Sebastian Lindner
· 27.01.2024
Die Erwartungshaltung wird steigen. Dessen ist sich Henri Uhlig gewiss. Der 22-Jährige aus Hagelstadt bei Regensburg, sportlich großgeworden beim RSC Kelheim, nimmt die neue Saison wie schon zuletzt in den Teamfarben von Alpecin-Deceuninck in Angriff. Allerdings nicht im Development Team, sondern bei den Profis in der World Tour.
Sein erstes Rennen im neuen, aber irgendwie doch vertrauten Team wird die Tour of Antalya (2.1) ab dem 8. Februar sein. Nichts Besonderes, keine großen Namen stehen am Start, neben Alpecin mit Bahrain-Victorious überhaupt nur eine weitere Mannschaft aus der World Tour. Und damit ist es vielleicht genau das Richtige für Uhlig, um direkt in Erscheinung treten zu können. Zumindest auf der 1. Etappe, die vom Profil her geeignet sein könnte, um im Sprint einer größeren Gruppe entschieden zu werden.
Und das ist genau das, was Uhlig am besten kann. “Ich sehe mich als Klassikerfahrer, der bei einem hügeligen Rennen am Ende noch einen richtig guten Sprint hat”, sagte der Niederbayer Ende 2023 zu radsport-news.com. “Auch bei den großen World-Tour-Klassikern”, so die Marschroute für die mittelfristige Zukunft. Den Beweis hat er im vergangenen Jahr angetreten, am besten sichtbar beim U23-Weltmeisterschaftsrennen in Glasgow. Auf dem schweren Parcours wurde er 14., musste aber lange die Füße still halten, weil sein Landsmann Moritz Kretschy der Spitzengruppe angehörte. Bei der U23-EM anderthalb Monate später am VAM-Berg in den Niederlanden wurde er Zehnter.
Weiter vorne landete Uhlig unter anderem bei der Nachwuchsvariante von Gent-Wevelgem. Er fuhr als Dritter aufs Podium - und dass in seinem ersten Saisonrennen. Neben vielen Top-10-Ergebnissen bei .2-Rundfahrten ging es bei der Baltic Chain Tour durch Estland auch bis ganz nach oben. Mit einem Etappensieg beendete er die dreitägige Rundfahrt als Gesamtzweiter. “Dort hatte ich meine beste Form”, sagte er radsport-news.com. Das war kurz nach der WM.
Dass der Deutsche weitere Fortschritte machte, die auch das Team überzeugten, ihm einen Profivertrag anzubieten, lag auch daran, dass sich Uhlig nach dem Abschluss seiner Ausbildung bei der Polizei noch mehr auf den Sport fokussieren konnte. Doch auch das soll erst der Anfang gewesen sein. “Das Team kennt mein Potenzial und will mich behutsam aufbauen.”
Talent bewies der jüngere Bruder von Oscar Uhlig, der sich ebenfalls im Radsport versuchte, es aber nicht bis zum Profi schaffte, schon immer. 2018 wurde er Deutscher Juniorenmeister auf der Bahn im Omnium, drei Jahre später gewann er die Deutsche Derny-Meisterschaft. Seine Vergangenheit auf der Bahn dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Uhlig auch in kurzen Zeitfahren liefern kann. Beim Prolog der Friedensfahrt im Nachwuchs wurde er Zweiter und war unter anderem schneller als Vize-U23-Europameister Carl-Frederik Bevort aus Dänemark.
Damit die eingeschlagene Richtung weiterhin bergauf führt, gönnte sich Uhlig im Winter nur wenig Pause. Ein erstes Teamtrainingslager in Spanien Anfang Dezember, ein kurzer Heimatbesuch über die Feiertage, natürlich mit Training. Anfang Januar dann wieder privat nach Spanien, um anschließend weiter mit dem Team auf Mallorca zu trainieren. Wie gut Uhlig die nochmal gestiegenen Umfänge im Profibereich wegsteckt, muss sich wie bei jedem anderen Neo erst zeigen.
Ein gutes Ergebnis zum Auftakt in den nun entscheidenden Teil der Karriere würde die Motivation für alles weitere nur noch weiter erhöhen. Und vielleicht sogar die Chancen steigern auf einen der begehrten Plätze im auf Klassiker spezialisierten Alpecin-Team. Die Konkurrenz für Uhlig, selbst auf den Helferpositionen, ist groß, vielleicht größer als in jeder anderen Mannschaft. Auch in Rennen unterhalb der World Tour. Und mit Timo Kielich hat ein weiterer Neo-Profi für noch mehr Breite diesbezüglich gesorgt.
Dass Alpecin-Deceuninck aber trotzdem darauf setzt, Uhlig überhaupt im Kader haben zu wollen, ist schonmal ein gutes Zeichen. Und Lernen kann er so aber von den Besten.