Andreas Kublik
· 26.02.2026
Der Thüringer, geboren am 11. Mai 1988, stammt aus einer Radsportfamilie in Arnstadt. Vater Mathias war zu DDR-Zeiten Mitglied der Nationalmannschaft. Sohn Marcel zeigte sein Talent früh, feierte in den Nachwuchsklassen vor allem Erfolge im Einzelzeitfahren. Er wurde bei den Junioren (U19) zweimal Weltmeister, in der Klasse bis 23 Jahre Europameister und WM-Dritter. Mit 14 Etappensiegen bei der Tour de France ist Kittel der erfolgreichste Deutsche. Auch beim Giro d’Italia (4) und der Vuelta a Espana war er als Etappenjäger erfolgreich. Insgesamt feierte er 89 Profi-Siege. Im Mai 2019 löste er den Vertrag mit dem Team Katjuscha-Alpecin auf. Im darauffolgenden August erklärte er seine Karriere als Radsportler für beendet – im Alter von 31 Jahren. Zuvor war er für die Teams Skil-Shimano (später in Argos und Giant umbenannt) sowie Quick-Step gefahren. Kittel ist mit der ehemaligen niederländischen Volleyball-Nationalspielerin Tess von Piekartz verheiratet und lebt mit ihr und den drei gemeinsamen Kindern in den Niederlanden.
TOUR Marcel, hätten Sie Ihre Karriere über den 10. April 2019 hinaus fortgesetzt, wenn Sie gewusst hätten, dass ab Juli 2019 regelmäßig drei niederländische YouTuber von „Tour de Tietema“ nach dem Zieleinlauf auf den Champs-Élysées Gratis-Pizza an alle Radprofis ausgeben würden?
KITTEL Es ging damals gar nicht so sehr um das Wollen, sondern eher um das Können. 2019 war ich wirklich mit ganz anderen Themen beschäftigt, mit mir selber. Ich habe die Tietema-Jungs auch wahrgenommen, aber die Pizza auf den Champs-Élysées war 2019 eines meiner allerkleinsten Probleme. Da war ich ganz woanders unterwegs.
Sie waren damals gleichsam auf einer Reise zu sich selbst. Sie haben mit TOUR-Autor Stephan Klemm ein Buch über Ihre Karriere und Ihren Abschied geschrieben (Titel: „Das Gespür für den Augenblick“). Nehmen Sie unsere Leser nochmal kurz mit: Was war genau los?
Ich war 2019 an einer ganz entscheidenden Stelle in meiner Karriere, persönlich an einem ganz wichtigen Punkt in meinem Leben, an dem ich die Entscheidung genommen habe: Okay, ich werde für mich jetzt andere Prioritäten im Leben setzen, Radsport steht nicht mehr an allererster Stelle.
Was war der Grund für Sie, Schluss zu machen?
Einer der Gründe war: Ich habe mir selber gesagt, dass ich einfach nicht mehr das finde, was ich in den Sport reingeben muss. Ein anderer Grund war, dass meine Frau (die ehemalige Profi-Volleyballerin Tess von Piekartz; Anm. d. Red.) mit unserem Sohn, unserem ersten Kind, schwanger war. Und das hat dazu geführt, dass ich 2019 mein Leben umgeschmissen habe, dass ich beschlossen habe, mit meiner Karriere als Radprofi zu stoppen und mich auf meine persönlichen, privaten Sachen zu konzentrieren.
Jetzt sind Sie mit der Pizza-Connection um Bas Tietema doch beruflich zusammengekommen. Sie werden als Sprinttrainer für das Profi-Team arbeiten, das die YouTuber von Tour de Tietema gegründet haben. Wie kam es dazu?
Es hat schon 2022 angefangen, als Bas mich angerufen hat, weil sie auf der Suche nach Sportlichen Leitern waren, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, irgendwie ein Team zu machen. Aber auch da war es erstmal kein Thema. Ich war immer noch voll im Familienmodus, war gerade dabei, andere Dinge nach meiner Karriere neu zu machen. Ich war super happy damit. Und habe freundlich abgesagt.
