Rückblick ins Jahr 2016So lief die Rad-WM in Katar - das wurde aus den Champions von damals

Thomas Goldmann

 · 19.11.2022

Alle Weltmeisterinnen & Weltmeister der Rad-WM 2016: Teamzeitfahren Damen: Gold Boels-Dolmans Cycling Team (Niederlande), Silber Canyon//SRAM Racing (Deutschland), Bronze Cervelo-Bigla Pro Cycling (Schweiz)
| Bilder: Getty Velo

Die Fußball-WM 2022 steigt in Katar. TOUR nimmt das zum Anlass und blickt zurück ins Jahr 2016, als die Rad-WM in dem Wüstenstaat stattfand. Die Weltmeisterinnen und Weltmeister von damals haben seither interessante Karrieren hingelegt.

Rad-WM in Katar: Kaum Zuschauer, wenig Stimmung

Die Wettkämpfe der Rad-WM in Katar wurden vom 9. bis zum 16. Oktober 2016 ausgetragen. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens war Doha, genauer gesagt die künstliche Insel “The Pearl”. Es gab viel Kritik an der Entscheidung des Radsport-Weltverbandes UCI, die WM nach Katar zu vergeben. Rennen bei rund 40 Grad Celsius waren und sind keine optimalen Bedingungen für Radsportler. Zudem fehlte der WM in Katar das, was den Radsport ausmacht: die Fans. Wo in Italien, Frankreich, Belgien oder Spanien Hunderttausende die Strecken säumen und Stimmung machen, verirrten sich in Katar nur einige wenige zu den Rennen. Es gab kein WM-Flair. Genau das, was auch bei der Fußball-WM befürchtet wird.

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Rennen mit kaum Zuschauern: die Rad-WM in Katar 2016Foto: Getty Velo
Rennen mit kaum Zuschauern: die Rad-WM in Katar 2016

Medaillen wurden bei den Titelkämpfen in zwölf unterschiedlichen Disziplinen vergeben. Es lohnt sich einige Jahre später auf die Entwicklung der Disziplinen und vor allem der Weltmeisterinnen und Weltmeister von damals zu schauen.

Teamzeitfahren zum Auftakt

Den Auftakt machten am 9. Oktober die Teamzeitfahren bei den Damen und den Herren. Diesen Wettbewerb gibt es mittlerweile nicht mehr im Programm der Straßenrad-WM. 2018 fand er letztmals bei einer WM statt, seit 2019 fahren anstelle von Profi-Radsport-Mannschaften Mixed-Teams aus Frauen und Männern unter Nationalmannschaftsflagge um die Medaillen.

Bei der WM in Katar beendete das Team Boels-Dolmans die Siegesserie des damaligen Teams Canyon/SRAM Racing, das zuvor viermal in Folge unter unterschiedlichen Namen den Titel holte. Canyon/SRAM Racing mit den deutschen Fahrerinnen Lisa Brennauer, Mieke Kröger und Trixi Worrack musste mit Silber Vorlieb nehmen. Bronze ging an Cervelo-Bigla Pro Cycling mit Lisa Klein und Stephanie Pohl.

Martin holt Gold in Katar

Nachdem bei den Männern 2015 BMC Etixx-Quick Step noch knapp in die Schranken wies, drehten die Belgier diesmal den Spieß um und holten zwölf Sekunden vor BMC Gold. Mit dabei auch zwei Deutsche: Marcel Kittel und Tony Martin. Vor allem für Letzteren lief die WM in Katar sehr gut.

Gold in Katar 2016: Tony MartinFoto: Getty Velo
Gold in Katar 2016: Tony Martin

Im Einzelzeitfahren wenige Tage später raste der gebürtige Cottbuser zu seinem vierten Regenbogentrikot in dieser Disziplin. Es war gleichzeitig Martins letzter WM-Titel im Einzelzeitfahren. Gemeinsam mit dem Schweizer Fabian Cancellara hält er bis heute den Rekord für die meisten Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften im Einzelzeitfahren. Der tellerflache Parcours mit langen Geraden und nur wenigen Kurven war dem Ausnahme-Rouleur Martin wie auf den Leib geschneidert.

Knappes Ergebnis bei den Damen

Während der Deutsche recht deutlich mit 45 Sekunden vor Vasil Kiryienka (Belarus - beendete 2020 seine Karriere) und 1:10 Minuten vor Jonathan Castroviejo (Spanien - heute bei Ineos Grenadiers) siegte, ging es bei den Damen im Einzelzeitfahren deutlich knapper zu.

