Interview mit Jannik Steimle“Jetzt habe ich ausgelernt und muss liefern”

Daniel Brickwedde

 · 15.11.2023

Jannik Steimle verbrachte seine ersten vier Profijahre beim Team Soudal - Quick Step.
Foto: DPA Picture Alliance
Seine ersten vier Profijahre verbrachte Jannik Steimle beim Topteam Soudal - Quick Step, ab 2024 beginnt ein neues Kapitel beim Team Q36.5. Im Interview mit TOUR spricht Steimle über seinen Kapitänsanspruch, seine zuletzt unglückliche Rolle bei Quick-Step, Patrick Lefevere und Rennhöhepunkte der kommenden Saison.

Seit zwei Wochen befindet sich Jannik Steimle wieder auf dem Rennrad und in der Vorbereitung auf die neue Saison. Für den 27-Jährigen ist es ein besonderer Winter, denn erstmals in seiner Profikarriere hat er das Team gewechselt: Zur neuen Saison gehört er dem Team Q36.5 Pro Cycling an. Auf dem Papier ein Schritt zurück aus der World Tour zu einer ProContinental-Mannschaft. Für Steimle ist es jedoch ein notwendiger Wechsel, wie er im Interview erzählt.

Denn nach beeindruckendem Start mit dem Sieg beim Kampioenschap van Vlaanderen 2019 als Stagiaire und dem Gesamtsieg bei der Slowakei-Rundfahrt 2020 warfen ihn in den vergangenen Jahren Verletzungen und die Teamhierarchie zurück. Mit dem Q36.5 Pro Cycling will Steimle nun an die früheren Erfolge anknüpfen.

TOUR: Herr Steimle, sind Sie nach Saisonende jemand, der das Rad komplett in die Ecke stellt und nicht anrührt – oder können Sie nicht ohne?

Jannik Steimle: Eigentlich schaffe ich es ganz gut, es in der Ecke zu lassen. Ich spiele nebenbei Golf, daher habe ich das gute Wetter nach Saisonende eher für den Golfplatz genutzt. Ich glaube, in vier Wochen habe ich das Rad nur dreimal bewegt. Denn es gab tatsächlich mal eine Saison, da habe ich das Rad nicht wirklich weggestellt – und als es dann wieder losging, fühlte es sich so an, als hätte ich keine Pause gehabt. Das war nicht gut. Die vergangene Saison hatte Höhen und Tiefen, daher habe ich es auch für den Kopf gebraucht, das Rad mal für ein paar Wochen nicht zu sehen. So hole ich mir wieder Appetit für das Training und habe nach drei bis vier Wochen wieder richtig Bock.

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TOUR: Von Fahrern wie Geraint Thomas gibt es ja die Geschichten, dass nach Saisonende die Disziplinbremse gelöst und gegessen und getrunken wird, was in der Saison tabu ist. Lassen Sie es dann auch lockerer angehen?

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Jannik Steimle: Ich bin keiner, der sagt: Jetzt kann ich endlich feiern und was trinken gehen. Ehrlicherweise baue ich die ungesunden Snacks eher ins Training ein, um mich nach einer langen, harten Ausfahrt zu belohnen. Wenn die Form und das Gewicht stimmen, dann macht es ein Burger oder eine Pizza nicht kaputt. Eigentlich achte in der Off-Season fast noch mehr auf meine Ernährung. Denn alles, was ich dort an Gewicht zunehme, muss ich nachher wieder loswerden. Und ich habe keine Lust mit fünf Kilogramm zu viel wieder ins Training einzusteigen. Bei Quick-Step wurde das Thema Ernährung auch nicht zu ernst genommen. Wir hatten einige Belgier, da sage ich mal, die waren bei der Ernährung nicht die gesündesten. Da gab es nach den Rennen Sachen, die es bei anderen Teams sicherlich nicht gab. Wir haben da schon relativ viele Freiheiten bekommen.

