Kristian Bauer
· 02.01.2024
Als “Vingegaards Boss” hat eine Zeitung Grischa Niermann 2023 bezeichnet, die Sportschau nannte ihn “das Gehirn” des Teams Jumbo-Visma. Der gebürtige Hannoveraner hat Jonas Vingegaard bei vielen Rennen und Trainingslagern begleitet und ist maßgeblich an den beiden Tour-Siegen des Dänen beteiligt. Er hat das Rennen monatelang vorbereitet, die entscheidende Etappe für die Attacke geplant und Tag für Tag die Renntaktik vorgegeben. Ein Team von 15 Trainern – “Performance and Race Coaches” – kümmert sich in der niederländischen Equipe, die nach einem Sponsorenwechsel jetzt unter dem Namen Visma | Lease a Bike firmiert, um Training und Rennen.
“Ich bin der Verantwortliche für die Rennplanung der Fahrer und auch der Coaches”, umreißt Niermann sein Aufgabengebiet. “Das machen wir gemeinsam, vor allem mit dem Sportlichen Direktor Merijn Zeeman. Bereits im Herbst beginnt die Aufteilung, welcher Sportliche Leiter für welche Rennen verantwortlich ist. Zwischen zwei und vier Sportliche Leiter teilen sich jeweils die Arbeit.” Niermann bringt ideale Voraussetzungen für den Job mit: Er kennt die Radrennen aus dem Blickwinkel des Radprofis. 13 Jahre lang fuhr er für das Team Rabobank, bevor er als Nachwuchstrainer und ab 2013 als Sportlicher Leiter für die Mannschaft arbeitete, aus der das heutige Team Visma hervorgegangen ist.
Er gilt als akribischer Detailarbeiter, der bei wichtigen Rennen jede Kurve vor Ort oder virtuell erkundet hat. Die Saison beginnt für Niermann am Tag nach der Präsentation der Tour de France in Paris im Herbst. Dann fängt die intensive Beschäftigung mit der Strecke an. Einzelne Etappen der Tour de France 2024 ist er bereits mit dem Auto und dem Rad abgefahren, und er hat gut sieben Monate vor dem Rennen schon einen Plan entwickelt: “Im Trainingslager wird der mit allen Rennfahrern besprochen.”
Schon Monate vorher klärt Niermann mit jedem, welche Rolle er in der Saison, bei bestimmten Rennen und sogar bei ausgewählten Etappen übernehmen soll. “Die Jungs, die zur Tour fahren oder die wir dafür im Auge haben, kennen unsere Herangehensweise. Wir haben jetzt schon eine relativ gute Idee, wie wir dort fahren wollen, wo wir unsere Stärken sehen, welche Etappen Jonas gut liegen. Und sicher gibt es auch Etappen, bei denen ein bisschen mehr gepokert wird.”
Auch wenn Niermann jetzt schon beinahe jeden Kilometerstein der Tour de France persönlich kennt, besteht die Saison natürlich nicht nur aus der Frankreich-Rundfahrt. Er ist auch schon bei den Klassikern dabei – die auf den fast immer gleichen Strecken anders gelagerte Aufgaben bereithalten. Für die Arbeit des Sportlichen Leiters sind Fremdsprachen wichtig. Mit seinen Rennfahrern spricht er überwiegend Englisch, Niederländisch und Französisch beherrscht er fließend, auf Spanisch und Italienisch kann er sich “im Radfahrer-Jargon unterhalten”. Von Vorteil sei, so Niermann, wenn man bei Giro, Tour und Spanien-Rundfahrt den Streckenfunk in der Landessprache verfolgen könne und “nicht erst auf eine andere Sprache warten muss”.
Früher waren Sportliche Leiter eher Logistik-Manager, heute geht’s extrem ums Sportliche. - Grischa Niermann, Sportlicher Leiter von Visma-Lease a Bike
Die Arbeit des Sportlichen Leiters bringt es mit sich, viel reisen zu müssen: zu Trainingslagern, Streckenbesichtigungen und Rennen. Der Hannoveraner ist bis zu 200 Tage im Jahr unterwegs. Viel Zeit kosten die Streckenbesichtigungen, insbesondere für die Tour de France. Rund die Hälfte der Etappen schaut Niermann sich vor Ort an, grundsätzlich alle studiert er am Computer mit dem Programm VeloViewer. Mit diesem Programm arbeiten viele Teams, um Informationen zur Strecke zu dokumentieren, die man am Renntag gut gebrauchen kann.
