Dame Sarah Storey ist schon sehr lange dabei. Im Jahr 1992 bestritt sie erstmals Paralympics – damals noch als Schwimmerin. Die 19. Goldmedaille gewann sie jüngst bei den Paralympics in Paris im Radsport. Es war ihre neunte Teilnahme bei Olympischen Spielen für Körperbehinderte. Mittlerweile ist die Britin 46 Jahre alt, und man könnte meinen, die herausragende Para-Radsportlerin hätte schon alles erlebt. Aber sie sagt zu TOUR: “Ich hatte ein Megajahr.” Und sie meint nicht nur sich selbst und ihre Erfolge, sie meint die große Bühne, die der Para-Radsport 2024 bekam – mit mehr Publikum als je zuvor. Dank zweier herausragender Höhepunkte in einer Saison.
Das erste Highlight waren die Paralympics in Paris. Das zweite die Straßenradsport-Weltmeisterschaft in Zürich, die erste mit echter Inklusion. “Es war fantastisch. Wir hatten dieselben WM-Kurse wie die anderen Radsportler, die sehr anspruchsvoll waren. Die Zuschauermengen waren fantastisch. Es war laut, gerade im Zentrum”, schilderte Storey ihre Erfahrung bei den Starts in Zürich. Die Organisatoren in der größten Stadt der Schweiz hatten den Ehrgeiz, alle Rennen, in allen Alters- und Handicap-Klassen, zusammenzuführen: Alle Strecken führten in ein gemeinsames Ziel am Sechseläutenplatz. Das gab es zuvor noch nie.
Einen ersten Versuch der Inklusion hatte es im Vorjahr bei der großen UCI-Radsport-WM gegeben, doch der erntete auch einige Kritik. “In Glasgow war ich wirklich enttäuscht”, blickt Storey zurück. Dort fanden die Straßen-Wettbewerbe im Para-Radsport weit außerhalb der Stadt statt. Damals waren Storey & Co. zwar dabei, aber nur am Rande – und tendenziell unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In Zürich waren sie erstmals mittendrin.
Rund zwei Wochen vor der hochgelobten Weltmeisterschaft in Zürich erlebten die Para-Radsportler bereits ihren traditionell größten Auftritt – bei den Paralympics in Paris. Und die waren bereits ein Superlativ für die Behindertensportler. “Paris war großartig”, sagt Storey. “In Paris lag ein Zauber über der Stadt”, ergänzt Denise Schindler, die als aktive Radsportlerin dreimal an Paralympics teilgenommen hat und diesmal als TV-Expertin für das ZDF dabei war. Nie erfuhr der Behindertensport größere Medienpräsenz in Deutschland. “Die Spiele dort werden lange Zeit für sich stehen”, schätzt Schindler, die künftig in den Athletenkommissionen des internationalen Behindertensportverbandes IPC und der UCI um noch bessere Bedingungen für den Para-Radsport kämpfen will. Auch Maike Hausberger war begeistert, die bei den Paralympics das einzige Radsport-Gold für Deutschland im Einzelzeitfahren und zusätzlich Bronze im 500-Meter-Zeitfahren auf der Bahn gewonnen hatte: “Paris hat etwas Riesengroßes auf die Beine gestellt. Es war kein Unterschied zu den Olympischen Spielen bemerkbar. Das Velodrom war ausverkauft.”
In Zürich stand Hausberger, fünfmalige Weltmeisterin im Straßenradsport, nicht am Start. “Ich musste mich ausruhen”, sagt sie im Gespräch mit TOUR. Nach den medienwirksamen Erfolgen von Paris habe sie viele Termine gehabt – darunter der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Stuttgart und ein Empfang in ihrer Heimatgemeinde Butzweiler bei Trier. “Die WM lag zwei Wochen nach unserem Saisonhöhepunkt. Zuvor habe ich vier Jahre lang 24/7 an die Paralympics gedacht, vier Jahre Schweiß und Tränen”, erläutert sie. “Danach fährt der Körper runter. Man ist mental fertig. Ich bin nicht die Einzige, bei der die Luft raus ist.” Auch Deutschlands erfolgreichster Para-Radsportler Michael Teuber oder der US-Star Oksana Masters verzichteten auf die Reise in die Schweiz. Zumal für die deutschen Olympia-Medaillengewinner zeitgleich mit der Rad-WM der “Club der Besten” im Terminkalender stand – ein Urlaub in der Türkei auf Einladung der Stiftung Deutsche Sporthilfe als Belohnung für Medaillenerfolge in Paris.
Den Doppelstart bei Paralympics und WM in Angriff nahm Annika Zeyen-Giles. Nach zweimal Bronze in Paris fuhr sie auf dem Sechseläutenplatz zu Gold im Einzelzeitfahren und Silber im Straßenrennen. Hinterher zog sie begeistert ihre Bilanz der Weltmeisterschaften: “Auch wenn die Zeit zwischen den Paralympics und diesem Event sehr kurz war, hat es großen Spaß gemacht, bei dieser inklusiven WM mit dabei zu sein. Das Event hier in Zürich ist ganz, ganz toll. Wir hatten letztes Jahr schon eine Mega-WM in Glasgow, da waren wir aber mit den Zeitfahren und Straßenrennen schon sehr weit außerhalb. Hier hat man Zeremonien am gleichen Ort, Start und Ziel sind teilweise gleich, das ist wirklich ein schönes Miteinander. Super, was das Organisationskomitee hier geschafft hat.”
Aber der Termin dieser WM-Premiere lag letztlich zu dicht an den Paralympics, um wirklich eine herausragende Leistungsschau des Para-Radsports zu werden. Zu viele Topathleten verzichteten. Die Startlisten in Zürich waren mitunter kurz – in manchen Handicap-Klassen waren genauso viele Starter gemeldet, wie es Medaillen zu gewinnen gab oder gar weniger. Storey kritisierte die vielen Absenzen: “Das ist eine Schande!” Gleichzeitig ließ sie allen, die nicht in Zürich dabei waren, ausrichten: “Sie verpassen etwas.”
Athletenvertreterin Schindler weiß, dass die UCI-Wettbewerbe in der Schweiz im Schatten der Paralympics standen. Dennoch betont sie: “Die WM in Zürich ist ein wundervolles Beispiel, damit unsere Gesichter in den Köpfen bleiben.” Schließlich wird die Disziplin Paracycling sonst nur alle vier Jahre wirklich sichtbar. Und bei einer integrierten WM profitiere der Behindertenradsport davon, dass Übertragungsteams ohnehin vor Ort seien, so Schindler. Die Para-Radsportler fahren quasi im Windschatten der Profis.
Möglicherweise war Zürich allerdings eine zwar sehr erfreuliche aber auch einmalige Angelegenheit – für eine ganze Generation von Para-Radsportlern. Die UCI gab auf Nachfragen, wann es wieder vergleichbare Inklusions-Weltmeisterschaften geben werde, keine klaren Antworten. Aber wenn man die neu veröffentlichten Kalender des Radsport-Weltverbandes daraufhin liest, wird es bis 2030 möglicherweise keine weitere Integration des Handicap-Radsports mehr geben. Alles Weitere steht in den Sternen. “Der Radsport ist anderen Sportarten hinterher”, urteilt Dame Storey.

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