Florian LipowitzWeniger Rennen, mehr Ruhe - so geht es zur Tour de France 2026

Andreas Kublik

 · 10.01.2026

Florian Lipowitz: Weniger Rennen, mehr Ruhe - so geht es zur Tour de France 2026Foto: Getty Images
Grüßte im Weißen Trikot des besten Jungprofis aus Paris: Florian Lipowitz, Dritter der Tour de France 2025
Hoffnungsträger Florian Lipowitz will sich nach seinem großen Durchbruch im vergangenen Jahr in aller Ruhe auf die Tour de France 2026 vorbereiten. Mit dem neuen Teamkollegen Remco Evenepoel an der Seite soll er erst Ende März richtig ins Rennjahr starten

Für die Verhältnisse des modernen Radsports ist Florian Lipowitz kein Hungerhaken. Angaben zum Körpergewicht gelten im Peloton mittlerweile als nichtöffentliches Erfolgsgeheimnis. 67 bis 68 Kilogramm sind für den einstigen Biathleten eine unbestätigte Schätzung – nicht viel für einen Mann mit 1,81 Meter Körpergröße. Und selbst wenn Lipowitz an seinem Wohnsitz in Seefeld in Tirol über den Jahreswechsel gerne ein paar kräftige Stockschübe als Skilangläufer in den dortigen Loipen praktiziert und damit seinen Oberkörper kräftigt - seine Schultern sind nicht besonders breit. Dabei können sie kaum breit genug sein, um die Erwartungen der Radsportfans in einer 80-Millionen-Einwohner-Nation wie Deutschland zu schultern. Nachdem der 25-jährige Schwabe im vergangenen Juli die Radsportfans mit seiner Fahrweise und schließlich Gesamtrang drei bei der Tour de France begeistert hatte, hat sich sein Leben durchaus verändert. Er ist jetzt wer. Er hat ein Gesicht, das öfter erkannt wird. Und er hat eben Erwartungen geweckt. „Jetzt haben wir mit Florian Lipowitz wieder einen, der auf dem Tour-Podium gestanden hat für Deutschland. Ich hoffe, dass das wieder einen Hype auslösen wird, wenn das nicht sogar schon passiert ist“, sagt beispielsweise sein Teamkollege Nico Denz.



Neuer Vertrag, höherer Marktwert

Im Mittelpunkt: Florian LIpowitz (mit Mikro) an der Seite von Teamchef Ralph Denk, Remco Evenepoel und Primoz Roglic (von links)Foto: pa/dpaIm Mittelpunkt: Florian LIpowitz (mit Mikro) an der Seite von Teamchef Ralph Denk, Remco Evenepoel und Primoz Roglic (von links)

Lipowitz selbst hat sich eher nicht verändert – so macht es zumindest den Anschein. Auch wenn er jetzt einen anderen Bekanntheitsgrad und einen anderen Marktwert hat. Die Überheblichkeit, die mancher Radprofi des Team Telekom mitsamt der damaligen Entourage zu den Zeiten des großen Radsporthypes in Deutschlands ausstrahlte, scheint dem jungen Mann von der Schwäbischen Alb fremd. Dennoch: Er ist jetzt ein Aushängeschild - für den deutschen Radsport und für sein Team Red Bull-Bora-hansgrohe. Teamchef Ralph Denk verkündete im Dezember stolz, dass man den Vertrag mit dem Hoffnungsträger des deutschen Radsports verlängert habe. Die Gerüchte, der Aufsteiger unter den Rundfahrtspezialisten könnte zum künftig ebenfalls deutsch-lizensierten Team Lidl-Trek wechseln, bestätigten sich nicht. Wie lange es läuft und wie hoch dotiert das Arbeitspapier ist, das verriet Denk nicht. „Marktüblich“ nannte Denk das neue Gehalt.