Beim neuen Team Q36.5 soll das Zeitfahren für Jannik Steimle wieder eine größere Rolle spielen.Foto: DPA Picture AllianceBeim neuen Team Q36.5 soll das Zeitfahren für Jannik Steimle wieder eine größere Rolle spielen.

TOUR: Für Sie beginnt nun ein neuer Abschnitt, eine neue Erfahrung mit Ihrem ersten Teamwechsel als Profi. Aus der World Tour geht es zu einem Pro Continental-Team. Inwiefern haben Sie über diesen Schritt gegrübelt?

Jannik Steimle: Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Das Gefühl ist aktuell ähnlich wie vor der Saison 2020, als ich meinen ersten Profivertrag bekommen habe. Ich habe wieder den Drang, unbedingt liefern zu wollen. Diese Motivation trägt mich von Woche zu Woche. Die Entscheidung für Q36.5 ist mir anfangs aber nicht ganz leicht gefallen. Für mich war es im Kopf schon ein Thema, ob ich die World Tour für ein Pro-Continental-Team verlasse. Mit dem Team hatte ich mich vorher auch nie wirklich auseinandergesetzt. Ich habe dann mit vielen Leuten gesprochen, der Familie, dem Management und Fahrern, die den gleichen Schritt gegangen sind. Und umso mehr ich das Team verfolgt habe, desto mehr Gefallen fand ich daran. Von Gespräch zu Gespräch wurde das Thema dann für mich interessanter.

Bei Quick-Step nicht mehr im A-Kader

TOUR: Was war letztendlich ausschlaggebend für Sie?

Jannik Steimle: Ich bekomme meine Freiheiten. Ich habe in meinen Jahren bei Quick-Step gezeigt, was ich kann, bin aber leider in eine Schublade gerutscht. Meine Qualitäten sind zumeist anders genutzt worden, zumeist für Helferdienste. Und für mich war es irgendwann schwierig, aus dieser Schublade herauszukommen. Q36.5 hat mir jedoch gleich gesagt: Sie wissen, was ich kann und was ich schon gezeigt habe. Sie haben mir das Gefühl geben, dass sie mich richtig wollen und in mich investieren möchten. Ich bin jetzt 27 Jahre und muss den Schritt gehen, um bei Rennen auf eigene Rechnung zu fahren – mit einem Team, das mir hilft. Die ersten Wochen haben mich bestätigt: Ich spüre, dass ich im Team keine Nummer bin, sondern es wird etwas von mir erwartet. Das fühlt sich gut an. Das Team ist super professionell aufgestellt, egal ob Trainer, Ärzte oder Sportliche Leiter. Auch vom Material ist es kein Rückschritt. Ich bin mir sicher, dass das Team finanziell eine riesige Zukunft vor sich hat.

Jannik Steimle (vorne) mit Teamkollege Julian Alaphilippe bei Dwars door Vlaanderen 2023.Foto: DPA Picture AllianceJannik Steimle (vorne) mit Teamkollege Julian Alaphilippe bei Dwars door Vlaanderen 2023.

TOUR: Gab es diese Saison einen Schlüsselmoment, wo Sie gesagt haben: Ich muss das Team wechseln?

Jannik Steimle: Nach dem Frühjahr. Im Winter habe ich richtig gut durchgezogen und bin im Januar nach Australien, wo ich mich bei gutem Wetter vier Wochen auf die Klassiker vorbereiten wollte. Von Australien bin ich allerdings direkt in ein Höhentrainingslager nach Calpe geschickt worden. Für meine Verhältnisse habe ich dort mit dem Jetlag viel zu früh wieder angefangen zu trainieren. Die zweieinhalb Wochen in Calpe haben im Prinzip mein Frühjahr zerstört, ich habe mich danach immer müde gefühlt. Das zweite Problem: Wenn man nicht im A-Kader ist, dann wird man in viele Rennen hineingeworfen, für die man eigentlich nicht im Plan steht. Wenn man dann über vier bis fünf Wochen von Rennen zu Rennen geschickt wird und nicht trainieren kann, dann wird deine Form nicht besser, sondern schlechter. Der moderne Radsport zeigt ja: Es werden immer weniger Rennen gefahren, dafür mehr Trainingslager abgehalten. Mit einem strukturierten Vorbereitungs- und Rennplan, mit Zielen und Höhepunkten im Jahr, bei denen man auf Topniveau ist, kann man ganz andere Ergebnisse einfahren. Wenn ich jetzt zu Rennen komme wie Paris-Roubaix oder Mailand-San Remo, und ich bin einer der Leader, dann muss ich persönlich für mich sagen: Da habe ich alles richtig gemacht.