Die drei YouTuber wollen mit Ihrem Team ziemlich schnell zur Tour de France kommen. Eine verrückte Idee, die es so bisher noch nicht gab…
Natürlich war ich irgendwie überrascht von der Tatsache, dass da auf einmal diese YouTuber ein Team machen wollten. Ich konnte mir jetzt nicht vorstellen, dass das alles so funktioniert.
Mittlerweile sind Ihre Bedenken wohl ausgeräumt?
Im Frühsommer (2025) waren wir wieder in Kontakt und haben uns ein paarmal getroffen und ein bisschen übers Team gequatscht. Dann kam irgendwie eines zum anderen. Die Firma Rose, die als Sponsor eingestiegen ist, war natürlich auch einer der Gründe.
Sie arbeiten als Testimonial, als Werbebotschafter, für das Unternehmen aus Bocholt…
Eigentlich kommt in diesem Team alles zusammen, was ich bisher so in meinem Leben gemacht habe. Da dachte ich: Okay, das ist eigentlich voll der Fit. Und ich hatte auch richtig Bock. Mit der Familie war Stabilität da, und ich habe gemerkt: Mit jungen Leuten in einem Team wieder im Sport zu arbeiten, ein Team zu bauen – das habe ich immer geil gefunden, da war ich auch immer gut drin. Und ich hätte es mir wahrscheinlich jahrelang vorgeworfen, wenn ich das jetzt nicht gemacht hätte.
Sie galten als sensibler Spitzensportler. Wie wirkt sich das auf Ihren neuen Job aus?
Es war ein großer Schritt für mich, ich wollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber im Trainingslager wurde ich bestätigt, dass die Entscheidung richtig war und dass das mein Ding ist: Die Arbeit mit den Rennfahrern, mit dem ganzen Team. Diese besondere Atmosphäre, die die Mannschaft hat, die wirklich aus den Menschen herauskommt. Es gibt ein großes Bewusstsein auch für das Umgehen miteinander, für das Mannschaftliche, für dieses Teambauen.
Wie wird Ihre Rolle als Sprintcoach genau aussehen?
Es ist schon genau das, was auch draufsteht: Das Arbeiten mit dem Sprinter selber, aber auch mit denjenigen, die im Lead-out den Sprint vorbereiten sollen. Wir haben wirklich tolle Rennfahrer, vom erfahrenen Dylan bis zu jungen, talentierten Rennfahrern wie Tobias Müller. Wir wollen als Team aufs nächste Level kommen.
Kann man in wenigen Worten erklären, wie man einen erfolgreichen Sprintzug formiert?
Ich habe mir die Frage gestellt: Was macht eigentlich ein Sprintcoach? Ich habe dann ein Konzept geschrieben. Es geht erstmal um eine klare Struktur innerhalb des Teams: von den Rennfahrern, die wir brauchen, über Rollenverteilung bis zu Zielen. Und es geht um die Art und Weise, wie wir dieses Teamwork umsetzen wollen, was nötig ist wie Kommunikation. Jetzt ist ein roter Faden drin.
Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg?
Es wird heutzutage extrem viel darüber gesprochen, als Mannschaft zu arbeiten. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Man muss das Ganze auch fühlen. Und ich glaube, dieses Fühlen ist in den letzten Jahren im hochmodernen Radsport oft ein Stück zu kurz gekommen. Man muss diesen Worten auch wirklich Kraft verleihen, indem man es auch wirklich macht, tagtäglich lebt, Zeit miteinander verbringt und ehrlich kommuniziert und die Dinge gut vorbereitet. Das wird mein Fokus sein.
Welche eigenen Erfahrungen als Sprinter fließen ein?