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Freude über die Begeisterung der Fans

Lipowitz ist nicht unbedingt der Mann für die große Bühne, er wirkt wie ein bescheidener Arbeiter, auch wenn es um seinen Beitrag zu neuer Radsportbegeisterung in der Heimat geht. „Zum einen war es natürlich mega cool, so viele Fans zu haben und zu sehen, was es in Deutschland gemacht hat“, sagte er zum Jahresabschluss am Medientag des Teams auf Mallorca. Aber er hat natürlich auch erfahren, dass die Liebe der Fans, die Aufmerksamkeit, die zusätzlichen Termine belasten, die neu entfachte Liebe zum Radsport und dem aktuell erfolgreichsten Athleten in der Heimat auch mal erdrückend sein kann. „Auf der anderen Seite war es auf jeden Fall eine neue Situation für mich. Damit musste ich erst mal ein bisschen klarkommen. Am Ende war es wahrscheinlich auch der Grund, warum ich dann die Saison früher beendet habe, weil der Körper einfach müde war“, ergänzte Lipowitz. Immer dann Autogramme zu schreiben, wenn die anderen die Beine hochlegen oder schon auf der Massagebank liegen – das schlaucht. Manchen mehr als drei Wochen Hatz durch Pyrenäen und Alpen.

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Druck, der krank machen kann

Gefragt: Florian Lipowitz bei der vergangenen Deutschland-TourFoto: Getty ImagesGefragt: Florian Lipowitz bei der vergangenen Deutschland-Tour

Und wie sehr Druck, Erwartungen belasten können, einen Menschen auch krank machen können – das hat Florian Lipowitz in der eigenen Familie erlebt. Sein ein Jahr älterer Bruder Philipp war im Jahr 2021 Biathlon-Weltmeister bei den Junioren. Der Erfolg machte ihn krank – er machte bei der Südwestpresse Suizidgedanken infolge einer Depression publik. “Ich bin froh, dass ich das überlebt habe”, sagte er der heimischen Regionalzeitung. Der große Bruder erzählte, er habe sich in Sachen sportlichem Erfolg „extremen Druck“ gemacht. Zuhause in Laichingen, wo Vater Marc als Geschäftsführer eine Firma für Sicherheitstechnik und Alarmanlagen führt, will man so etwas nicht mehr erleben. Er achtet daher genau darauf, was mit dem jüngeren Sohn passiert, die Presse meidet man tunlichst. Auch Denk betonte zum Jahresausklang 2025, er habe Medienanfragen rund um seinen Senkrechtstarter zurückhaltend beantworten lassen.

Nach der Tour war eine Pause nötig

Bisher scheint der Junior gut mit dem Erfolg umgehen zu können. Die Begeisterung war groß am Streckenrand bei der Deutschland-Tour, rund drei Wochen nach den spektakulären Ritten in Frankreich. Danach ging nicht mehr viel. Bei den zwei Eintagesrennen in Kanada im September kam er nicht ins Ziel, danach sagte er den geplanten Start bei der Lombardei-Rundfahrt ab. Er habe sich jetzt nicht unter einer Tarnkappe verstecken müssen, erzählte Lipowitz rund um die Folgen der neuen Popularität, „aber ich habe halt gemerkt, dass es auf jeden Fall noch mal ein anderer Stress für meinen Körper ist. Ich habe eigentlich nach der Tour mehr Pause gebraucht.“ Fans, Medien, Sponsoren – alle wollen mehr, wenn ein Sportler prominent wird. „Es war eine Umstellung. Aber ich denke, dass ich da reinfinden werde“, sagte Lipowitz beim Teamtreffen in seiner stets unaufgeregten Art.

Ein Nachfolger für Ullich & Klöden?

Lange her: Andreas Klöden (rechts) war vor Lipowitz der letzte Deutsche auf dem Siegerpodium der Tour (im Jahr 2006).. Floyd Landis (in Gelb)  wurde nachträglich disqualifiziertFoto: Getty ImagesLange her: Andreas Klöden (rechts) war vor Lipowitz der letzte Deutsche auf dem Siegerpodium der Tour (im Jahr 2006).. Floyd Landis (in Gelb) wurde nachträglich disqualifiziert

So wie sich sein Körper daran gewöhnt hat, lange Berge immer schnell zu fahren, sollen sich Kopf und Körper auch an die gestiegene Popularität, die wachsenden Erwartungen anpassen. Der Tour-Dritte scheint sehr pragmatisch und geerdet an die Herausforderungen heranzugehen. Aber seine starken Auftritte im letzten Sommer haben Lust auf mehr gemacht. Seit rund zwei Jahrzehnten, seit den Zeiten von Jan Ullrich und Andreas Klöden ist kein Deutscher mehr so weit vorne im Gesamtklassement des wichtigsten Radrennens der Welt gelandet. Klöden war 2006 als Zweiter der vorerst letzte Deutsche auf dem Podium für die Gesamtbesten auf den Champs-Élysées.

