Interview mit Georg Steinhauser“Die Rückschläge am Saisonende habe ich nicht erwartet”

Daniel Brickwedde

 · 01.12.2023

Georg Steinhauser hat frühzeitig seinen Vertrag beim Team EF Education-EasyPost bis Ende 2026 verlängert.
Foto: Getty Images
Die ersten beiden Profijahre hatten für Georg Steinhauser Höhen und Tiefen. Im Interview mit TOUR spricht er über Rückschläge durch Infektionen, den Einfluss seines Vaters, seine weitere Entwicklung und die Herausforderung, als Radprofi nebenbei eine Berufsausbildung zu absolvieren.

Auf den Spuren von Vater Tobias Steinhauser

Als Radprofi folgt Georg Steinhauser den Spuren seines Vaters Tobias, der zwischen 1996 und 2005 unter anderem bei Mapei, Gerolsteiner, Bianchi und Team T-Mobile sein Geld verdiente. Auf seine ersten beiden Profijahre blickt Georg Steinhauser jedoch mit gemischten Gefühlen: Bei der Tour of the Alps und beim deutschen Klassiker Eschborn-Frankfurt fuhr Steinhauser vorne mit, doch beide Saisons musste er im August aufgrund von Infektionen frühzeitig beenden. In diesem Jahr kostete ihm das sein Grand-Tour-Debüt bei der Vuelta a Espana.

Trotzdem bekam er frühzeitig eine Vertragsverlängerung beim Team EF Education EasyPost – gleich für drei Jahre. Ein Vertrauensvorschuss für den 22-Jährigen bei der amerikanischen Equipe. Vor dem Trainingslager der Mannschaft im spanischen Girona blickt Steinhauser zurück auf die vergangenen beiden Jahren und nimmt Bezug auf seine Anfänge im Skisport, wie sein Vater sich aus seiner Karriere heraushält, seinen bekannten Trainer sowie die Doppelbelastung aus Radsport und Berufsausbildung.

Georg Steinhauser im TOUR-Interview

TOUR: Herr Steinhauser, Sie fahren in Ihrer Freizeit gerne Ski und sind im Allgäu aufgewachsen. Da hätte ja auch eine Karriere im Skisport nahegelegen?

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Georg Steinhauser: Als Kind bin ich tatsächlich Skirennen gefahren. Ziemlich schnell hat mir das Fahren neben den Pisten aber mehr Spaß gemacht. Mit zwölf oder 13 Jahren habe ich die Skirennen daher schon sein lassen.

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TOUR: Die familiäre Prägung durch Ihren Vater war dann doch zu groß?

Georg Steinhauser: Mein Vater hat mir immer gesagt, dass für ihn als Kind eigentlich nur Skisportler oder Metallbauer infrage kam. Und dann ist er Radprofi geworden. Mit dieser Einstellung hat er auch mich behandelt. Ihm war es im Prinzip egal, was ich mache. Und das war schön zu erfahren. Ich habe Skifahren, Mountainbike, Klettern und Fußball probiert. Aufs Rennrad bin ich dann erst mit 13 Jahren gewechselt und bin einem lokalen Verein beigetreten.

Vater Tobias Steinhauser (l.) war einst Profi beim Team Bianchi, zusammen mit Jan Ullrich (r.).Foto: DPA Picture AllianceVater Tobias Steinhauser (l.) war einst Profi beim Team Bianchi, zusammen mit Jan Ullrich (r.).

TOUR: Wenn die Kinder den beruflichen Fußspuren des Vaters folgen, übertreiben es Väter gelegentlich mit gutgemeinten Ratschlägen – so die Annahme. Wie lief das bei Ihnen ab?

Georg Steinhauser: Mein Vater hat mir immer viele Freiheiten gegeben. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Natürlich hat er mir auch Tipps und Ratschläge gegeben. Aber als uns beiden bewusst war, ich kann es zum Profi schaffen, hatte ich gleich einen eigenen Manager und habe probiert, selbst auf die Beine zu kommen. Mein Vater meint immer, der Radsport habe sich so verändert, da kann er nicht mehr so viel mitreden.

Infektion führte bei Georg Steinhauser zu Herzproblemen

TOUR: Inzwischen sind Sie seit zwei Jahren ebenfalls Profi. Sind die ersten beiden Jahre für Sie verlaufen, wie vorgestellt?

Georg Steinhauser: Im Großen und Ganzen denke ich schon. Nur die beiden Rückschläge zum Ende jeder Saison habe ich nicht so erwartet (Steinhauser musste die Saison jeweils ab August mit Corona-Infektionen beenden; Anm. d. Red.). Damit muss man erst einmal zurechtkommen. Wenn man das eine Jahr krank wird, und es zieht sich, das ist dann so. Aber wenn es im nächsten Jahr erneut passiert, dann macht man sich schon Gedanken. In diesem Jahr hat sich die Infektion zudem ein bisschen auf das Herz gesetzt. Wir haben im Team dann gesagt, dass ich vorsichtshalber eine Pause mache. Das haben wir zum Glück auch frühzeitig herausgefunden. Mit dem Herz ist nun alles wieder normal. Ich fühle mich gut, frisch und erholt.

