TOUR: Rolf, Sie waren bis zum Ende der vergangenen Tour de France Sportchef beim Männer-Team Red Bull-Bora-hansgrohe. Das Jahr 2026 haben Sie für die Öffentlichkeit etwas überraschend beim Frauen-Team Canyon-SRAM-zondacrypto begonnen. Wie kam es dazu?
ROLF ALDAG: Alles kam relativ spät. Ich hatte in Südafrika ein paar schöne Monate verbracht – und es war nicht so, dass ich jetzt unbedingt wieder in das Haifischbecken springen musste …
Aber der Profiradsport hat Sie nach dem Aus bei Red Bull dann doch nicht losgelassen.
Nachdem klar war, dass ich dort aufhöre, gab es auch von Rennfahrern Interesse. Kasia (Niewiadoma; Anm. d. Red.) hat mich persönlich angesprochen und gefragt: Gibt es vielleicht eine Chance, dass du wiederkommst? Ich will die Tour gewinnen und vielleicht kannst du noch mal helfen?
Wie ging es weiter?
Ich war ohnehin mit Ronny (Canyon-SRAM-Teamchef Lauke; Anm. d. Red.) in Gesprächen. Wir sind früher gegeneinander Sechstagerennen gefahren. Später hat er bei Highroad (Nachfolger des Team Telekom bzw. T-Mobile; Anm. d. Red.) den Damenbereich, ich den Männerbereich gemacht. Und ich war ja bereits 2020 beim Team Canyon-SRAM als Sportlicher Leiter. Der Kontakt ist nie abgerissen. Ronny hat uns dann in Südafrika besucht.
Sie leben mittlerweile mit Ihrer Frau Eva überwiegend in Südafrika.
Wir haben über seine Bedürfnisse gesprochen, auch wo er das Team sieht, wo er hinwill und wo er glaubt, er brauche noch ein bisschen Unterstützung.
Teamchef Ronny Lauke hat sie von einer Mitarbeit ganz offensichtlich überzeugt. Welche Rolle nehmen Sie genau ein?
Ich will jetzt nicht die Galionsfigur sein. Die Positionsbeschreibung lautet Director of Sports. Es ist eine Art Senior Mentorship, wie man im Englischen sagt. Es soll keiner ersetzt werden. Es gibt ein junges Team an Sportlichen Leitern, mit Adam Szabo als Head of Sport, sowie Radochla, Davide Arzeni und André Schulze.
Was machen Sie als Mentor?
Es geht darum, unter die Arme zu greifen und zu sehen: Was können wir vielleicht anders oder besser machen? Schnelles Wachstum bringt Wachstumsschmerzen. Darüber habe ich in den letzten zwei Jahren im Männerradsport viel gelernt. Die Grundidee war, dass ich vielleicht einiges vorhersehen und auffangen kann. Meine Frau ist auch Teil des Ganzen. Sie hat BWL und Mathematik am Lehrstuhl für Bankwesen in Mannheim studiert. Sie macht das Qualitätsmanagement, kümmert sich um Abläufe etcetera.
Werden Sie in der laufenden Saison auch als Sportlicher Leiter im Auto sitzen oder nur der Steuermann im Hintergrund sein?
Ich bin schon im Auto dabei, ich habe rund 100 Einsatztage bei Rennen. Erst einmal in einer passiven Rolle. Als Sportlicher Leiter werde ich bei den Ardennen-Klassikern und bei der Tour verantwortlich sein. Aber es geht auch um strukturelle Arbeit: Wie machen wir eine Rennpräsentation im Bus? Wie kriegen wir die Kommunikation besser hin? Wie machen wir unsere Weekly Reports? Es geht darum, dass wir alle auf Augenhöhe sind, wir alle wissen, wie es den Rennfahrerinnen geht, was sie trainiert haben. Und es geht darum, durch Selbermachen vielleicht ein Vorbild zu sein.
Das Team hat eine lange Geschichte, die bis ins Jahr 2002 als Team T-Mobile zurückreicht.
Das Team war früher Teil unseres Highroad-Teams, das Ronny fortgeführt hat und das seine eigene Identität gefunden hat. Wir fanden, es ist eine spannende Aufgabe, den Frauenradsport aktiv zu unterstützen: Hey, da sind junge Frauen, die wirklich was erreichen wollen. Bei einigen Teams fragt man sich: Machen sie das jetzt, weil sie das wirklich wollten oder war es der öffentliche Druck, die Erwartungshaltung, dass man den Frauenradsport nicht mehr ignorieren kann? Bei Canyon-SRAM zondacrypto ist der Grund für das Engagement nicht, dass sie politisch korrekt sein wollen, sondern sie wollen wirklich etwas für den Frauenradsport tun.
Canyon-SRAM ist neben SD Worx-Protime und Human Powered Health das einzige World-Tour-Team bei den Frauen, das keine Verknüpfung mit einem Top-Männerteam hat.
