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· 09.12.2023
Miguel Martinez verfolgt einen Traum, den er 2021 der französischen „L’Équipe“ anvertraute: Noch einmal zurück in den Rennsattel und als Vater und Sohn ein Profirennen bestreiten. Angesichts seines Alters von 47 Jahren mag das utopisch klingen. Aber immerhin gab Martinez 2020 für das Continental-Team Amore & Vita ein kurzes Comeback und nahm sogar an der französischen Straßenmeisterschaft teil, mit Platz 93 im Endresultat.
Mit seinem Sohn Lenny Martinez dürfte er allerdings nicht mehr mithalten können. Dieser gilt als französischer Hoffnungsträger für die großen Landesrundfahrten. Zumindest hat Martinez in seiner ersten Profisaison allerhand Erwartungen geweckt. Zum Beispiel mit seinem ersten Profisieg im Juni beim anspruchsvollen Eintagesrennen Mont Ventoux Challenge – mit 19 Jahren.
Noch mehr Aufsehen erregte derweil sein Auftritt bei der Vuelta a Espana 2023: Bei der Bergankunft der 6. Etappe schlüpfte Martinez aus einer Fluchtgruppe ins Führungstrikot. Zwei Tage lang trug er das begehrte Kleidungsstück, als bislang jüngster Fahrer in der Geschichte des Rennens. Die Rundfahrt beendete er schließlich auf Platz 24. Ein beachtliches Grand-Tour-Debüt.
Mit seinem Talent tritt Lenny Martinez indes eher in die Fußstapfen seines Großvaters als in die seines Vaters. Denn Opa Mariano Martinez startete zwischen 1971 und 1981 zehnmal bei der Tour de France, mit beachtlichen Ergebnissen: Mit Platz sechs (1972), acht (1974) und zehn (1978) landete er dreimal in den Top Ten, 1978 beendete die Frankreich-Rundfahrt zudem als Sieger der Bergwertung – samt Etappensieg am Pla d’Adet. 1980 gewann er ein weiteres Teilstück der Tour de France in Morzine. Bei der Straßenweltmeisterschaft 1978 im kanadischen Montreal landete er hinter Eddy Merckx und Raymond Poulidor auf Platz drei.
Miguel Martinez feierte seine Erfolge hingegen vor allem im Gelände. Im Jahr 2000 sicherte sich der Franzose den Weltcup-Gesamtsieg sowie den Weltmeistertitel im Cross und gewann Gold im Mountainbiking bei den Olympischen Spielen in Sydney. Ab 2002 probierte sich Martinez zwar kurzzeitig im Straßenradsport, große Resultate blieben jedoch aus. Er fuhr unter anderem für die Teams Mapai und Phonak und landete bei der Tour de France 2002 auf Rang 44.
2004 beendete Miguel Martinez zunächst seine Laufbahn, kehrte jedoch 2008 und eben 2020 kurzzeitig zurück. Auch sein Bruder Yannick fand den Weg in den Radsport: Zwischen 2012 und 2018 fuhr er für französische Teams, überwiegend im ProContinental-Bereich. An der Tour de France nahm er nie teil.
Die familiäre Radsport-Prägung war entsprechend enorm für Lenny Martinez. Doch dieser entschied sich erst mit 14 Jahren für das Rad. “Lenny wuchs bei seiner Mutter im Departement Var auf, und selbst als er sich als Teenager entschied, zu mir nach Burgund zu kommen, hatte er keine Pläne in Richtung Radsport”, so Vater Miguel Martinez 2021 in der “L’Équipe”. Doch irgendwann setzte sich Lenny Martinez dann doch auf das Rad, überzeugte bei den Junioren, wechselte ins Nachwuchsprogramm des Teams Groupama-FDJ und bekam dort 2023 seinen ersten Profivertrag.
Miguel Martinez kann derweil nicht ohne Radrennen. In diesem Jahr nahm er gemeinsam mit seinem zwölf Jahre jüngeren Bruder Yannick wieder für ein lokales Team an kleineren Rennen im französischen Radsportkalender teil. Und, wer weiß, vielleicht steht er irgendwann doch noch mit seinem Sohn an der Startlinie.