Dass Roglič weder beim Giro d’Italia noch bei der Tour de France als Kapitän eingeplant ist, wirkt für viele Fans zunächst wie ein sportlicher Rückschritt. Tatsächlich verändert sich aber das Kräfteverhältnis im Peloton: Fahrer wie Tadej Pogačar oder Jonas Vingegaard dominieren den Kalender mit hoher Frequenz und konstantem Top-Niveau. Roglič wählt dagegen seine Einsätze gezielter. Und genau darin liegt die neue Dynamik: weniger Rennen, klarere Ziele, maximale Vorbereitung. Auch die Konkurrenz im eigenen Team spielt bei der Verteilung der Rennen eine klare Rolle
Innerhalb von Red Bull - Bora - hansgrohe könnte Roglič 2026 zu einer Hybridfigur werden: weiterhin Leader, wenn es darauf ankommt, gleichzeitig aber Mentor und taktischer Anker für jüngere Fahrer. In einem Teamumbau zählt nicht nur die Spitzenleistung am Berg, sondern auch Stabilität im Rennen, Ruhe in hektischen Situationen und das Wissen, wann man Kräfte spart. Diese Art von Wert lässt sich nicht in Wattzahlen messen, entscheidet aber oft darüber, ob ein Team im entscheidenden Moment geschlossen agiert.
Der auffälligste Teil der Saisonplanung ist die Lücke im Kalender: Nach der Baskenland-Rundfahrt und Tour de Romandie bestreitet Roglič kein Rennen mehr bis zur Vuelta a España. Eine Planung mit einem zentralen Höhepunkt. Mutig wirkt dieser Ansatz vor allem deshalb, weil der moderne Rennbetrieb häufig auf konstante Sichtbarkeit und permanente Ergebnisproduktion ausgelegt ist. Doch Roglič ist ein Fahrer, der Form nicht zwingend über Renntage suchen muss. Er kann Leistung über Training aufbauen, Belastung präzise steuern und sein Niveau so timen, dass es im Spätsommer am höchsten ist. Ein wichtiger Rückhalt ist dabei das Team. Eine solche Rennplanung muss natürlich möglich gemacht werden.
Damit rückt die Vuelta in den Mittelpunkt. Kaum ein Fahrer ist so eng mit dieser Rundfahrt verbunden wie Roglič. Sie vereint traditionell viele Elemente, die ihm liegen: kurze, steile Anstiege, explosive Antritte, taktisch komplexe Etappen und der Druck, der mentale Stärke belohnt. Die Vuelta ist zudem die Grand Tour, die am ehesten Raum für Überraschungen bietet. Während die Tour de France zunehmend von einer kleinen Gruppe dominanter Fahrer kontrolliert wird, entstehen in Spanien häufiger Konstellationen, in denen neben der Leistung auch andere Aspekte zählen. Als viermaliger Sieger der Spanien-Rundfahrt dürfte der Slowene auf eine ganz besondere Marke schielen: Alleiniger Rekord-Sieger mit fünf Titeln.
Für Roglič könnte das die perfekte Konstellation sein: weniger Rennen, klarere Ziele, maximale Vorbereitung auf einen einzigen Höhepunkt. Statt sich im Frühjahr und Sommer aufzureiben, baut er seine Saison behutsam auf, mit der Vuelta als zentralem Baustein. So gesehen ist Roglič 2026 nicht auf dem Rückzug. Er erfindet sich neu: nicht mehr als allgegenwärtiger Favorit, sondern als Spezialist mit klarer Mission. Und vielleicht liegt darin seine größte Chance, noch einmal ganz oben zu stehen.
Werkstudent