Georg Steinhauser verpasste sein Grand-Tour-Debüt bei der Vuelta a Espana.Foto: Getty ImagesGeorg Steinhauser verpasste sein Grand-Tour-Debüt bei der Vuelta a Espana.

TOUR: Die Corona-Infektion in diesem Jahr kam kurz vor der Vuelta a Espana, bei der sich eigentlich Ihr Grand-Tour-Debüt geben sollten. Wie lange hadert man damit?

Georg Steinhauser: Das war mental schon hart. Erst der lange Formaufbau mit Höhentrainingslager, dann die Vorfreude auf die erste große Rundfahrt – und dann fällt man kurz vor knapp aus. Da war die Enttäuschung groß. Ich musste in der Vorbereitung bei der Burgos-Rundfahrt aussteigen (eine Woche vor Start de Vuelta; Anm. d. Red.). Und nach dem positiven Coronatest war mir schon bewusst, dass es schwierig wird. Eine dreiwöchige Rundfahrt ist ja auch eine enorme Belastung. Nach einem negativen Test schafft man vielleicht ein Eintagesrennen. Aber drei Wochen am Stück durchzuhalten, wenn man schon geschwächt in die Rundfahrt startet, macht keinen Sinn.

TOUR: Kann man das Rennen dann überhaupt im Fernsehen verfolgen?

Georg Steinhauser: Ich muss gestehen, dass ich die Vuelta nicht so verfolgt habe wie andere Rundfahrten. Einfach aus dem Grund, da ich oft gedacht habe, da hätte ich jetzt selbst mitfahren können. Das fällt einem dann schon schwieriger.

Ein Höhepunkt war Platz sechs bei Eschborn-Frankfurt

TOUR: Was nehmen Sie trotzdem positiv aus den ersten beiden Profijahren mit?

Georg Steinhauser: Auf jeden Fall die Vorbereitungsphase auf die Grand Tour. Ich habe meine Werte gesehen und auch gespürt, dass es gut läuft, nur leider konnte ich es nicht zeigen. Das gibt mir trotzdem Selbstbewusstsein für die kommende Saison. Und ich hatte ein paar gute Rennen, zum Beispiel im Frühjahr die Tour of the Alps (Etappenzweiter auf der letzten Etappe; Anm. d. Red.) oder Eschborn-Frankfurt (Platz sechs; Anm. d. Red.). Das waren schöne Erlebnisse, die ich für mich mitnehme.

Bei der Schlussetappe der Tour of the Alps belegte Georg Steinhauser Platz zwei.Foto: Getty ImagesBei der Schlussetappe der Tour of the Alps belegte Georg Steinhauser Platz zwei.

TOUR: Sie haben in Ihrem ersten Profijahr nebenbei zusätzlich eine Berufsausbildung zum Metallbauer absolviert. Hatten Sie Bedenken, ob das funktioniert – auch im Zusammenspiel mit dem Team?

Georg Steinhauser: Mein Plan war eigentlich: Die Ausbildung mache ich fertig und danach schaue ich, dass ich Profi werde. Die Ausbildung hätte ich dann im dritten Jahr der U23 abgeschlossen. Ich hatte tatsächlich nicht gedacht, dass es so schnell mit dem Aufstieg zum Profi klappt. Es gab mehrere Gespräche mit mehreren Teams – und das war ganz interessant: Die einen Teams haben gleich gesagt, dass das für sie nichts ist; andere Teams fanden es hingegen cool und haben vielleicht mehr Potenzial in mir gesehen, weil ich noch halbtags gearbeitet habe. EF Education hat mich von Anfang an dabei unterstützt. Und ich bin dankbar, dass sie mir die Zeit gegeben haben, meine Ausbildung abzuschließen.

TOUR: Aber wie herausfordernd war die Doppelbelastung aus Berufsausbildung zum Metallbauer und Profileben als Radsportler?

Georg Steinhauser: Wenn ich jetzt zurückschaue, kann ich es mir auch gar nicht mehr vorstellen. Man gewöhnt sich auch schnell daran, nun morgens länger zu schlafen und sich beim Frühstück mehr Zeit zu lassen (lacht). Aber wenn man in den Abläufen drin ist, funktioniert das schon. Im Prinzip habe ich immer von 6.30 bis 12.30 Uhr gearbeitet und dann den Nachmittag genutzt, um zu trainieren. So viel Freizeit hat man da nicht. Und gerade die Zeit vor der Prüfung war schon ziemlich stressig. Da musste ich auch noch lernen. Aber ich hatte einfach das Ziel Radsport vor Augen. Die Berufsschule habe ich mit den Renneinsätzen koordiniert. Den Schulplan habe ich dann an das Team weitergegeben und dann wurde das abgestimmt. Ich war zudem in der glücklichen Lage, dass die Schulnoten immer gepasst haben.

