Andreas Kublik
· 12.02.2026
TOUR Antonia, Sie sind jetzt Mitte Februar an der spanischen Mittelmeerküste, um bei der Valencia-Rundfahrt Ihr erstes Saisonrennen zu bestreiten. Wieviel Wehmut ist für Sie als begeisterte Skibergsteigerin dabei, wenn Sie im Winter Berge und Schnee in Ihrer Heimat an der bayerisch-tirolerischen Grenze verlassen müssen?
ANTONIA NIEDERMAIER Es ist schon immer schön, daheim und im Schnee zu sein. Und ich mag das Skibergsteigen immer noch wahnsinnig gern – aber jetzt mehr zum Genuss und als Ausgleich. Es ist immer noch ein bisschen ein lachendes und ein tränendes Auge dabei, wenn ich den Schnee verlassen muss. Aber ich freu mich auch auf die Sonne.
Im Moment laufen die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d‘Ampezzo. Sie wollten vor nicht allzu langer Zeit dort selbst bei der Olympia-Premiere des Skibergsteigens dabei sein (19. und 21. Februar). Inwiefern verfolgen Sie, was bei den Spielen passiert?
Ich hab Olympia jetzt nicht ganz genau verfolgt, weil ich nicht die Zeit habe, wenn ich jetzt wieder Rennen fahre. Aber ich werde mir auf jeden Fall die Rennen von den Skibergsteigern anschauen. Das interessiert mich natürlich schon, wie gerade die Deutschen und Österreicher abschneiden.
Vor der vergangenen Radsport-Saison hatten sie noch den Plan gemeinsam mit Ihrem Team Canyon-SRAM den Plan, an Olympischen Spielen im Sommer und im Winter dabei zu sein. Als Radsportlerin waren sie schon in Paris 2024 dabei. Warum haben Sie den Plan aufgegeben, es auch im Winter als Skibergsteigerin jetzt bei der Olympia-Premiere der Disziplin zu den Spielen in Mailand und Cortina zu schaffen?
Es ist einfach nicht wirklich kompatibel. Es ist extrem schwierig, zwei Sportarten auf diesem Niveau zu kombinieren. Durch Olympia wird das Skibergsteigen immer professioneller, es gibt immer mehr Weltcups und die Saison wird länger. Und außerdem bin ich nicht wirklich ein Sprinter. Die Disziplin Sprint ist olympisch geworden. Und man muss sich auch irgendwann entscheiden, sich auf eine Sportart konzentrieren. Und ich konnte mittlerweile im Radsport mehr Fuß fassen.
Sie haben schon sehr gut Fuß gefasst. Sie haben bereits eine Etappe beim Giro d’Italia gewonnen, waren bei der Italien-Rundfahrt Gesamtfünfte und -sechste, waren WM-Vierte im Einzelzeitfahren und WM-Sechste im Straßenrennen. Was sind Ihre Ziele für die kommende Saison und die Zukunft?
Im Frühjahr erstmal die Ardennen-Klassiker (Amstel Gold Race, Flèche Wallonne, Lüttich-Bastogne-Lüttich in der zweiten April-Hälfte; Anm. d. Red.), die sind immer ein großes Highlight. Da haben wir ein starkes Team am Start. Das sind Rennen, die uns als Team gut passen. Und dann geht's schon auf die ganzen Rundfahrten zu, also erst der Giro (30.5. bis 7.6.26) und dann höchstwahrscheinlich die Tour (1. bis 9.8.26), da ist jetzt aber noch nichts offiziell. Das ist der grobe Plan. Die Welt- und Europameisterschaften sind natürlich immer große Ziele, weil es dort Zeitfahren gibt, was man leider sonst nicht so oft hat.
Sie wollen wieder als Leaderin in den Giro d'Italia gehen. Was ist in diesem Jahr Ihr Ziel? Von außen betrachtet lief es dort im Vorjahr nicht ganz so gut wie geplant. Dennoch wurden Sie Gesamtfünfte.
Beim Giro ist schon das Ziel, dass man aufs GC (Gesamtklassement) fährt. Letztes Jahr war durchwachsen. Aber es war trotzdem eine gute Platzierung. Man muss fairerweise sagen, dass das Niveau extrem hoch ist und es jedes Jahr noch höher wird. Gerade im Damenradsport habe ich das Gefühl, dass es jedes Jahr noch besser wird.
Haben Sie schon en Gefühl dafür, wo es für Sie mittel- und langfristig hingehen kann?
Es ist immer ein bisschen schwierig zu sagen, gerade am Beginn einer Saison. Auf die Zukunft bezogen ist das große Ziel, dass man sich auf die Rundfahren, gerade auf die Grand Tours (Vuelta, Giro und Tour; Anm. d. Red.) konzentriert, um da aufs Podium zu kommen oder sogar vielleicht mal irgendwas zu gewinnen.
Für Sie hat der Giro in diesem Jahr hörbar Priorität, die Tour de France Femmes ist nachrangig. Warum?
Der Giro ist ziemlich anspruchsvoll und liegt mir hoffentlich ganz gut. Die Entscheidung ist relativ einfach. Wir fahren bei der Tour ziemlich sicher für Kasia. Und da habe ich dann eher eine Helferrolle. Das ist für mich auch völlig okay. Ich mache das gerne. Jede kriegt irgendwo seine Chance, und mir geben sie die gerne beim Giro.
Beim Giro sind die Schlüsseletappen ein Bergzeitfahren am Nevegal und die Etappe über den Schotterpass Colle delle Finestre nach Sestrie. Wie gefällt ihnen die Strecke?
Ich mag auch gerne Bergzeitfahren. Also, ich habe die Strecke noch nicht genau studiert und geschaut, wo ich am besten attackiere.
Sie haben im vergangenen Sommer ihren Vertrag um drei Jahre bis Ende 2028 verlängert. Was hat den Ausschlag dafür gegeben?
Also, Ronny, mein Chef (Teammanager Ronny Lauke; Anm. d. Red.), hat schon immer Potenzial in mir gesehen, seit ich zum Team dazugekommen bin. Wir wollen das langfristig aufbauen. Ich kriege meine Chancen und kann viel lernen. Ich habe meinen Vertrag verlängert, weil ich mich wohlfühle, weil ich hier meinen Platz gefunden habe, ein super Team um mich herum habe. Am Ende war es eher eine Bauchentscheidung, es hat sich für mich einfach richtig angefühlt.
Neu im Team ist als Sportchef Rolf Aldag, zuletzt bei den Männern von Red Bull-Bora-hansgrohe. Was verändert das?
Es ist auf jeden Fall jetzt schon ersichtlich, dass er sehr viel Professionalität reinbringt, dass er eine ziemlich klare Vorstellung hat von dem, was er mit dem Team erreichen will. Es tut unserem Team wahnsinnig gut, weil er frischen Wind reinbringt, einen anderen Blickwinkel. Und er ist ein wahnsinnig sympathischer Mensch.
Die Saison beginnt bei Ihnen heute (12. Februar) mit dem Start bei der Valencia-Rundfahrt mit vier, meist bergigen, Etappen. Was erwarten Sie sich von dem Rennen?
Valencia ist immer ein gutes Rennen zum Reinkommen. Es ist dieses Jahr sehr offen, es kann ziemlich viel passieren. Es gibt nich am Schluss eine Bergetappe ist, wo dann das GC entschieden wird. Wir sind da auch vielseitig aufgestellt. Valencia ist auch immer ein bisschen ein Formtest. Danach geht es ins Trainingslager in die Nähe von Calpe.

Redakteur
Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.