Interview Franziska KochDie deutsche Straßenrad-Meisterin will endlich eigene Erfolge

Andreas Kublik

 · 03.02.2026

Interview Franziska Koch: Die deutsche Straßenrad-Meisterin will endlich eigene ErfolgeFoto: FDJ United-Suez
Franziska Koch im neuen Trikot
Sie macht auch in der neuen Saison in Schwarz-rot-gold auf sich aufmerksam: Radprofi Franziska Koch startet am 5. Februar bei der UAE Tour im Trikot der Deutschen Meisterin in die Saison 2026. Die 25-Jährige aus Mettmann spricht im TOUR-Interview über ihre Herkunft aus einer erfolgreichen Radsportfamilie, den langen Weg zum eigenen Erfolg und was sie zuletzt über sich gelernt hat

Über Franziska Koch

NationalitätDeutsche
Geboren 13. Juli 2000 in Mettmann
Wohnort Mettmann und Girona (Spanien)
Teams Mexx-Watersley International WCT (2019), Sunweb, DSM, dsm-firmenich, Picnic-PostNL (2020-2025), FDJ-Suez (ab 2026)
Wichtige ErfolgeDeutsche Meisterin Straße (2024, 2025), Etappensieg Boels Ladies Tour (2019), WM-Bronze Mixed-Staffel (2023), WM-Silber Mixed-Staffel (2024), EM-Fünfte Straße (2025)

Franziska Koch stammt aus einer Radsportfamilie in Mettmann, wo sie als jüngstes von vier Kindern aufgewachsen ist. Mutter Petra war unter ihrem Mädchennamen Stegherr in den 1980er-Jahren zweimal Teilnehmerin an der Tour de France der Frauen und Zwölfte der WM 1983. Bruder Michel, geboren 1991, zählte zu den stärksten deutschen Rennfahrern seines Jahrgangs, war 2009 Deutscher Meister im Einzelzeitfahren der Junioren. Er startete in den Jahren 2013 und 2014 für das italienische Team Cannondale – musste seine professionelle Karriere mangels Angeboten aber schon im Alter von 25 Jahren beenden. Franziska Koch lebt aktuell in Girona/Spanien, wo sich eine große Community aus Radsportlern gebildet hat. Sie ist mit dem kanadischen Radprofi Riley Pickrell liiert, der zuletzt für das Team Israel-Premier Tech fuhr und nun bei Modern Adventure Pro Cycling unter Vertrag steht.

Früher Erfolg: Franziska Koch feierte 2019 ihren ersten Erfolg als Profi. Ein Etappensieg bei der Boels Ladies Tour
Foto: Getty Images


​TOUR Franziska, Sie haben im Interview mit der ARD nach dem WM-Rennen in Ruanda erzählt, dass Sie die neue Weltmeisterin Magdeleine Vallières gut kennen und ihr einen ­Kuchen schulden. Was ist es denn für ein Kuchen geworden?

FRANZISKA KOCH Ich habe schon einen gebacken, aber dann habe ich es doch nicht geschafft, Mag zu treffen. Ich hoffe, es klappt bald nach dem Team-Trainingslager. Der Kuchen ist auf jeden Fall nicht vergessen. Wir hatten uns auf Schokoladenkuchen geeinigt.

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Woher kennen Sie sich?

Ich habe sie über meinen Freund (den kanadischen Radprofi Riley Pickrell; Anm. d. Red.) kennengelernt, beide waren früher im WCC (Nachwuchsförderzentrum des Radsportweltverbands UCI; Anm. d. Red.). Sie wohnt auch hier in Girona. Mittlerweile bin ich selber mit ihr gut befreundet. Wenn wir beide in Girona sind, trainieren wir auch gemeinsam oder ­gehen gemeinsam essen.

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Sie waren im WM-Rennen dabei, wurden starke Zwölfte. Hat Sie der Erfolg Ihrer kanadischen Freundin überrascht?