Wir müssen dem Ganzen Zeit geben. Meine Erfahrung aus meiner eigenen Karriere: Ein erfolgreicher Sprintzug ist nicht in sechs Monaten aufgebaut. Es braucht Selbstvertrauen und Vertrauen in die anderen Rennfahrer. Das holt man nicht einfach mal so aus dem Team binnen zwei Trainingslagern. Man muss die richtigen Menschen zusammenbringen und ein gemeinsames Mindset entwickeln. Wenn diese gemeinsame Basis nicht da ist, das ist auch eine Lehre aus meiner eigenen Karriere, dann ist es extrem schwer. Erfolg kann man nicht einkaufen, sondern Erfolg muss man gemeinsam bauen und dafür ist viel nötig: Zeit, Fingerspitzengefühl, die richtigen Menschen mit ähnlichem Mindset, die das wollen müssen.
Das Team hat den Sprinter Dylan Groenewegen, einen sechsmaligen Tour-Etappensieger, neu verpflichtet. Was für ein Typ ist der 32-jährige Niederländer?
Dylan ist ein ruhiger, etwas zurückgezogener Typ. Aber wenn es drauf ankommt, ist er wirklich der Leader. Er macht ganz klare Ansagen. Wenn es im Trainingslager einen ganzen Tag lang pisst, ist er der Erste, der aufsteht und sagt: Wir trainieren. In so einer Art und Weise aufzutreten liegt natürlich unheimlich viel Kraft, das zieht eine Gruppe mit. Auf mehr hätten wir nicht hoffen können.
Zuletzt blieben bei Groenewegen die großen Erfolge aus...
Seinen Speed, das haben die Trainer ausgewertet, der ist noch da. Wir müssen uns darauf konzentrieren, dass er die nötige Unterstützung im Finale bekommt. Ich habe 100 Prozent Vertrauen, dass er noch zu den besten Sprintern der Welt gehört. Das wollen wir zeigen.
Warum ist es für ein aufstrebendes Team eine kluge Entscheidung, die ersten Schritte Richtung Weltspitze über einen starken Sprinter zu machen?
Es gibt mehr als nur einen Grund. Es ist natürlich eine Geldfrage, wenn man Teamstärke aufbauen und erste Erfolge holen will. Am besten konzentriert man sich zunächst auf Sprintqualitäten, auf Klassiker-Rennen, Eintagesrennen. Topergebnisse im Gesamtklassement sind extrem schwer zu holen. Da braucht man eine ganz andere Infrastruktur und Erfahrung im Team. Und an einem erfolgreichen Sprintzug hängen viele Dinge, die sich auch auf die Stärke des Teams in den Klassikern auswirken. Man muss eine Einheit an den Start stellen, die sich durchboxt und an ihren Plan glaubt.
Welche Ziele gibt es konkret?
Wir wollen den vielseitigsten Sprintzug der Welt bauen. Es gibt in den Sprintfinals einen roten Faden! Und diesen wollen wir immer wieder versuchen zu finden, um zuverlässig und konstant unsere Sprinter, unsere Leader, im Finale vorne reinzubringen.
Das Team wollte in diesem Jahr eine Wildcard bei einer Grand Tour erhalten. Bei Tour de France und Vuelta hat das nicht geklappt. Aber die Unibet Rose Rockets sind beim Giro d’Italia dabei. Man hat jedoch den Eindruck, dass die Zeiten für die Sprinter härter geworden sind, die Sprintchancen in den großen Etappenrennen seltener werden ...
Ja, das ist so. Die Chancen für die Sprinter schrumpfen im Moment. Das ist mir auch aufgefallen, wenn man auf die Punkte guckt. Für mich ist das ganze Punktesystem sehr schief, was gerade den Sprint angeht, gerade in den großen Rundfahrten. Man sollte die Disziplin Sprint im Radsport neben Bergfahren und Zeitfahren weiter wertschätzen.

Redakteur