Primož Roglič Porträt des slowenischen Radsportlers - Zu Besuch bei Primož RogličFoto: Fabrizio Giraldi/Fotogloria

Profi - Radsport Aktuelles Primož Roglič Porträt des slowenischen Radsportlers - Zu Besuch bei Primož Roglič

Unbekannt

 9/16/2020, Lesezeit: 11 Minuten

Bei der Tour de France 2020 zeigte Primož Roglič sein Können. TOUR hat ihm 2018 eine eigene Reportage gewidmet.

Reportage aus dem Archiv Erstveröffentlichung in TOUR 10/2018 (Heft vergriffen)

Andrej Hauptman kann sich noch gut an den Anruf erinnern. Vor sechs Jahren war das. Ein junger Mann war am Telefon und wollte wissen, ob er in Hauptmans kleinem Profi-Team Radenska mittrainieren könne, er wolle mit dem Radsport anfangen. Wie alt er sei? 22, war die Antwort. Gemeinhin gilt das als viel zu alt für den Start einer Leistungssportkarriere. Aber, so fügte der Anrufer an, er sei schon Spitzensportler gewesen, Skispringer.

Ex-Profi Hauptman rollt noch heute mit den Augen, wenn er die Geschichte erzählt. Ein Skispringer will sich im fortgeschrittenen Alter als Radprofi versuchen? Hauptman dachte, was viele anfangs über Primož Roglič und seine Ambitionen dachten: dass es ein Riesenunterschied ist, ob man nach 250 Kilometern ein Radrennen gewinnen oder mit Skiern an den Füßen 200 Meter einen Berg hinunterfliegen kann – selbst wenn man sogar 2007 Junioren-Weltmeister mit dem Team Sloweniens war. Nicht nur Hauptman glaubte, dass die beiden Sportarten völlig unterschiedliche, schwer vereinbare Talente voraussetzen. Bis dieser junge Mann kam.

Sechs Jahre später steht Hauptman, mittlerweile Nationalcoach des slowenischen Radsportverbands, auf dem Rathausplatz in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana und sieht zu, wie die Fans die Heimkehr des einstigen Skispringers von der Tour de France feiern. Primož Roglič hat innerhalb weniger Jahre den Sprung zum besten Radsportler des Landes geschafft. Bei der Frankreich-Rundfahrt wurde er Vierter – nur knapp durch Seriensieger Chris Froome vom Podium gedrängt. Und die Fans feiern ihn, weil sie alle glauben, dass diese unglaubliche Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Sie träumen vom ersten Tour-Sieger aus Slowenien. Der gleiche Hauptman, der Roglič einst abwimmeln wollte, sagt heute auf die Frage, ob Roglič Straßen-Weltmeister werden oder ob er bald die Tour de France gewinnen könne: „Wir kennen seine Grenzen noch nicht.“

Slowenien, das noch junge Land, das sich 1991 von Jugoslawien losgesagt und dann seine Unabhängigkeit im Zehn-Tage-Krieg verteidigt hat, konnte schon viele gute Radsportler hervorbringen: Andrej Hauptman war 2001 WM-Dritter, Janez Brajkovič gewann die Dauphiné, Simon Špilak zweimal die Tour de Suisse; allein elf Slowenen fahren aktuell in World-Tour-Teams. Aber einen, der das wichtigste Radrennen der Welt mitgeprägt hat – den gab es zuvor noch nicht. 2020, so erzählt Roglič während seines Heimatbesuchs im slowenischen Fernsehen, wolle er das Gelbe Trikot nach Paris tragen. Und nach Slowenien bringen.

Foto: Fabrizio Giraldi/Fotogloria

Gelb, weit und breit Gelb – Primož Roglič sieht nichts als diese Farbe, als er seine alte Heimat in Zentralslowenien besucht, in einem tief eingeschnittenen Seitental des Flusses Save. Freunde, Verwandte, Nachbarn empfangen ihn an der kleinen Betonbrücke, die zu seinem Elternhaus führt. Und zwar mit einem bengalischen Feuer, das erst einmal alles in dichten Nebel taucht – natürlich in Gelb. Und auch die Betonbrücke, die über das Flüsschen Medija zum Elternhaus des Radprofis führt, haben sie schnell gelb angepinselt. Der mittlerweile berühmte Sohn, Nachbar, Kumpel, Neffe herzt Hunderte von Menschen, macht Dutzende Fotos, schreibt Autogramme, auch für die Polizisten, die eigentlich den allgemeinen Freudentaumel von der vorbeiführenden Landstraße fernhalten sollen. Es ist nur ein kurzer Stopp – aber Roglič teilt seine Freude, seinen Erfolg geduldig. Mit allen.

