TOUR: Sie haben beim Giro d’Italia im vergangenen Mai eine Etappe gewonnen. Sie sind damit der einzige Deutsche neben Maximilian Schachmann, der 2025 ein Rennen auf World-Tour-Niveau gewonnen hat. Ist Ihnen das bewusst?
Nico Denz: Nein! Wirklich? Ich habe nicht darüber nachgedacht.
TOUR: Wie schaffen Sie es, regelmäßig aus einer Rolle als Helfer im Team schnell mal in die Hauptrolle zu schlüpfen?
Nico Denz: Ganz schwer. Aber ich habe halt immer noch diesen, ich weiß nicht, ob man das sagt, Killerinstinkt. Wir sind alles Radrennfahrer und nicht Profi geworden, weil wir im Nachwuchsbereich Zehnter geworden sind. Jeder einzelne Profi hat Erfolg gehabt im früheren Leben. Jeder hat es eigentlich in sich, jeder will gewinnen. Keiner sagt, ich werde jetzt Profi, weil ich Helfer sein will. Jeder möchte Profi werden, um selbst Rennen zu gewinnen.
TOUR: Dazu muss man aber vom Team erst einmal die Chance eingeräumt bekommen …
Nico Denz: Ich war schon im Nachwuchsbereich einer, der immer sehr, sehr selbstlos war. Das habe ich beibehalten und bin deswegen lange Zeit ein bisschen unterm Radar geblieben - auch, weil ich einfach keine Chancen bekommen habe.
TOUR: Wie haben Sie es geschafft, Chancen im Profiradsport zu bekommen?
Nico Denz: Als Neo-Profi stellt man sich erst mal ganz hinten an. Dann bekommt man schon seine Chance. Ich hatte sie beim Giro, bin einmal Zweiter geworden auf einer Etappe.
TOUR: 2018 war das – Sie haben den Zweiersprint auf der 10. Etappe nach 244 Kilometern gegen den späteren Mailand-San Remo-Sieger Matej Mohoric verloren …
Nico Denz: Dafür habe ich ein Schulterklopfen gekriegt. Eine Woche später war es schon wieder vergessen. Man muss leider Gottes sagen: nur Siege zählen! Man bekommt wenig Chancen, die muss man nutzen. Dann bekommt man auch mehr Chancen.
TOUR: Seit Sie bei der Tour de Suisse 2022 eine Bergetappe gewonnen haben, damals im Trikot von Team DSM, läuft es: Es folgten 2023 und 2025 insgesamt drei Etappensiege beim Giro d’Italia.
Nico Denz: Es ist dann irgendwie passiert. Ab da war es irgendwie im Kopf: Okay, ich hab‘ es schon mal geschafft. Warum nicht noch mal? Das macht es dann schon leichter, weil man weiß, dass man es kann.
TOUR: Das Ziel von Red Bull-Bora-hansgrohe war allerdings der Gesamtsieg mit Primož Roglič.
Nico Denz: Am Anfang wurde mir das Projekt Giro-Sieg vorgestellt. Und ich habe gesagt: Finde ich geil, bin ich dabei. Ich war zweimal drei Wochen lang für das Höhentraining auf dem Teide, auf dem Vulkan oben, in Isolationshaft, sag ich mal. Es war von mir eine bewusste Entscheidung, sechs Wochen weg von meiner Familie, da oben auf diesem Berg zu hocken, um mich vorzubereiten. In dem Wissen: Ich fahre für Primož Roglič. Ich wollte, dass er den Giro gewinnt. Das war mein Ziel und ich dachte: Ich bin jetzt die beste Version von mir, damit er das schafft.
TOUR: Was war genau Ihre Aufgabe im Rennen?
Nico Denz: Vorne im Wind fahren und Primož in den entscheidenden Situationen vorne abzuliefern. Das kann ich recht gut.
TOUR: Sie können sich für eine Rolle als Helfer motivieren?
Nico Denz: Ich wollte das wirklich. Der Vuelta-Gesamtsieg (im Jahr 2024; Anm. d. Red.), als nach drei Wochen Schinderei Primož gewonnen hat, das war schon ein abartiges Gefühl. Es war danach für mich der logische Schritt: Ich will das auch beim Giro erleben, ich will da auch wieder dabei sein. Mir hätte das genauso viel gegeben, wenn Primož das Ding gewonnen hätte. Und dann platzt dieser Traum.
TOUR: Auf der 16. Etappe gab Ihr slowenischer Kapitän auf, nachdem er zuvor schon mehrfach gestürzt und mehrere Minuten im Gesamtklassement verloren hatte.
Nico Denz: Ich habe dann für mich beschlossen: Nee, das war so viel harte Arbeit. Meine Familie, meine drei Kinder haben auch drunter gelitten. Ich stecke nicht den Kopf in den Sand. Pömi, unser Sportlicher Leiter Christian Pömer, kam am Abend zu mir und sagte: Nico, Etappe 18!