Georg Steinhauser wird trainiert von Michele Bartoli

TOUR: In diesem Jahr haben Sie sich nun komplett auf den Radsport fokussiert. Welche Unterschiede haben Sie gemerkt?

Georg Steinhauser: Gerade am Anfang war es schon komisch. Ich habe noch viel Kontakt zu den Kollegen – und wenn die anfangen zu arbeiten, da stehe ich gerade auf. Ich musste mir bewusst machen, dass Radsport nun mein Job ist, dass ich genug Schlaf brauche, dass ich mein Training absolviere. Ich befasse mich jetzt viel mehr mit dem Thema Radsport, denn da gehört nicht nur das Training, sondern auch die Ernährung und Regeneration dazu. Von den Leistungen habe ich auf jeden Fall einen Schritt nach vorne gemacht. An den Werten erkennt man es. Ich habe mir aber erhofft, dass man es in den Rennen mehr sieht.

TOUR: Ihr persönlicher Trainer ist Michele Bartoli. Ein großer Klassikerjäger rund um die Jahrtausendwende. Wie kam das zustande?

Georg Steinhauser: Mein Vater und Michele sind gute Freunde. Früher haben wir ihn immer in der Toskana besucht. In der U17 und U19 bin ich auch Rennen in der Toskana gefahren und war dann mit meinem Vater und Michele unterwegs. Seit meinem zweiten Jahr in der U19 trainiere ich mit ihm. Das Gute ist, dass Michele mehrere Fahrer bei EF Education betreut. Daher musste ich auch keinen Trainer wechseln. Er ist zwar nicht angestellt, arbeitet mit dem Team aber zusammen.

Georg Steinhauser bei der Deutschen Straßenmeisterschaft 2023 in Donaueschingen.Foto: DPA Picture AllianceGeorg Steinhauser bei der Deutschen Straßenmeisterschaft 2023 in Donaueschingen.

TOUR: War frühzeitig absehbar, dass Sie bei EF Education verlängern?

Georg Steinhauser: Vor der Tour of the Alps und Eschborn-Frankfurt im Frühjahr war bereits klar, dass das Team mit mir verlängern will. Für mich war das super. Es ist schön als Fahrer zu erfahren, dass ein Team so früh Vertrauen in einen hat, auch wenn man noch keine Erfolge hatte – und für gleich drei Jahre verlängern möchte. Das hat sich gut angefühlt.

Hoffnungen auf Start beim Giro d’Italia

TOUR: Haben Sie und das Team bereits ein Gefühl dafür, was für ein Fahrertyp Sie sind?

Georg Steinhauser: So richtig kann ich das noch nicht sagen. Da muss man etwas warten, bis ich die erste Grand Tour gefahren bin. Das abzuhaken, ist für mich wichtig, um zu schauen, ob es mich noch einmal einen Schritt nach vorne bringt. Es ist aber nicht schwer zu erkennen, dass meine Stärken nicht im Sprint liegen. Mir liegt eher ein aggressiverer Fahrstil, in Spitzengruppen, dazu längere Berge und Rundfahrten. Ich denke schon, dass ich meine Chancen im Team bekommen werde. Ich weiß aber auch, dass ich auch Helferdienste leisten muss. Aber damit komme ich zurecht.

TOUR: Gibt es im Team denn eine Art Mentor für Sie?

Georg Steinhauser: Mir ist jetzt niemand zugeteilt worden. Ich höre aber interessiert bei den Tischgesprächen mit und nehme auf, was ich brauche – zum Beispiel bislang bei Esteban Chaves, Michael Valgren oder Jens Keukeleire. Manchmal sind es auch Infos von Mechaniker oder Physio, bei denen ich mir denke: Das hilft mir. Genauso ist es mit den Sportlichen Leitern. Ich muss auch sagen, dass mich am Anfang Jonas Rutsch und Stefan Bissegger sehr gut im Team aufgenommen haben.

TOUR: Ist 2024 ein neuer Anlauf auf eine Grand Tour vorgesehen?

Georg Steinhauser: Ich denke schon. Ich kann es aber noch nicht bestätigen. Das Rennprogramm wird erst im Dezember besprochen. Mein Wunsch wäre es auf jeden Fall. Ich würde gerne den Giro d’Italia fahren, Italien, das gefällt mir.

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