Mit lediglich fünf Sekunden Vorsprung vor der Niederländerin Ellen van Dijk wurde die damals 41-jährige Amber Neben aus den USA Weltmeisterin im Einzelzeitfahren. Sie bestreitet bis heute Wettkämpfe und war zuletzt Dritte beim Chrono des Nations. Trostpflaster für van Dijk: Die Niederländerin sammelte 2021 und 2022 ihre WM-Titel zwei und drei im Einzelzeitfahren ein und knackte 2022 zudem den Stundenweltrekord. Bronzemedaillengewinnerin Katrin Garfoot beendete 2018 ihre Karriere.

Italienerin hängt Rad an den Nagel

Interessant ist auch ein Blick auf die Zeitfahren in den Nachwuchsklassen bei der WM in Katar. Bei den Damen gab es damals nur einen Wettbewerb in der Juniorinnenklasse (2022 wurden erstmals auch im U23-Bereich Medaillen bei den Damen vergeben). Die 2016 17-jährige niederländische Juniorinnen-Weltmeisterin Karlijn Swinkels ist heute Profi beim Team Jumbo-Visma, genau wie Bronzemedaillengewinnerin Juliette Labous (fährt aktuell bei DSM). Lisa Morzenti, die Zweitplatzierte von Doha, hängte dagegen 2019 das Rad mit gerade einmal 21 Jahren an den Nagel. “Ich liebe den Radsport immer noch, aber in den letzten Jahren habe ich aufgehört, das Umfeld des Frauenradsports zu lieben”, sagte die Italienerin zu ihrem Abschied.

Lisa Morzenti verabschiedete sich 2019 aus dem RadsportFoto: Getty Velo
Lisa Morzenti verabschiedete sich 2019 aus dem Radsport

Im U23-Zeitfahren der Männer sahen die Radsportfans einen deutschen Doppelerfolg. Marco Mathis holte Gold vor Maximilian Schachmann und dem Australier Miles Scotson. Der Weg von Schachmann führte an die Weltspitze. Der Berliner wurde bei Quick-Step Profi und steht mittlerweile bei Bora-Hansgrohe unter Vertrag. Sein Palmares schmücken unter anderem zwei Gesamtsiege bei Paris-Nizza, ein Etappensieg beim Giro d’Italia und zahlreiche Spitzenplatzierungen bei Eintagesrennen.

Anders lief es für Mathis. Der heute 28-Jährige wurde bei Katusha Profi und stand später bei Cofidis unter Vertrag. Der ganz große Durchbruch gelang ihm aber nicht. Ende 2021 beendete er seine Karriere. Bronzemedaillengewinner Scotson fährt seit 2019 auf solidem Niveau für Groupama-FDJ.

McNulty & Bjerg heute bei UAE Team Emirates

Das Podium der Zeitfahr-Juniorenklasse aus Katar arbeitet heute - zumindest teilweise - zusammen. Goldmedaillengewinner Brandon McNulty und Mikkel Bjerg (Silber) fahren beide bei UAE Team Emirates. Für McNultys Landsmann Ian Garrison lief es nicht so gut. Er holte zwar 2019 nochmal Silber bei der WM in der U23-Klasse im Zeitfahren, doch nach zwei Jahren bei Deceuninck-Quick Step (2020 und 2021) war für ihn Schluss in der World Tour. Er wechselte zum kleinen amerikanischen Team L39ION of Los Angeles.

Auch in den Nachwuchsklassen der Straßenrennen gab es Fahrer und Fahrerinnen, die durchgestartet sind und solche, von denen man hinterher nicht mehr viel gehört hat. Jakob Egholm, Junioren-Weltmeister in Katar, fuhr 2021 und 2022 zwei Jahre auf World-Tour-Niveau, für einen Profi-Sieg reichte es dabei aber nicht. 2023 wechselt der Däne in seine Heimat zu Restaurant Suri - Carl Ras. Silber ging damals an Niklas Märkl. Der Weg des Deutschen führte zunächst ins Development-Team von Sunweb (Vorläufer von Team DSM) und später in die World Tour zu den DSM-Profis. Bronzemedaillengewinner Reto Müller aus der Schweiz, unter anderem 2016 auch Gesamtsieger des prestigeträchtigen Juniorenrennens Grand Prix Rüebliland und Junioren-Weltmeister auf der Bahn im Zweier-Mannschaftsfahren mit Marc Hirschi, beendete Ende 2021 bereits seine Laufbahn, um sich auf sein Ökonomiestudium zu fokussieren.

Ackermann holt bei WM in Katar Silber

Im Straßenrennen der U23 stellte der damals 22-jährige Pascal Ackermann sein Talent mit Silber unter Beweis. Der Pfälzer wechselte anschließend zu Bora-Hansgrohe, wo er bis Ende 2021 fuhr. Mittlerweile ist er bei UAE Team Emirates. Mit 28 Jahren hat Ackermann bereits Etappen beim Giro d’Italia und bei der Vuelta a Espana gewonnen, das Punktetrikot beim Giro und auch den Klassiker Eschborn-Frankfurt.

