Sebastian LindnerMein Rennradmoment des Jahres

Sebastian Lindner

 · 28.12.2023

Sebastian Lindner: Mein Rennradmoment des JahresFoto: DPA Picture Alliance
In einer Radsportsaison, die rückblickend betrachtet Spannung und Überraschungen nicht gerade bereitwillig und mit der großen Suppenkelle verteilte, ist es aus meiner Sicht eher eine Geschichte abseits des aktuellen Renngeschehens gewesen, die das Potenzial zum Rennradmoment des Jahres hat.

Als Wahl-Rostocker, vor allem aber als begeisterungsfähiger Junge, der ich im Sommer 1997 war, geht mir das Leben von Jan Ullrich seit Jahren nahe. Damals schrieb er zum ersten Mal einen Rennradmoment des Jahres. Betrogen habe ich mich nie gefühlt, eher enttäuscht. Allerdings nicht von “Ulle”, sondern von der Branche, die ihn zunächst zu einem der ersten gesamtdeutschen Sporthelden, gar zum Kaiser schrieb, und später mit einer Vehemenz verteufelte, die in der jüngeren Historie der deutschen Presselandschaft ihresgleichen sucht.

Dass ich heute ebenfalls in diesem Metier meinen Lebensunterhalt verdiene: Zufall, Schicksal, Bestimmung - suchen Sie sich etwas aus. Allerdings bin ich keinesfalls unterwegs, um irgendjemanden zu rächen oder dergleichen. Trotzdem freue ich mich immer, wenn es gute Nachrichten von Ullrich gibt. Und die gab es in 2023.

Vergangenheit hinter sich lassen

Jan Ullrich hat Doping gestanden. Die Öffentlichkeit hat das nicht mehr gebraucht. Und, den Eindruck habe ich, auch gar kein Interesse mehr daran gehabt - obwohl sie es jahrelang von ihm gefordert hat. Die Mär, nach einem Geständnis würde ihm Deutschland endlich verzeihen, sie stellt sich als genau das heraus: als unwahre, seltsam anmutende Erzählung. Die dazu erschienene Amazon-Doku war für die breite Masse lediglich noch einmal ein Aufwärmen der alten Geschichten, eine Chance, Ullrichs Abstürze aus den letzten Jahren mitzuerleben und zu verurteilen.

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Wieviel Geld Amazon Ullrich auch immer bezahlt haben mag, um die Story zu machen, es dürfte im weiteren Leben des erst vor wenigen Tagen 50 Gewordenen weit weniger wichtig sein als der Satz, den er dafür laut aussprechen musste. Denn so wenig Bedeutung sein Geständnis noch für die Welt hat, so viel hat es für Ullrich selbst. Jetzt ist er frei, jetzt kann er die letzten 16 Jahre, die seit seinem Ausschluss von der Tour de France 2006 vergangen sind, hinter sich lassen.

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Jetzt wünscht sich Ullrich die Rückkehr in seinen geliebten Radsport. Doch inwieweit der sich die Rückkehr eines seiner besten Eleven wünscht, ist noch unklar. Denn wirklich aufgehoben hat Ullrichs Status als Persona non grata bisher noch keiner so richtig. Inwieweit der Mann, der 15 Jahre die Entwicklung auf allen Ebenen weitestgehend verpasst hat, fachlich weiterhelfen kann, ist noch eine ganz andere Frage.

Schuldenabbau für weitere Momente des Jahres

Eine wiederum andere ist, ob Ullrich sich damit selbst überhaupt einen Gefallen tun würde. Dass es beim Fall Ullrich nicht ums Prinzip - also die Bekämpfung von Doping geht - sondern um die Person geht, zeigen andere Namen. Etwa Rolf Aldag, der schon vor, aber auch nach seinem Dopinggeständnis auch in deutschen Teams wirkte und mittlerweile bei Bora-Hansgrohe die sportlichen Fäden in den Händen hält. Ullrich würde wieder mit Argusaugen beobachtet und ständig mit seiner Vergangenheit konfrontiert werden. Dass bei ihm ein anderes Maß als bei anderen angesetzt wird, scheint sich dabei von selbst zu verstehen.

Vielleicht muss es nicht der Spitzensport sein. Vielleicht kann es der Breitensport sein. Vielleicht eine Botschafterfunktion. Denn dass Ullrich nach allem, was er durchgemacht hat, künftig die Finger vom Doping lässt und anderen glaubhaft vermitteln kann, es ebenfalls zu tun - dafür braucht es nicht allzu viel Fantasie.

Und so könnte der bisher einzige deutsche Tour-Sieger dazu beitragen, dass nachfolgendende Generationen möglicherweise für weitere Rennradmomente des Jahres sorgen können. Mich jedenfalls - und ihn sicher auch - würde es freuen, wenn er Gelegenheit bekäme, seine scheinbar grenzenlose Schuld an Land und Bevölkerung etwas zu verringern. Ob es nach dem Comeback im echten Leben noch eines im Radsport geben wird, muss aber die Zeit zeigen.



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