Weniger Rennen, weniger Stress

Die Lehre aus dem Jahr 2025 für die Zukunft: Weniger Rennen, weniger Belastung, weniger Aufmerksamkeit. Vage erinnert man sich, wie vor zwei Jahrzehnten Jan Ullrichs oft mangelhafte Frühform zur nationalen Angelegenheit wurde, seine ersten Saisonstarts mit sichtbarem Übergewicht die Schlagzeilen beherrschten. Sicher ist: Florian Lipowitz wird spät in die neue Saison starten. Bei Paris-Nizza, wo er im Jahr 2025 stark mit Rang zwei nach zwei Kurzauftritten Anfang Februar so richtig ins Jahr startete, steht nicht auf in seinem Rennprogramm für 2026. Genauso wenig wie die Baskenland-Rundfahrt, die er im April 2025 als Vierter beendete.

Erste Höhepunkte: Katalonien-Rundfahrt und Tour de Romandie

Im Schneetreiben: Lipowitz war 2025 Zweiter bei Paris-NizzaFoto: Getty ImagesIm Schneetreiben: Lipowitz war 2025 Zweiter bei Paris-Nizza

Am 29. Januar soll Lipowitz im Mannschaftszeitfahren Trofeo Ses Salines im Rahmen der Mallorca Challenge erstmals 2026 in ein Rennen starten – ein erster Test für diese Prüfung, die auch bei der kommenden Tour nach langer Pause erstmals seit 2019 wieder Teil des Programms ist. Am 4. Juli, gleich auf der 1. Etappe, müssen die Profis in Barcelona als Team im Mannschaftszeitfahren auf höchstem Niveau harmonieren – in einem Wettbewerb, der zuletzt im Jahr 1971 den Tour-Auftakt bildete.

Die erste echte Bewährungsprobe für Lipowitz soll erst die Katalonien-Rundfahrt werden, die von 23.bis 29. März 2026 Kletterpartien in den Pyrenäen bereithält. Danach folgt Ende April die Tour de Romandie als bisher einziges weiteres Rennen in seinem Kalender. Ob er - wie im Vorjahr - kurz vor der Tour de France die Tour Auvergne-Rhones Alpes bestreitet (so heißt die Dauphiné-Rundfahrt künftig), ist noch nicht fix. Eintagesrennen stehen in der ersten Saisonhälfte nicht auf dem Programm. Auch 2026 soll er nur ein dreiwöchiges Etappenrennen bestreiten – die Tour de France, gemeinsam mit Belgiens Radsportstar Remco Evenepoel als Anführer des Teams, mit dem Ziel, wenigstens einen von beiden auf das Siegerpodium in Paris zu bringen.