Das geht so weit, dass Niermann für die gesamte Strecke der Tour festhält, auf welcher Seite Kreisverkehre durchfahren werden sollten. Zum Glück ändern sich die Strecken der klassischen Eintagesrennen nicht oder nur in Details, und die Vorbereitung auf diese Rennen kostet weniger Zeit. Nach den Frühjahrsklassikern stehen die Zeichen aber ganz auf Tour: “Dann begleite ich auch die Trainingslager, um mit Jonas alle Etappen der Tour anzuschauen”, erzählt Niermann.
Der typische Tagesablauf des Sportlichen Leiters bei der Tour de France beginnt für den ehemaligen Radprofi – auf dem Rad, während “die Jungs noch schlafen”. Nach dem gemeinsamen Frühstück geht es im Bus zum Start. Die Etappe wird besprochen anhand einer Powerpoint-Präsentation, die Niermann lange vorher vorbereitet hat. Während des Rennens sitzt Niermann im Auto, unterstützt den Kapitän seiner Mannschaft, falls es Probleme gibt. Damit er das darf, musste er wie alle Sportlichen Leiter eine Prüfung bei der UCI ablegen. Nach der Etappe spricht Niermann, auf dem Zimmer oder bei der Massage, mit jedem Fahrer, um den Tag zu rekapitulieren, festzustellen, wie er sich fühlt und die Rolle des nächsten Tages durchzugehen. Nachmittags schickt Niermann per Mail einen Vorschlag zur angepassten Taktik ans Trainerteam, der dann am Abend besprochen wird.
Im Rückblick erkennt der Sportliche Leiter Niermann glasklar, was der Radfahrer Niermann in seiner Karriere falsch gemacht hat: “Ich habe häufig falsche Entscheidungen getroffen. Wenn ich zum Beispiel in einer Spitzengruppe fuhr, war ich wahrscheinlich immer derjenige, der am meisten gearbeitet hat. Und am Ende war ich dann der Schwächste, der nicht mehr um den Sieg mitkämpfen konnte.” Kaum ein Sportlicher Leiter ist so fit wie Grischa Niermann: 15.000 Kilometer stehen pro Jahr auf seinem Radcomputer. “Das ist alles eine Frage der Einteilung. Bei der Tour de France morgens zwischen 7 und 8.30 Uhr vermisst mich niemand.”
So gut trainiert, wie er ist, kann er gemeinsame Trainingsfahrten mit den Profis für Gespräche nutzen: “Wenn ich drei, vier Stunden mitfahre, habe ich viel mehr Zeit, um mich zu unterhalten und kann Coach-Gespräche führen, ohne dafür einen Termin im Büro verabreden zu müssen.” Der Job des Sportlichen Leiters hat sich in den zurückliegenden Jahren stark gewandelt und wird, so Niermanns Beobachtung, in der Öffentlichkeit auch mehr wahrgenommen. Er führt das unter anderem auf die Netflix-Doku “Im Hauptfeld” zurück, die auch die Personen im Umfeld der Rennfahrer beleuchtet hat.
Zum veränderten Berufsbild meint er: “Zu meiner Rennfahrerzeit war der Sportliche Leiter mehr ein logistischer Manager, der vor allem dafür sorgen musste, dass jeder zum Rennen kommt. Jetzt geht’s extrem ums Sportliche, um viele kleine Details. Wir machen Rennpläne, wir machen Nachberichte, wir denken sehr viel über die Taktik nach. Wir arbeiten mit dem Computersystem, mit dem man die Rennen vorbereitet. Das gab es vor zehn Jahren noch nicht.” Über seine Arbeit sagt Niermann: “Ich habe meine Karriere als Radprofi genossen, aber ich denke, dass ich den Job, den ich jetzt habe, fast noch mehr liebe. Auch weil ich das Gefühl habe, einen größeren Beitrag zum Erfolg des Teams liefern zu können.”

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