Für ein alleinstehendes Frauenteam wird es nicht gerade einfacher. Ronny sagt, er muss sich mehr um den wirtschaftlichen Bereich kümmern – aber man dürfe den sportlichen Bereich nicht vergessen. Es drängen die großen Männerteams in den Frauenradsport. Für ein kombiniertes Männer-Frauenteam gibt es Synergien, beim Bus macht man beispielsweise einfach ein Handover - und fertig.
Was ist der Unterschied bei Canyon-SRAM?
Wenn man mit einem Frauen-Team alleine dasteht, muss man grundsätzlich alles selber können. Man kann sich nicht auf die großen Strukturen verlassen, auf der Couch sitzen und darauf warten, dass Dinge passieren. Das ist eine positive Herausforderung, Der große Unterschied sind die zur Verfügung stehenden Ressourcen, man hat bei einem großen Männer-Team viel Expertise in den unterschiedlichsten Bereichen.
Wie löst man die Herausforderung?
Im Frauen-Bereich rückt man viel enger zusammen. Jeder muss jedem eine helfende Hand geben. Da heißt es dann in einem Call: Wer kennt jemanden, wie können wir für dieses Problem eine Lösung finden? Während bei den Männern auf World-Tour-Niveau klar ist, wer zuständig ist. Da gibt es Chefpsychologen, Ingenieure, einen Data Scientist, viele Trainer. Bei einem Frauenteam muss man versuchen, externe Partnerschaften zu bilden, neue Leute an Bord zu bringen. Das bedeutet auf der einen Seite viel mehr Arbeit, ist aber auf der anderen Seite auch sehr spannend. Man muss sehr viele Ideen haben. Man entscheidet über sein Glück und seine Zukunft ein bisschen selber. Und ist nicht geleitet von riesengroßen Strukturen. Aber wir haben Glück mit Canyon, dass sie dort a) Expertise haben und b) auch Dinge wie Windkanal-Tests machen. Das müssen wir logischerweise nutzen.
Die World-Tour-Teams bei den Männern umfassen in der Regel 30 Rennfahrer. Bei den Frauen ist es nur ungefähr die Hälfte. Bei Canyon-SRAM sind es aktuell 16 Rennfahrerinnen. Wie schwierig ist es mit so wenig Personal?
Wenn wir kein Generationenteam hätten, dann wären wir wahrscheinlich mit 18 oder 19 Rennfahrerinnen besser aufgestellt. Deshalb macht dieser Mix mit dem Generation Team (Nachwuchsteam mit Continental-Lizenz; Anm. d. Red.) absolut Sinn für uns – gerade, wenn jemand verletzt oder krank ist. Bei fast allen Rennen, die nicht zur World-Tour zählen haben wir Rennfahrerinnen aus dem Generation Team dabei, um sie schon früh zu integrieren.
Zuletzt war bei großen Rennen immer wieder Erik Zabel beim Team Canyon-SRAM zu sehen. Es gibt ein Wiedersehen und eine Zusammenarbeit des alten Team-Telekom-Duos Zabel und Aldag – von Ete und Rolf?
Wir sehen uns auch sonst hin und wieder mal, auch privat für ein Essen und ein Bier. Diese Ronny-Lauke-Ete-und-Rolf-Fraktion, die darf natürlich nicht zum persönlichen Spaß werden. Wir haben eine Aufgabe. Aber es ist natürlich angenehmer mit Leuten zu arbeiten, die einem persönlich nahestehen und die sich untereinander mögen. Deshalb freue ich mich drauf. In einem alleinstehenden Frauenteam werden immer arbeitende Hände gebraucht. Ete wird sicher in verschiedenen Rollen zu sehen sein, bei denen man als Außenstehender fragt: Ist das die Aufgabe von einem Vertreter des Sponsors? Ist er jetzt Chauffeur oder Sportlicher Leiter? Aber man wird auch mich sehen, wie ich die Räder ablade oder die Autos zum Tanken fahre
Welche Rennen haben Sie tatsächlich besonders im Fokus?
Für uns sind die herausragenden Events ganz klar die Tour de France und die Monumente im Radsport. Also, Flandern, Roubaix, Lüttich und San Remo. Dort wollen wir glänzen, haben aber auch eine Riesen-Konkurrenz. Im Frauenradsport steigt das Niveau, die Professionalität wird von allen Seiten gepusht. Das macht es nicht einfach.
Aber im Zentrum steht das Ziel, den Tour-Sieg von Teamkapitänin Kasia Niewiadoma von 2024 nochmal zu wiederholen?
Der Anspruch ist sicherlich, dass wir gerne wieder ganz oben auf dem Podest stehen würden. Aber es gibt natürlich durchaus Szenarien, wo man mit Platz drei zufrieden sein muss.