Seine Landsleute feiern Rogličs vierten Platz wie einen Sieg. Dabei gilt dieser Platz oft als undankbar. Aber die Fans sehen das anders – sie sind dankbar für die gute Show und dafür, dass Primož Roglič ihr kleines Land auf die Landkarte des Weltradsports gesetzt hat. Und Roglič ist dankbar, weil er weiß: Er hat das Zeug, um beim wichtigsten Radrennen um den Sieg mitzufahren. Und er genießt die Aufregung, die Popularität. Roglič, der mit seiner Freundin Lora mittlerweile in Monaco lebt, ist zu Hause ein Volksheld. Und, so scheint es, er ist das gerne.

Spitzname. „Bravo Primož“ steht auf einem Pappschild, das ein kleiner Junge gemalt hat. Ein Dutzend Dreikäsehochs hängt am Absperrgitter, sie gucken mit ihrem Idol gemeinsam auf die Leinwand mit dem Video, das die besten Szenen der Tour zeigt. Sogar der Botschafter der Niederlande tritt auf die Bühne – schließlich fährt Sloweniens Radsportheld für das niederländische Team LottoNL-Jumbo. „Wir haben dich ins Herz geschlossen. Du bist ein Botschafter für den Radsport in Slowenien und ein Botschafter für die Radsportler in den Niederlanden. Was für eine Leistung!“, sagt Bart Twaalfhoven gerührt.

Foto: Fabrizio Giraldi/Fotogloria

Am Tag darauf besucht Roglič sein Elternhaus in der Siedlung Strahovlje, wo er einst mit Freunden in den bewaldeten Hügeln entlang des Bachtals auf Abenteuern unterwegs war und keine Mutprobe ausließ. Eine Stunde später gibt’s im wenige Kilometer entfernten Zagorje den nächsten Empfang, die nächste Pressekonferenz, die nächsten TV-Interviews, die Feuerwehr grüßt von einer ausgefahrenen Drehleiter, lässt die Sirene heulen. Die Eltern Roglič stehen gerührt am Rand der Tausendschaft, die den nun berühmtesten Sohn der Kleinstadt begrüßt. Kinder toben aufgeregt herum – es ist richtig was los in der Stadt, wo vor 20 Jahren der Kohlebergbau eingestellt wurde.

Warum nur sind die Leute derart aus dem Häuschen, wenn Roglič auftaucht? Auch seine Wegbegleiter können es nicht genau erklären. „Er bringt die Menschen zusammen. Das haben nur wenige slowenische Sportler geschafft“, sagt Boštjan Mervar, der als Sportlicher Leiter beim kleinen slowenischen Team Adria Mobil mit Roglič zusammengearbeitet und ihn zum Sieg bei der Slowe-nien-Rundfahrt geführt hat. „Primož will gewinnen. Aber er will dann auch hinterher gemeinsam mit allen feiern“, erzählt sein alter Kumpel Klemen Štimulak, der bei vielen Rennen das Zimmer mit ihm teilte. Im Grunde macht es Roglič jetzt nicht anders – nur dass er inzwischen nicht mehr nur mit den Teamkollegen feiert, sondern mit dem ganzen Land.

Und er genießt es sichtlich, macht oben auf der Bühne in Ljubljana ein Selfie, das die große Fan-Gemeinde in seinem Rücken zeigt. Als würde er es selbst erst glauben, wenn es auf einem Foto dokumentiert ist. Dann schreibt er wieder unermüdlich Autogramme, macht Fotos, umarmt Menschen – und wirkt dabei doch immer ein bisschen schüchtern. Aber er betont: „Mir macht das Spaß. Ich will ein Idol für junge Leute sein.“ Auch das muss man ja erst lernen: ein Idol zu sein. Selbst wenn man so schnell lernt wie Roglič.