“Zu Quick-Step hätte wohl niemand nein gesagt”

TOUR: Klingt fast danach, als hätten Sie sich rückblickend die Jahre bei Quick-Step etwas anders vorgestellt?

Jannik Steimle: Was man aber nicht vergessen darf – und was ich manchmal auch vergesse: Ich hatte über die Jahre einige Verletzungen. Ein Sturz im Frühjahr 2021 hätte beinahe meine Karriere beendet. Ich hatte zwölf Brüche. Das hakt man im Kopf nicht so einfach ab. 2022 bin ich dann ein starkes Frühjahr gefahren, war im August in Topform für die Deutschland Tour – und werde dann in der Burgos-Rundfahrt abgeschossen. Schlüsselbeinbruch. Ich muss daher die Kirche im Dorf lassen. Ich hätte mir nie erträumt, dass ich so weit komme und die ersten vier Profijahre bei Quick-Step verbringe. Ob es rückblickend das richtige Team war? Zu Quick-Step hätte wohl niemand nein gesagt. Daher mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich war mit Sam Bennett, Julian Alaphilippe, Mark Cavendish, Remco Evenepoel und Fabio Jakobsen im Team – die Elite des Radsports. Es war natürlich auch eine schöne Ausbildung zum Klassikerfahrer. Ich bin dankbar für die Zeit. Jetzt habe ich ausgelernt und muss nächstes Jahr liefern.

Jannik Steimle hofft auf mehr eigene Chancen bei seinem neuen Team Q36.5.Foto: DPA Picture AllianceJannik Steimle hofft auf mehr eigene Chancen bei seinem neuen Team Q36.5.

TOUR: Was lernt man in dieser Ausbildung zum Klassikerfahrer?

Jannik Steimle: Die Sportlichen Leiter haben die Klassiker selbst schon gewonnen und wohnen in der Gegend, sie kennen jedes Schlagloch, jeden Kreisverkehr. Wenn man die Form hat, muss man quasi nur noch lenken – der Rest passiert aus dem Auto hinten. Diese Streckenkenntnis ist ein riesiger Vorteil: Wo kann ich Energie sparen, wo muss ich vorne sein? Das war herausragend. Ich habe dort viel Zeit investiert, bin oft länger in Belgien geblieben und habe mir die Strecken angeschaut. Außerdem waren wir das Wolfpack – und das war nicht nur ein Name. Es ist eine große Familie. Ich habe mich dort nicht nur als Radsportler, sondern auch als Mensch weiterentwickelt. Diese Killergene, dieses immer hungrig sein, das hoffe ich nun mitzunehmen.

Jannik Steimle froh über gescheiterte Fusion zwischen Quick-Step und Jumbo-Visma

TOUR: Ihr Teamchef bei Quick-Step war Patrick Lefevere, eine Person, die im Radsport polarisiert. Wie erlebt man Lefevere als Fahrer?

Jannik Steimle: Er ist schon eine Respektsperson. Wenn er den Raum betritt, ist es gleich ganz anders. Man sieht ihn nicht als normalen Teamchef, sondern als Patrick Lefevere. Er ist eine riesige Figur in Belgien, die die Öffentlichkeit genießt, und sicherlich das eine oder andere Mal auch über die Stränge schlägt. Dafür kann man ihn lieben oder hassen. Ich kann aber nur Positives über ihn sagen. Er würde für seine Fahrer durchs Feuer gehen. Im Frühjahr hat er mir immer wieder gesagt: Er wisse, was ich kann, und es tue ihm leid, mich so zu sehen. Das habe ich ihm immer zugutegehalten.

