite sein.

Kopecky hingegen ist das zuzutrauen. Die Belgierin hat zuletzt nicht nur ihre starke Form bewiesen, sondern sich gezielt auf die WM vorbereitet und dafür sogar das Straßenrennen bei der EM ausgelassen. Die Hügel auf dem Parcours dürften ihr ebenfalls keine Probleme bereiten. Doch auch Brown und Dygert können damit umgehen. Allerdings steht hinter der Form der Austrlaierin noch ein kleines Fragezeichen. Ihren Höhepunkt dürfte sie ohne Frage auf Olympia gelegt haben. Zuletzt war sie bei der Tour de Romandie Feminin im Einsatz, schwamm dort mit, ohne positiv oder negativ aufzufallen. Dabei ist eigentlich Chloe Dygert in der Regel die große Unbekannte, fährt sie doch kaum Rennen. Das war nach Olympia jedoch etwas anders. Neben der Tour und der Romandie-Rundfahrt bestritt sie das Eintagesrennen Classic Lorient Agglomération im französischen Plouay und wurde dort nur von Mischa Bredewold im Sprint geschlagen. Hier stimmt die Form ebenfalls. Die Titelverteidigung ist möglich.

Brown, Kopecky, Dygert - und wer noch?

Nicht ausgeschlossen, dass diese Drei die Medaillen unter sich ausmachen. Doch ein paar weitere Aspirantinnen auf Edelmetall gibt es schon noch. Das leichte Auf und Ab wird Demi Vollering entgegenkommen. Die zweite Niederländerin ist mindestens genauso stark einzuschätzen wie van Dijk, wenn nicht gar ein bisschen stärker. Der verpasste Tour-Sieg, der das erklärte Ziel der 27-Jährigen war, die nach dem verkündeten Abschied bei SD Worx - Protime offiziell immer noch ohne neues Team dasteht, dürfte ihre Ambitionen für die WM nur noch weiter geschürt haben. Das kurze Zeitfahren bei der Tour hatte sie überraschend für sich entschieden. Es dürfte ihr gezeigt haben, dass sie bei der richtigen Vorbereitung mit den Spezialistinnen mithalten kann.

Zu denen gehört auch die Silbermedaillengewinnerin von Paris, Anna Henderson. Aufgrund der Tatsache, dass Großbritannien die Europameisterschaften kollektiv ausgelassen hatte, ist das aktuelle Leistungsniveau der 25-Jährigen nur schwer einzuschätzen. Allerdings scheint auch sie ihren Höhepunkt für Olympia geplant zu haben. Ob sie daran nochmal anknüpfen kann, bleibt abzuwarten.

Ähnlich ist die Lage bei Juliette Labous. Eigentlich als Kletterspezialistin bekannt, fuhr die Französin bei Olympia überraschend auf Platz vier. Die 25-Jährige hat sich über die Jahre zwar kontinuierlich im Kampf gegen die Uhr verbessert, doch war mit dieser Performance keinesfalls zu rechnen gewesen. Allerdings ist es gut möglich, dass die Motivation des Großereignisses in der Heimat besonders viele Extra-Watt geliefert hat. Da aber auch sie bei der EM in Belgien fehlte, ließ sich diese Theorie bisher nicht überprüfen, sodass Labous bis zur Bestätigung des Gegenteils ebenfalls zum erweiterten Kreis der Anwärterinnen auf die Medaillen zählt.

Die TOUR-Favoritinnen nach Sternen

*** Chloe Dygert (USA)

** Grace Brown (Australien), Lotte Kopecky (Belgien)

* Demi Vollering (Niederlande), Anna Henderson (Großbritannien), Juliette Labous (Frankreich)

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