Führt den aktuell bei der Tour de France Femmes ein Weg an Pauline Ferrand-Prevot vorbei - oder ist sie nach ihrem überlegenen Auftritt im Vorjahr so etwas wie der weibliche Pogacar?
Die Dominanz in der letztjährigen Tour war schon vergleichbar, da war Pauline so dominant wie Tadej. Aber es ist für dieses Jahr echt schwer einzuschätzen, weil wir einfach noch nicht richtig wissen, ob sie die Stabilität hinkriegt. Aber ich fand ihre letzte Saison extrem beeindruckend, weil sie die Kombination aus Roubaix und Tour gewonnen hat. Echt Chapeau!
Welche Ziele streben Sie mit den einzelnen Rennfahrerinnen an?
Für die Grand Tours (die langen und bergigen Etappenrennen Tour, Giro und Vuelta; Anm. d. Red.) sind wir mit Neve (Bradbury), mit Antonia (Niedermaier) und mit Kasia gut aufgestellt. Grundsätzlich können alle drei aufs Podium fahren. Wenn man die Saisonhöhepunkte betrachtet, dann kann man sagen, die drei sind für Ergebnisse bei Ardennenklassikern und bei Tour, Giro und Vuelta verantwortlich, mit verteilten Leader-Rollen.
Was hat der Kader sonst noch zu bieten?
Für die Sprints haben wir Chiara Consonni. Und für die Zeitfahren haben wir Zoe Backstedt. Sie ist noch jung. Aber es ist nicht komplett wahnsinnig zu sagen, dass sie in Los Angeles Zeitfahr-Olympiasiegerin wird. Und wir sind überzeugt, dass sie im Laufe ihrer Karriere irgendwann Roubaix gewinnen wird.
Welche konkreten Ziele und Potenziale sehen Sie bei Antonia Niedermaier?
Toni wird sich in dieser Saison auf Giro und Tour konzentrieren. Sie ist noch ein bisschen ein Rohdiamant. Aber wir müssen damit aufhören zu sagen, sie sei keine Radsportlerin, sondern Skibergsteigerin. Sie hat früh mit Radsport angefangen. Sie ist technisch gut und hat ein brutales Potenzial. Und sie ist einfach eine junge, sehr ambitionierte Frau. Also, bei einer Grand Tour schafft sie es ganz, ganz sicher aufs Podium. Fürs Gewinnen braucht man immer ein bisschen Glück und ist natürlich abhängig von den Gegnern. Sie kann Zeitfahren, sie kann sehr gut berghoch fahren. Ich sehe keine größeren Limits - außer dass sie Mühe haben wird, einen Massensprint zu gewinnen.
Aktuell liest man die Schlagzeilen zu einer wirtschaftlichen Krise und Personalabbau bei Canyon, dem Radhersteller, der Hauptsponsor Ihrer Mannschaft ist. Welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit im Team?
Gar keine. Es gibt ein ganz klares Commitment von beiden Seiten. Persönlich würde ich hoffen, dass uns auf Teamseite noch mal klar wird, wieviel Aufwand es bedeutet, ein Frauenteam als Namenssponsor zu unterstützen, wie viele Räder man dafür verkaufen muss. Und in Roman Arnold (Firmengründer und CEO; Anm. d. Red.) steht jemand persönlich mit seinem Namen dahinter – da sollten wir als Team Dankbarkeit zeigen und auch einen großen Willen haben, das zu rechtfertigen, zurückzuzahlen und mitzuhelfen, dass das ganze Ding wieder strahlt und leuchtet.
Lassen Sie uns zum Abschluss nochmal zurückblicken: Können Sie erläutern, wie es aus Ihrer Sicht zum Aus bei Red Bull-Bora-hansgrohe kam?
Aus meiner Sicht war es so: Wir haben den Giro gewonnen, wir haben die Vuelta gewonnen, wir waren Dritter in der Tour. Mehr ging nicht. Mir fehlt der Glaube, dass man im Moment Pogacar schlagen kann. Es waren superintensive Jahre für alle von uns, seit Red Bull dabei ist. Ich war auch persönlich am Limit.
Ihr plötzlicher Abgang war insofern überraschend, als sie mit dem dritten Gesamtrang von Florian Lipowitz bei der Tour neue Radsportbegeisterung in Deutschland ausgelöst haben …
Ich habe mich auch persönlich mit Lipo gefreut! Der Weg von Lipowitz war ein superspannender, superinteressanter. Dan Lorang (langjähriger Cheftrainer des Teams; Anm. d. Red.) hat an ihn geglaubt und sich früh festgelegt - was Lipo dann bestätigt hat. Jetzt ist dieses Kapitel abgeschlossen. Es war nach dieser Tour, die ich als Erfolg gesehen habe, gut zu sagen, wir ziehen einen Schlussstrich! Und dann machen andere weiter. Von daher gibt es bei mir keine Reue.

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