Er ist jetzt schon ziemlich weit oben. Dabei begann seine Radsport-Karriere eigentlich mit einem fürchterlichen Absturz. Im Frühjahr 2007 sprang Roglič, kurz zuvor mit der Mannschaft Sloweniens als Junioren-Weltmeister gefeiert, von der Schanze in Planica, bekam Luft von oben auf die Ski und stürzte kopfüber wie ein Stein auf den Aufsprunghügel. Man kann das Video vom Sturz im Internet sehen – und wie sie den blutüberströmten Skispringer, damals 17 Jahre alt, mit Halskrause im Rettungsschlitten abtransportieren. Gehirnerschütterung, Nasenbeinbruch, der Absturz ging glimpflich aus. „Mir haben die Furcht und der nötige Respekt gefehlt“, sagt er heute über den Crash. Und doch hat er sich getraut, wieder zu springen. Angst? Habe sein Athlet nie gehabt, sagt sein langjähriger Skisprungtrainer Zvone Prograjc. „Er ist so schnell auf die Schanze zurück wie möglich. Aber danach waren seine Ergebnisse nicht so, wie er sich das gewünscht hätte“,

Der schmale 1,77-Meter-Mann scheint einen besonderen Antrieb zu haben. Als auch noch Knieprobleme hinzukamen, machte er 2011 Schluss mit dem Skispringen. Und er beschloss, Radsportler zu werden – nachdem ihm seine Skisprungtrainer jahrelang vom Radtraining abgeraten hatten. Roglič verkaufte seine KTM-Motocross-Maschine, besorgte sich ein Wilier-Rennrad und sammelte die 5.000 Euro, die man beim Team Radenska angeblich als Mitgift verlangt haben soll.

Es folgten harte Lehrjahre. „Stürze sind eine besonders schmerzhafte Art, Fehler zu spüren“, sagt der Überflieger heute. Und zu Beginn seiner Radsportkarriere stürzte er oft und schwer – beispielsweise, weil er sich einfach einmal mitten im Peloton umdrehte. Bums, lag er auf dem Asphalt. Ein Anfängerfehler. „Aber er macht keinen Fehler zweimal“, sagt sein ehemaliger Teamchef Bogdan Fink. Er verpflichtete den Ex-Skispringer für die Saison 2013 für das Team Adria Mobil, nachdem ein Leistungstest an der Universität in Ljubljana keinen Zweifel gelassen hatte: ein unglaubliches, spät berufenes Talent. Die Werte für maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit und Tretleistung pro Kilogramm Körpergewicht waren herausragend für einen Athleten, der gerade mal eine Saison richtig trainiert hatte.

Die Voraussetzungen waren also gut, und der Newcomer lernte schnell. Im ersten Jahr als Radprofi stürzte er viel, im zweiten Jahr gewann er sein erstes kleines Profirennen, im dritten die ersten Etappenrennen, darunter die Slowenien-Rundfahrt vor dem Sky-Profi Mikel Nieve. Daraufhin bot Fink sein Talent einigen Top-Teams an. Sky habe abgewunken, sagt er. Man darf nicht übersehen: Steile Radsportkarrieren sind auch immer ein bisschen verdächtig. Auch Frans Maassen, der Sportliche Leiter beim Team LottoNL-Jumbo, lehnte beim ersten Anruf Finks freundlich ab. Ein spät berufener Ex-Skispringer will sich bei einem World-Tour-Team versuchen? Das schien ihm zu verwegen.

Bis sie in den Niederlanden gegen Ende der Saison bemerkten, dass sie für die kommende Saison noch zusätzliche Rennfahrer brauchten, aber kein Geld in der Kasse hatten. Da kam ihnen der Neueinsteiger aus Slowenien doch noch recht. Ein Leistungstest, zu dem Roglič geradewegs vom Strandurlaub in Kroatien gerufen wurde, räumte alle Zweifel aus. Das Talent war in Zahlen messbar. Und bald in Ergebnissen sichtbar. Bei seiner ersten Drei-Wochen-Rundfahrt, dem Giro d’Italia 2016, gewann Roglič gleich das lange Einzelzeitfahren – vor Fabian Cancellara, vor Tom Dumoulin. Im Jahr darauf überraschte er auch Insider und Sportpresse, als er beim ersten Tour-Start die schwere Bergetappe über den Galibierpass gewann. Mit Ansage. Seine Freundin Lora hatte er ins Ziel geschickt, statt wie sonst üblich irgendwo an die Strecke.

„Ich gewinne heute“, habe Roglič vor dem Etappenstart gesagt, erinnert sich sein langjähriger Teamkollege Štimulak, der damals an der Strecke stand. „Er kann sich extrem fokussieren“, betont der 28-jährige Ex-Profi, der mittlerweile seine Profikarriere beendet hat, einen Radladen in Celje betreibt und Reisen für Radsport-Fans zur Tour de France veranstaltet. „Dank Primož ist das jetzt viel leichter zu verkaufen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Nicht nur Radreisen florieren nun. Fink, der auch Organisator der Slowenien-Rundfahrt ist, findet jetzt leichter Sponsoren, bekommt einfacher Genehmigungen für sein Rennen. Staatspräsident Borut Pahor, ein Radsport-Fan, fährt gerne im Begleitauto mit. Und in der Kleinstadt Novo mesto, die sie die Heimat des Radsports in Slowenien nennen, bauen sie gerade die erste überdachte Radrennbahn des Landes – auf den Resten der alten Bahn, aus der die Holzlatten brechen. Schließlich haben sie gehört, dass einige der letzten Tour-Sieger aus dem Bahnradsport kamen. Tour-Siegern made in Slovenia legen sie jetzt ein neues Fundament.