Soudal - Quick Steps Teamchef Patrick Lefevere.Foto: DPA Picture AllianceSoudal - Quick Steps Teamchef Patrick Lefevere.

TOUR: In den vergangenen Wochen dominierten Schlagzeilen über eine Fusion der Teams Jumbo-Visma und Quick-Step den Radsport. Wie haben Sie das erlebt?

Jannik Steimle: Was in den vergangenen zwei bis drei Monate in der Radsportwelt passiert ist, da kann Lefevere wenig dafür. Da waren ihm die Hände gebunden. Deswegen haben sich unsere Wege auch leise getrennt. Ich habe zuletzt wenig vom Team gehört, im Nachhinein habe ich aber verstanden, warum. Ich bin froh, dass es mit nun mit zwei verschiedenen Mannschaften weitergeht – nicht mit einem gemeinsamen Team. So ein Traditionsteam wie Quick-Step sollte man nicht zerbrechen.

TOUR: Gab es im Vorfeld für Sie denn Gespräche über eine mögliche Vertragsverlängerung?

Jannik Steimle: Direkt nicht, nein. Es war aber auch nie der Fall, dass es hieß, ich muss mir ein neues Team suchen. Ich wusste ja frühzeitig, dass ich eigentlich nicht bleiben möchte. Daher habe ich mich nie wirklich damit beschäftigt. Es war eher das Gefühl: Ich schaue, was es auf dem Markt gibt – mit der Option, dass ich bei Quick-Step vielleicht bleiben kann.

Jannik Steimle (l.) belegt Platz zwei bei der Deutschen Meisterschaft im Einzelzeitfahren 2022.Foto: DPA Picture AllianceJannik Steimle (l.) belegt Platz zwei bei der Deutschen Meisterschaft im Einzelzeitfahren 2022.

Mailand-San Remo und Paris-Roubaix im Blick

TOUR: Inwiefern haben Sie Ihr neues Team und künftige Mannschaftskollegen schon kennengelernt?

Jannik Steimle: Als bekannt war, dass ich wechsele, habe ich mich bei den letzten Saisonrennen mit ein paar Fahrern schon unterhalten. Giacomo Nizzolo kenne ich von den Rennen ganz gut. Mit Tom Devriendt und Matteo Moschetti habe ich auch schon gesprochen, mit Matteo Badilatti bin ich zusammen bei Vorarlberg gefahren und mit Frederik Frison war ich zusammen bei der Anprobe in Mailand. Das kann eine coole Truppe werden, glaube ich. Wenn alle an einem Strang ziehen, können wir sehr gute Rennen fahren. Mit Helmut Dollinger habe ich nun auch einen deutschen Trainer.

TOUR: Was haben Sie sich für Ziele gesteckt?

Jannik Steimle Der März und der April sind die beiden Monate, in denen ich liefern möchte. Bei der Flandern-Rundfahrt mit seinen 4000 Höhenmetern wird es als Nicht-Topstar inzwischen schwer, ein Ergebnis zu erzielen. Bei Paris-Roubaix gehört Glück dazu, da durfte ich schon mal vorne mit reinschnuppern und weiß, wie ich fahren muss. Auch Mailand-San Remo: Natürlich wollen alle 200 Fahrer am letzten Berg vorne sein, aber solch harte Rennen mit einem kleinen Berg im Finale sind mir in der Vergangenheit entgegengekommen. Das sind kleine Highlights. Ich möchte auch mehr ins Zeitfahren investieren. Q36.5 in dieser Hinsicht gut aufgestellt und will das mit mir antreiben. Einwöchige Rundfahrten, die über ein Zeitfahren entschieden werden, sind daher ein Ziel. Die Deutsche Meisterschaft im Einzelzeitfahren möchte ich mir ebenfalls stärker vornehmen. Und im nächsten Jahr endet die 2. Etappe der Deutschland Tour zehn Kilometer vor meiner Haustür in Schwäbisch Gmünd. Das rückt auch in meinen Fokus.

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