Für viele Außenstehende war sie keine der ­Favoritinnen. Aber ich wusste schon, wie stark sie ist und wie gut sie sich auf die WM vorbereitet hat. Aber natürlich war es eine Überraschung. Auch für mich ist es motivierend, dass sie Weltmeisterin geworden ist. Es hat gezeigt, dass Rennen anders laufen können als man glaubt, und dass nicht unbedingt immer die Favoriten gewinnen müssen.



Wie fällt für Sie persönlich die Saisonbilanz 2025 aus?

Ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden. Ich denke, ich war in der besten Form, die ich bis jetzt jemals hatte – und bekam auch die Chance, es mal zu zeigen. Zum Beispiel mit mehr Freiheiten bei der Tour de France. Auf dem Papier gab es kein bemerkenswertes Ergebnis. Aber für mich war es gut zu wissen, wie ich die Rennen gestalten und wie aktiv ich in einem Rennen sein kann. Bei der WM hatte ich als Zwölfte eine gute Platzierung. Am meisten selbst überrascht habe ich mich bei der EM.

Sie wurden auf der schweren Strecke Fünfte – nicht weit von den Medaillenrängen ­entfernt …

Ja, es war wirklich ein Bergfahrerkurs, ich bin mit richtig guten Bergfahrern über die Anstiege drüber gekommen. Das gibt mir auf jeden Fall Selbstbewusstsein. Ich weiß jetzt, was alles in mir steckt.

Sie waren 2019 bei der Straßen-WM im englischen Harrogate mit 19 Jahren erstmals für Deutschland im Straßenrennen der Frauen am Start. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie in der Weltspitze angekommen sind?

Es hat sich auch für mich ein bisschen langsam angefühlt. Andererseits muss ich mich selber daran erinnern, dass 25 noch nicht unbedingt alt ist. Natürlich ist der Trend heutzutage: Die jungen Leute gewinnen schon mit 20 Rennen. Die kommen von den Junioren und sind direkt auf dem höchsten Level. Natürlich frage ich mich rückblickend: Warum hat es nicht schon früher geklappt?

Und – zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Ich würde sagen, es ist immer ein Puzzle. Ich habe nichts groß verändert in den letzten zwei Jahren. Aber ich bin einfach gereift. Ich bin erwachsener geworden. Mein Blick auf Rennen hat sich ein bisschen verändert. Und ich bin ein bisschen leichter geworden, das hilft bergauf. Und ich war seit ein­einhalb Jahren nicht krank, ich hatte zuvor einen richtig guten Winter (2024/25), und während der Saison keinen großen Sturz. Verletzungen und Krankheiten bringen einen zum Straucheln. Das war in den Jahren von 2019 bis 2024 der Fall. Wenn man kontinuierlich arbeiten kann und keine großen Steine im Weg hat, dann kann der Körper sich weiterentwickeln. Und in meinem Privatleben war auch alles gut. Auch das ist immer ein wichtiges Puzzleteil. Die Momente, in denen ich meine beste Form habe, sind immer die, wenn es auch im Umfeld stimmt. Dann hat man die Chance, fokussiert arbeiten zu können, ohne dass es sich nach Arbeit anfühlt.

Sie sagen, Ihr Blick auf die Rennen hat sich verändert. Inwiefern?

In jungen Jahren akzeptiert man natürlich, dass man nur Helferin ist. Irgendwann wollte ich aber näher an die Ziellinie kommen. Das innere Feuer ist nochmal entflammt.

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt, nach sieben Jahren das Profi-Team erstmals zu wechseln?

Ich habe mich super wohl gefühlt im Team Picnic. Aber manchmal ist es so: Wenn man sich zu wohl fühlt, dann braucht man einen neuen Impuls. Ich war bereit für einen Tapetenwechsel. Ich kann auch im Training nicht dieselbe Runde mehrere Tage nacheinander fahren. Nach sieben Jahren im selben Team war es Zeit für eine neue Runde.

Was war ausschlaggebend?

Ich habe auch viel über mich selber gelernt und brauchte ein Team, das mir ein bisschen mehr Freiheiten gibt. Von Picnic ist bekannt, dass sie dort ihre Strukturen haben. Wenn man als junge Fahrerin dahin kommt, kann man sehr viel lernen. Ich habe den Punkt erreicht, an dem ich Sachen selber bestimmen möchte.