Telemark-Landung in Paris?

Und wie geht es mit Roglič weiter? „Ich habe genug Erfahrungen gesammelt“, sagt er im slowenischen Fernsehen über die vergangene Tour. Bei Team Sky sollten sie Rogličs Worte als Warnung verstehen – weniger als eine Minute fehlte ihm in diesem Jahr zu einem Platz auf dem Podium, 3:22 Minuten auf Sieger Geraint Thomas. Und der neue Herausforderer fuhr mit Handicap. Beim Heimatbesuch Anfang August trägt Roglič einen Verband am rechten Ellbogen. Folge einer kleinen Operation, wie er erzählt. Nach der Tour stellte man fest, dass er wochenlang einen Stein im Arm stecken hatte – ausgerechnet an der Stelle, an der man beim Zeitfahren auf den Armschalen liegt. Folge eines Trainingssturzes im Höhentrainingslager. Roglič, so scheint es, liefert immer neuen Stoff für Geschichten. Vom Stürzen und Wiederaufstehen. Seine Vergangenheit als Skispringer hat er mittlerweile zum Markenzeichen gemacht. Auf dem Siegerpodium pflegt er mit einem Ausfallschritt eine Telemark-Landung wie beim Skispringen zu zeigen. Es gibt nicht wenige, die glauben, dass die Telemark-Landung bald ihre Premiere auf den Champs-Élysées feiert. Auch Primož Roglič glaubt das.

Ist Primož Roglič der wahre KombinationsWeltmeister? Die Karriere des Slowenen ist in zweierlei Hinsicht sehr ungewöhnlich. Zum Ersten: Er war in einer Sportart Welt–spitze, die sehr wenig mit einer Ausdauerdisziplin wie Straßenradsport zu tun hat: Skispringen. Dort kommt es auf das richtige Timing, Sprungtechnik, Fluggefühl und Schnellkraft beim Absprung an – und wie wechselhafte Sprungkarrieren in der Welt-spitze zeigen: Der Kopf spielt eine sehr wichtige Rolle.

Zum Zweiten stieg Roglič sehr spät in den Radsport ein: im Alter von 22 Jahren. Der deutsche Radsporttrainer Sebastian Weber, der mit Athleten wie André Greipel, Tony Martin und Peter Sagan zusammengearbeitet hat, hält das Alter aber nur bedingt für einen Hemmschuh in einer Leistungssportkarriere. Er sagt: „Die Idee, dass man 10 bis 15 Jahre in einer Sportart trainiert haben muss, kommt noch aus der Ost-Trainingslehre.“ So schulte man Talente unter anderem in der DDR – und später dann als Erbe dieser Tradition auch im gesamtdeutschen Sport. Heute sieht das die Sportwissenschaft differenzierter. „Es ist bekannt, dass man die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit relativ schnell auftrainieren kann“, betont der Trainingsexperte. Und die ist ein wichtiges Element für Erfolg im Radsport.

Rogličs Teamtrainer Merijn Zeeman spricht von einer „sehr steilen Lernkurve“ des ehemaligen Skispringers – wohl nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper. Auch der Körper lernt, sich den Anforderungen anzupassen. Nicht jeder kann das gleich gut. „Vielleicht war da jemand Skispringer, der ein sehr großes Talent für Ausdauersport hatte“, gibt Weber zu bedenken. Das Schöne am Sport ist ja, dass sich auch mit wissenschaftlichen Methoden Ergebnisse nicht vorhersagen lassen – und manchmal auch nicht erklären.

Zur Person: Primož Roglič

Nationalität slowenisch
Geboren 29.10.1989 in Trbovlje (Slowenien)
Größe 1,77 Meter
Gewicht 65 Kilogramm
Wohnort Monaco
Familienstand liiert mit Lora
Radprofi seit 2013

Teams

Adria Mobil (2013-2015),
LottoNL-Jumbo (seit 2016)

Reportage aus dem Archiv Erstveröffentlichung in TOUR 10/2018