Sebastian Lindner
· 19.09.2023
Nachdem es bei den Weltmeisterschaften im August im Elite-Bereich nur zu Bronze in der Mixed-Staffel gereicht hatte, will der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) bei der EM auch wieder Individual-Edelmetall angreifen. Die größte Chance darauf dürfte es im Straßenrennen der Frauen geben.
Und zwar für Liane Lippert (Movistar). Die 25-Jährige bekommt die Kapitänsrolle und hat gerade erst bei der Tour de Romandie Feminin mit einem Etappensieg per Sprint aus einer großen Gruppe nachgewiesen, dass sie in guter Form ist. Zudem erinnert der Parcous rund um den VAM-Berg durchaus an die belgischen Klassiker. Beim Fleche Wallonne Feminin wurde Lippert in diesem Jahr Zweite hinter Demi Vollering. Die Niederländerin ist ebenfalls beim EM-Straßenrennen am Start und zählt zu den Favoritinnen.
Bei den Männern ist die Kapitänsrolle nicht klar vergeben. Kim Heiduk (Ineos Grenadiers), der U23-Europameister Felix Engelhardt (Team Jayco-AlUla) aus dem Vorjahr und Jonas Koch (Bora-Hansgrohe) kommen allesamt aus der Vuelta und haben dort gut geliefert. Wenn noch genug Saft im Tank ist, könnten sie über Ausreißergruppen auf sich aufmerksam machen. Kommt es zum Sprint, wird Max Walscheid (Cofidis) der Trumpf sein. John Degenkolb (Team dsm-firmenich) ist als Road Captain dabei, der wie bei der WM in Glasgow einmal mehr auf engen und winkligen Straßen seine Erfahrung ausspielen und die Kollegen platzieren soll.
Favoriten auf eine Medaille sind die deutschen Männer nicht, das gilt auch fürs Zeitfahren, wenngleich Top-Favorit Filippo Ganna (Italien) seinen Start abgesagt hat. Und auch für die Frauen im Kampf gegen die Uhr. Walscheid, Miguel Heidemann (Leopard - TOGT) sowie Katharina Fox (Maxx-Solar – Rose) und Lisa Klein (Lidl-Trek) sind nur Außenseiter.
Das sieht bei der U23 schon anders aus. Antonia Niedermaier (Canyon//SRAM) ist in Glasgow im Kampf gegen die Uhr Weltmeisterin geworden und damit automatisch auch im Favoritenkreis der EM. Und auch im Straßenrennen muss die 20-Jährige nicht chancenlos sein, wenn sie am VAM-Berg in der richtigen Gruppe steckt.
Bei den Männern sieht es ähnlich aus wie im Elite-Bereich. Im Zeitfahren ist nicht mit Top-Platzierungen zu rechnen, doch im Straßenrennen könnten Henri Uhlig (Alpecin – Deceuninck Development) oder Tim Torn Teutenberg (Leopard – TOGT) bei einem günstigen Rennverlauf vielleicht für eine Überraschung sorgen.
In Glasgow haben vor allem die deutschen Junioren die Medaillenbilanz des BDR aufpoliert. Louis Leidert (RSV rad-net) holte Bronze im Zeitfahren, Paul Fietzke (RSC Cottbus) Silber im Straßenrennen. Das kann auch in Drenthe wieder funktionieren.
Die Juniorinnen Pia Grünwald (RSV Irschenberg) und Hannah Kunz (VfR Baumholder 1886) fuhren in Schottland im Zeitfahren in die Top 10 - ohne die Konkurrenz aus Übersee ist ein Spitzenergebnis drin. Zumindest für Kunz, Grünwald geht nur im Straßenrennen an den Start. Die Europameisterin aus dem Vorjahr, Justyna Czapla (Canyon//SRAM Generation), bekommt keine Chance, ihren Titel zu verteidigen. Sie ist bei der U23 dabei.
Und dann sind da noch die beiden Staffeln. Sowohl die Elite als auch die Junioren werden in Emmen mit sechs Fahrern, drei Frauen und drei Männern, Europameister ausfahren. Bei der EM 2022 holte die deutsche U19 damals noch im 2x2 Silber, Leidert und Kunz waren damals schon dabei und sind es nun wieder. Die Elite fuhr im letzten Jahr keinen EM-Titel aus, dafür aber die U23. Und da ging Gold deutlich ans traditionell staffelstarke Deutschland. Nach WM-Bronze in diesem Jahr ist mit ähnlicher Besetzung wie in Glasgow - Mieke Kröger ersetzt Ricarda Bauernfeind - wieder Edelmetall machbar.