Warum ist Ihre Wahl auf die französische Equipe FDJ-Suez gefallen?

Mir ist FDJ schon immer dadurch aufgefallen, wie sie Rennen fahren: sehr aggressiv, vor allem auch bei den Klassikern. Das fand ich sehr faszinierend, weil es ein bisschen eine andere Vorgehensweise war, als wir sie oft hatten. Wir hatten meist eine Leaderin, für die wir gefahren sind. Und dann kommt natürlich auch dazu, dass ich Juliette gut kenne.

Mit Juliette Berthet, geborene Labous, sind Sie früher lange gemeinsam in Ihrem alten Team gefahren …

Das Team FDJ-Suez hat einfach sehr, sehr nette Mädchen. Die Team­-Atmosphäre ist für mich wichtig. Und in den Gesprächen mit Teammanager Stéphen Delcourt kam heraus: Sie haben viel Potenzial in mir gesehen. Das fand ich natürlich sehr schön, zum Beispiel im Hinblick aufs Zeitfahren, was bei Picnic immer ein bisschen unter den Teppich gekehrt worden ist. Und mit Specialized hat man da auch eine gute Maschine unterm Popo.

Sie sagen: Sie suchen Freiheiten. Es ist aber bekannt, dass FDJ unbedingt mit Demi Vollering die Tour de France gewinnen will. Inwieweit spielt dieses Projekt eine Rolle – auch in Ihren persönlichen Planungen?

Man muss schauen, wie die Form näher an der Tour de France ist. Aber das Ziel für mich wäre natürlich, mitgenommen zu werden. Es wäre schon megacool, im Tour-­de-France-Siegerteam zu sein. Es ist sehr motivierend, einen guten GC-Fahrer im Team zu haben – selbst wenn man weiß, dass man dann definitiv in der Supportrolle fahren wird und nicht unbedingt Chancen auf Tagessiege hat.

Schon die Mama war Tour-Teilnehmerin

Erfolgreiche Mama: Petra Koch, geborene StegherrFoto: dpa/pa/RothErfolgreiche Mama: Petra Koch, geborene Stegherr

Sie stammen aus einer Radsportfamilie. Ihr Vater, Ihre Mutter und Ihre Geschwister waren Rennfahrer. Wie hat Sie das geprägt?

Mir wurde die Leidenschaft schon in die Wiege gelegt. Leidenschaft ist ein sehr gutes Wort, es bedeutet die tiefe Liebe zu dem, was man macht. Das Fahrrad hat immer eine Rolle in meinem Leben gespielt. Wir sind nie mit dem Auto irgendwo hingefahren. Wir haben immer das Fahrrad genommen. Das war bei uns das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Als ich mir einmal den Fuß verstaucht ­habe, brachten mich meine Eltern nicht mit dem Auto zur Schule; ich habe auf dem Gepäckträger von meiner Mama gesessen, die mich auf dem Fahrrad zur Schule gebracht hat.

Nicht schlecht: Sie wurden von einer Tour-de-France-Teilnehmerin auf dem Rad in die Schule gebracht …

Es ist natürlich sehr cool, dass meine Mama auch die Tour de France gefahren ist. Es ist jetzt nicht so, dass sie damit prahlen würde. Es wurde mir das erste Mal bewusst, als ich in einem alten Fotoalbum herum gestöbert habe.

Sie haben aus einem Fotoalbum erfahren, dass Ihre Mutter unter ­Ihrem Mädchennamen Petra Stegherr erfolgreiche Radsportlerin war und 1985 und 1987 am Vorgänger der heutigen Tour de France der Frauen teilgenommen hat?

Ja, darin waren zwei Seiten von meiner Mama und dann stand da Tour de France. „Hey Mama, was ist denn das?“ Daneben stand das Ergebnis und ich meinte: „Hä, du bist Zwölfte geworden? Das ist ja voll krass!“

Was bedeutete das für Sie als Radsportlerin?