Lust auf einen WM-Start in Kanada

Für den kommenden Herbst liebäugelt Lipowitz mit einem Start bei der WM in Kanada und der Lombardei-Rundfahrt. Ruhig und geradlinig will er auf dem Weg weitermachen. „Ich denke, dass ich dieses Jahr wahrscheinlich noch mal ein bisschen mehr in der Höhe verbringe. Am Gewicht will ich eigentlich gar nicht so viel verändern wie dieses Jahr. Ich denke, dass wir da auf einem guten Weg waren“, sagt Lipowitz zum Jahreswechsel. „Und ich denke, dass ich beim Zeitfahren sicher noch das ein oder andere verbessern kann. Da machen wir auch noch mal Tests im Windtunnel.“ Sein neuer Teamkollege Remco Evenepoel dürfte in seiner Spezialdisziplin Einzelzeitfahren, in der er Weltmeister und Olympiasieger ist, den gleichaltrigen Deutschen näherkommen spüren. Zuletzt wirkte Lipowitz am Berg bereits stärker als sein neuer Kollege, der allerdings in der Saison 2025 noch an den Folgen eines schweren Trainingsunfalls, erlitten Ende 2024, laborierte. Vorerst gilt: Belgiens Radsportstar und Deutschlands neuer Hoffnungsträger sollen als gleichberechtigte Anführer in die nächste Tour de France am 8. Juli 2026 gehen. Ohnehin gibt es Mahner, die den Senkrechtstarter des vergangenen Jahres nicht in den Himmel loben wollen. Landsmann Emanuel Buchmann begeisterte bei der Tour de France 2019 die Fans, war bis zum Schluss ganz vorne dabei, lag am Ende nur 1:56 Minuten hinter Tour-Sieger Egan Bernal und wurde unglücklicherweise nur Gesamtvierter. Doch Buchmann begeisterte nur einen Sommer – an die Leistung konnte er nie wieder anknüpfen. Ein siebter Platz beim Giro im Jahr 2022 war das einzige weitere Top-Ergebnis. Während der Ravensburger Buchmann eher ein reiner Kletterer ist, ist der von der Schwäbischen Alb stammende Lipowitz der bessere Allrounder – mit beachtlichen Fähigkeiten im Kampf gegen die Uhr. Dennoch: Die Erfolge 2025 muss er erst einmal bestätigen.

Zwei Anführer, unterschiedliche Charaktere

Selbstdarstellung? Social Media? Überlässt Lipowitz anderen. „Also, ich werde einfach so bleiben, wie ich bin. Ich glaube, ich muss mich da auch nicht groß ändern. Es ist vielleicht auch gut, jemanden jetzt im Team zu haben, der das gerne macht.“ Er meint Evenepoel, der durchaus den großen Auftritt beherrscht und der ein anderes Selbstbewusstsein ausstrahlt als der zurückhaltende Lipowitz. Was beide verbindet: Evenepoel, der einstige belgische Jugendnationalspieler im Fußball, und der ehemalige Nachwuchsbiathlet Lipowitz, sind beide Quereinsteiger im Spitzenradsport. Anders als der Belgier, der mit 18 als Radsportwunderkind und kommender Tour-Sieger galt und als Teenager Profi-Siege auf World-Tour-Niveau feierte, musste sich Lipowitz seinen ersten Profivertrag hart erarbeiten, Zweifler überzeugen, bevor er sein großes Potenzial zeigen durfte. Nicht nur deshalb sind die beiden ein ungleiches Duo.

„Ich bin ein Teamplayer, ich denke er auch“, sagte Lipowitz den deutschen Journalisten beim Medientag auf Mallorca im vergangenen Dezember. Vor dem gemeinsamen Tour-Auftritt sieht Lipowitz weniger Rivalität als Chancen für die Doppelspitze: „Zum einen nimmt es den Druck, weil nicht einer allein den ganzen Druck von außen oder vom Team hat, bei der Tour dann zu performen. Zum anderen werden ein Pogačar oder ein Jonas (Vingegaard) super schwer zu schlagen sein. Mit einer Doppelspitze hat man mehr Optionen und mehr Möglichkeiten, das Rennen zu gestalten.“

„Kein böses Blut“

Dabei hat Letzteres, also die Doppelspitze, im Hause Red Bull-Bora-hansgrohe im vergangenen Jahr eher nicht funktioniert, als sich bei der Tour de France Primož Roglič und Lipowitz eher nicht in Sachen Teamwork ergänzten. Doch obwohl der schwächelnde Kapitän seinen starken Junior-Partner kaum unterstützte, betont Lipowitz: „Ich habe mit Primož Roglič ein gutes Verhältnis. Wir haben am Ende erreicht, was wir erreichen wollten. Ich glaube, da ist kein böses Blut.“

Lipowitz arbeitet derweil leise an seinen Schwächen. Bei den Leistungen an Bergen bis fünf Minuten und bei den Spitzenbelastungen für Attacken am Berg möchte er sich verbessern. „Ich habe noch genug Potenzial, mich zu verbessern“, glaubt er selbst. Am Ende wird die wahre Hierarchie draußen auf der Landstraße festgelegt, nicht bei Strategiegesprächen hinter den Kulissen. Der geduldige, fleißige und leidensfähige Lipowitz ist bisher immer an sein Ziel gekommen.

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