Pascal Ackermann fährt mittlerweile für UAE Team EmiratesFoto: Getty Velo
Pascal Ackermann fährt mittlerweile für UAE Team Emirates

Auf den ersten Blick liest sich die Bilanz von Jakub Mareczko, der in Katar Bronze im U23-Straßenrennen gewann, ähnlich gut. Der Italiener hat eine Art Marktlücke für sich entdeckt: Rennen in Asien. Zwischen 2015 und 2018 gewann Mareczko alleine 18 Etappen bei der Tour of Taihu Lake, einem Rennen der zweiten Kategorie in China. Einen Sieg auf World-Tour-Niveau hat der 28-Jährige aber noch nicht eingefahren.

Geschlagen wurden Mareczko und Ackermann bei der WM in Katar von Kristoffer Halvorsen. Der Norweger heuerte 2018 für zwei Jahre bei Sky an, mit mäßigem Erfolg. Zwei Siege holte er während dieser Zeit. Nach einem Jahr bei EF Pro Cycling kehrte er 2021 in seine Heimat zurück und fährt seither für den aufstrebenden norwegischen Rennstall Uno-X Pro Cycling.

Balsamo startet große Karriere

Das Juniorinnen-Straßenrennen wurde von Elisa Balsamo gewonnen. Die Italienerin gehört mittlerweile zur Weltspitze des Frauen-Pelotons und wurde 2021 in Belgien Weltmeisterin im Elite-Straßenrennen. Silbermedaillengewinnerin Skylar Schneider aus den USA fährt aktuell für L39ION of Los Angeles. Die Norwegerin Susanne Andersen, die Bronze holte, steht in der Women’s World Tour bei Uno-X Pro Cycling unter Vertrag.

Dort wird 2023 Amalie Dideriksen, Elite-Weltmeisterin von Katar, ihre Teamkollegin sein. Die Dänin setzte sich damals im Sprint vor der Niederländerin Kirsten Wild und der Finnin Lotta Lepistö durch und wurde zur damals zweitjüngsten Straßen-Weltmeisterin. Silbermedaillengewinnerin Wild hat ihre Karriere Ende 2021 im Alter von 39 Jahren beendet. Lepistö, die mittlerweile Henttala heißt, fährt ab 2023 für das AG Insurance-NXTG Team.

WM in Katar: Fiasko für deutsches Team

Den Abschluss der WM in Katar bildete das Straßenrennen der Herren-Elite. Das deutsche Team ging mit großen Hoffnungen an den Start. Auf dem flachen Kurs in Katar hatte man mit Andre Greipel, Marcel Kittel und John Degenkolb gleich drei potenzielle Medaillen- wenn nicht sogar Siegkandidaten am Start. Doch die Deutschen schafften es nicht, in den Sprint um die Goldmedaille einzugreifen. Die Träume auf den ersten deutschen Straßenweltmeistertitel 50 Jahre nach Rudi Altigs Sieg auf dem Nürburgring wurden bereits nach rund 70 von 257 Kilometern im Wüstenwind außerhalb Dohas verweht.

In der Wüste Katars zerfiel das Peloton auf der Windkante in viele kleine GruppenFoto: Getty Velo
In der Wüste Katars zerfiel das Peloton auf der Windkante in viele kleine Gruppen

Sagan wird Weltmeister in Katar

Das BDR-Team verpasste die entscheidende Attacke auf der Windkante - mit Ausnahme von Degenkolb, der in der ersten Staffel dabei war. Doch auch er fiel nach einem Defekt einige Kilometer später zurück. Aufmerksam waren dagegen die Briten, die Belgier und auch die drei slowakischen Fahrer waren in der ersten Gruppe mit dabei.

Am Ende war es Peter Sagan, der im Sprint vor Cavendish und Tom Boonen seinen zweiten WM-Titel bei einer sehr eigenartigen Weltmeisterschaft in Katar holte.

Ergebnisse der WM in Katar 2016

Die Weltmeisterinnen & Weltmeister

  • Teamzeitfahren Damen: Boels-Dolmans Cycling Team
  • Teamzeitfahren Herren: Etixx-Quick Step
  • Einzelzeitfahren Juniorinnen: Karlijn Swinkels
  • Einzelzeitfahren U23 Männer: Marco Mathis
  • Einzelzeitfahren Junioren: Brandon McNulty
  • Einzelzeitfahren Elite Damen: Amber Neben
  • Einzelzeitfahren Elite Herren: Tony Martin
  • Straßenrennen U23 Männer: Kristoffer Halvorsen
  • Straßenrennen Juniorinnen: Elisa Balsamo
  • Straßenrennen Junioren: Jakob Egholm
  • Straßenrennen Elite Damen: Amalie Dideriksen
  • Straßenrennen Elite Herren: Peter Sagan