Es hilft schon, wenn die Eltern verstehen können, was man macht und wie es sich anfühlt. Und ich bin auch sehr dankbar dafür, dass sie zu so vielen Rennen zum Zuschauen kommen. Das gibt mir immer viel.

Radsportlerinnen wie Ihre Mutter erhielten früher viel weniger Aufmerk­samkeit als die Radsportlerinnen heute. Haben Sie sich miteinander über die Entwicklung unterhalten?

Meine Mama sagt immer, sie sei damals nie professionell gefahren. Es war zwar auf höchstem Level, bei Weltmeisterschaften und bei der Tour, aber sie konnte damit kein Geld verdienen. Sie hat dann trotzdem noch einen normalen Job gemacht. Das ist der größte Unterschied. Radfahren ist heutzutage ein richtiger Job. Immer weniger Frauen haben Nebenjobs. Und das merkt man dann auch im Feld. Alle Frauen werden immer schneller, immer stärker.

Haben Sie sich anfangs noch Gedanken über berufliche Alternativen gemacht?

Ich bin nach der Schule direkt in den Radsport eingestiegen. Meine Eltern haben aber zu mir gesagt: Hey, du brauchst schon einen Plan B! Ich muss jetzt lachen, wenn ich höre, dass mein Vertrag von 2019 ein Profivertrag gewesen sein soll. Deshalb habe ich am Anfang versucht, ein Fernstudium nebenher zu machen. Das hat bei mir nicht so gut geklappt. Als meine Eltern gesehen haben, wie viel Stress ich damit habe, fanden sie es wirklich okay, dass ich Radsport erst mal richtig mache. Das hat mir ein bisschen Frieden gegeben.

Trotz Ihres Talents kann man Ihre Eltern verstehen. Ihr Bruder Michel zählte zu Deutschlands besten Nachwuchsfahrern, schaffte es aber nicht, sich dauerhaft im Profiradsport durchzusetzen …

Es hat meine Eltern ein bisschen mehr geprägt als mich. Ich habe schon gemerkt, dass eine gewisse Vorsicht bei meinen Eltern dahintersteckt. Wir haben gesehen, wie schwer es für meinen Bruder war, einen Job zu finden. Bei ganz vielen Bewerbungsgesprächen, die er geführt hat, hieß es: Sie haben keine Berufserfahrung, Sie sind zu alt mit 25. Und als mein Freund ohne Vertrag war und das Team ihm keine Rennen gegeben hat, da merkte ich, dass auch das meine Eltern ein bisschen gestresst hat – weil sie dieselbe Situation bei meinem Bruder schon einmal gesehen hatten. Da wird ein junges Talent unter die Erde geschaufelt.

Blicken wir voraus: Ihre persönlichen Ziele für 2026?

Es wäre auf jeden Fall ein Ziel, endlich einmal auf dem Podium bei einem Klassiker zu stehen. Das ist ein Traum von mir. Ein weiterer Traum: Ein drittes Mal das Deutsche Meister-Trikot zu gewinnen. Und ansonsten im Prinzip die Form weiter aufzubauen. Ich hoffe, dass ich dort anknüpfen kann, wo ich vergangene Saison aufgehört habe. Ich möchte wieder aggressiv Rennen fahren, Rennen gestalten. Das ist ein Grund, warum ich Rennen fahren will! Am Ende wäre es schön, ein Rennen zu gewinnen. Und einmal Weltmeisterin zu werden, das wäre schon ganz cool!

Welche Klassiker faszinieren Sie?

Mir gefallen kurze, knackige Anstiege, enge Straßen, das Hektische. Het Nieuwsblad, Flandern-Rundfahrt, Paris-­Roubaix – das sind die drei Klassiker, die ich sehr cool finde. Und ich habe fast vergessen, weil es neu ist: San Remo ist ein megacooles Rennen. Bei den Männern ist es bekannt für die Länge. Wir Frauen müssen jetzt nicht 300 Kilometer fahren, aber 200 wären schon ganz cool. Diese vier Rennen irgendwann auf meinen Palmarès sehen zu können, das wäre schon cool.

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