TOUR: Sie hatten sich den 18. Tagesabschnitt ausgeguckt – 144 Kilometer von Morbegno nach Cesano Maderno. Vom Höhenprofil ein Tag für eine Ausreißergruppe zwischen vielen schweren Bergetappen – mit vielen längeren Anstiegen im Mittelteil. Aber auf solche Etappen haben viele im Peloton ein Auge geworfen …
Nico Denz: Es gab keine andere Option, das war meine Etappe! Wenn ich mir irgendwas in den Kopf setze, dann bin ich ein Autopilot und so krass fokussiert, ich blende dann einfach alles aus. Das war schon damals so, als ich als Achtzehnjähriger nach Frankreich, nach Chambéry, gegangen bin. Damals habe ich gar nicht darüber nachgedacht, dass es irgendwie schiefgehen könnte.
TOUR: Sie haben damals Ihre ersten Schritte Richtung Radprofi beim Nachwuchsrennstall des französischen Teams AG2R-La Mondiale gemacht. Im Radsport gewinnt nicht immer der Beste. Viele Umstände beeinflussen, ob man im Rennen Erfolg hat. Sie sind aus einer rund 30-köpfigen Spitzengruppe auf den letzten 17 Kilometern solo zum Sieg gefahren.
Nico Denz: Natürlich. Aber ich wusste: Der erste Schritt war, dass ich vorne dabei sein musste. Der zweite Schritt, dass ich in der Ausreißergruppe die hügelige Passage überleben musste. Erst im dritten Schritt musste ich mir überlegen: Wie gewinne ich das Radrennen?
TOUR: Wie verändert sich das – Ihr Fokus von der Helferrolle hin zum Siegertyp?
Nico Denz: Es ist anders – auch als Helfer brauche ich schon auch einen Fokus. Es ist ganz schwer zu beschreiben. Es passiert einfach in meinem Kopf. Ich bin in solchen Momenten in der Lage, komplett über mich hinauszuwachsen. Ich war dann die verbleibenden drei Tage allerdings komplett am Limit und bin ums Gruppetto gefahren. Ich habe nur noch gelitten.
TOUR: Es ging an den folgenden Tagen über Etappen mit 5.000 bzw. 4.400 Höhenmetern …
Nico Denz: Ja, genau. Ich bin so tief gegangen, über meine eigenen Grenzen hinausgegangen – davon musste ich mich erholen. Und das ist im Hochgebirge schwer.
TOUR: Wie läuft so ein Projekt Etappensieg aus einer Ausreißergruppe. Verhält man sich vor dem Start anders als sonst?
Nico Denz: Wenn man weiß, dass die Startphase extrem wichtig ist, dann wird natürlich der Kohlenhydrat-Intake (Aufnahme; Anm. d. Red.) vor dem Start schon hochgefahren. Man ist am Start fokussiert, steht vorne. Vielleicht nicht unbedingt als Erster, sonst könnte man auch gleich ein Schild hochhalten auf dem steht: Ich gehe heute in die Gruppe! Also, es ist ein feiner Grat zwischen fokussiert und übermotiviert.
TOUR: Und wenn es dann geklappt hat?
Nico Denz: Das war schon ein sehr emotionaler Sieg. Vor allem, weil es für uns alle ein schwieriger Giro war. Wir hatten alle das Ziel, die Gesamtwertung zu gewinnen und standen dann mit wirklich nichts da. Es geht schon allen im Team ganz nah, wenn man es schafft, den Giro noch mal so umzudrehen.
TOUR: Ihre Ziele für 2026?
Nico Denz: Ich sehe mich in meiner Rolle als treuer Helfer, vor allem bei Grand Tours, der auch Verantwortung übernehmen und das Team ein bisschen lenken kann. Und wenn ich freie Fahrt kriege, nehme ich gerne die eine oder andere Etappe ins Visier.
TOUR: Die Rennplanung für die Rennfahrer bei Red Bull-Bora-hansgrohe ist noch nicht in allen Details bekannt. Was wäre Ihr Wunschszenario als Rennprogramm: den Giro mit Newcomer Giulio Pellizzari und dem Gesamtsieger von 2022, Jai Hindley, zu bestreiten, die Tour mit den Podiumsanwärtern Lipowitz und Evenepoel zu fahren oder mit Roglič den fünften Sieg und damit den Rekord bei der Vuelta anzustreben?
Nico Denz: Also jede Option hat was Besonderes. Der Giro liegt mir, ist vielleicht sogar mein Lieblingsrennen. Die Tour ist die Tour! Und ich war dabei, als wir mit Primož die Vuelta gewonnen haben. Und so ein Gesamtsieg ist wirklich was ganz, ganz Fantastisches, was absolut Einzigartiges. Es wäre etwas ganz Besonderes ihm zu dazu zu verhelfen, dass er als einziger fünf Siege hat. Also, alle drei Grand Tours sind sehr, sehr attraktiv für mich. Welche es im Endeffekt wird, darüber bestimme ich nicht.