Emil HerzogErste Kostproben im Klassikerbereich

Sebastian Lindner

 · 28.10.2024

Emil Herzog (r.) ist zurück. Nach einem Jahr beim US-amerikanischen U23-Team Hagens Berman Axeon wurde der 20-Jährige aus dem eigenen Nachwuchs bei einer Pressekonferenz von Bora-Hansgrohe auf Mallorca als Neuzugang vorgestellt.
Foto: picture alliance/dpa/Clara Margais
Zu Beginn der Saison 2024 hatte TOUR den Blick auf zehn Youngster geworfen, die gute Chancen auf einen Durchbruch im Peloton der Profis haben. So lief das Jahr für Emil Herzog.


Was wäre das für ein Auftakt gewesen. 19 Jahre alt, erst der fünfte Renntag als Profi. Und Emil Herzog jubelte schon bei der Trofeo Palma auf Mallorca. Doch dann musste er feststellen, dass er zwar den Zielstrich überquert hatte, aber noch zwei Runden zu fahren waren. Kleinlaut ließ er sich ins Feld zurückfallen, musste dann selbst den Kopf schütteln, während er durchs Peloton gereicht wurde.

Wie es zu dieser eigenwilligen Szene kommen konnte, ob es Kommunikationsprobleme oder die Zuschauer im Zielbereich und am TV-Bildschirm Zeugen der “Team-Taufe” eines forschen Jungprofis wurden - unklar. Doch zeigte die Szene so oder so einen tiefen Einblick in den Verlauf der ersten Saison als Profi für den Junioren-Weltmeister von 2022. Denn Herzog präsentierte sich immer wieder angriffslustig, voller Selbstvertrauen und manchmal vielleicht auch etwas vorlaut.

Guter Saisonstart für Herzog in Spanien und Arabien

Nach einem Jahr in der US-amerikanischen Talenteschmiede Hagens Berman Axeon unterschrieb Herzog, der aus dem Nachwuchsteam von Bora-Hansgrohe, Team Auto Eder, den Schritt über den großen Teich gemacht hatte, einen Vertrag beim einzigen deutschen Team mit World-Tour-Lizenz. Das sei schon kurz nach der Juniorenzeit geplant worden, sagte der Bayer aus Simmerberg im Allgäu bei seiner Vorstellung Anfang des Jahres bei einer Pressekonferenz. Das nahezu verschenkte Jahr in den USA, in dem er aufgrund einer verschleppten Entzündung im Herzen kaum Rennen fahren und geschweige denn Leistung bringen konnte, habe bei der schnellen Rückkehr keine Rolle gespielt.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Umso wichtiger war es für den Youngster, der in seiner Neoprofi-Saison austesten wollte, wo wirklich seine Stärken liegen, gut in die Saison zu starten. Die Form passte bereits auf Mallorca. Und wenn er nicht gerade zu früh jubelte, war er ein guter Helfer für Aleksandr Vlasov, als der seine ersten Podestplätze einfuhr. Anschließend reiste Herzog mit dem Team in den Oman. Bei der Muscat Classic zeigte er sich wieder als Ausreißer. Erst am Schlussanstieg, keine zehn Kilometer vor dem Ende, wurde er von einem hart arbeitenden Feld wieder gestellt.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Herzog in Flandern jüngster Starter überhaupt

Dann stand für Herzog bereits die wichtigste Zeit des Jahres an. Denn den Fokus hatten Team und Jungprofi auf die Klassiker gelegt. Dort sollte er zeigen, was in ihm steckt. Teilweise auch in freier Rolle, denn einen echten Kapitän hatte Bora-Hansgrohe 2024 für dieses Gelände nicht. Vom Omloop Het Nieuwsblad Ende Februar bis Paris-Roubaix Anfang April stand für Herzog also eine komplette Klassiker-Kampagne im Plan.

Die Monumente erwiesen sich dabei mit ihren Längen von mehr als 250 Kilometern zwar noch als zu umfangreich für Herzog. In Roubaix erreichte er das Ziel erst außerhalb des Zeitlimits. Bei der Flandern-Rundfahrt erreichte der 19 Jahre und 177 Tage alte Jungprofi - und damit mutmaßlich der jüngste Starter in der Geschichte des 1913 erstmals ausgetragenen Events überhaupt, mindestens aber seit 1960 - das Ziel als einer der letzten. Immerhin beendete er aber beide Rennen, sammelte wichtige Erfahrungen.

Doch beim E3 Preis, der kleinen Flandern-Rundfahrt, die über die gleichen Anstiege führt, aber etwas kürzer ist, konnte Herzog durchaus überzeugen. Noch bis 40 Kilometer vor dem Ziel gehörte er zur stark besetzten Verfolgergruppe, die Jagd auf den späteren Sieger Mathieu van der Poel machte und die Plätze hinter ihm ausfuhr. Und vielleicht wäre er noch weiter gekommen, wäre er nicht bedrängt von einem Fahrer aus dem Team Israel-Premier Tech in einen Graben gerutscht und gestürzt. Sichtlich bedient sprach er im Nachhinein noch von seinem wahrscheinlich stärksten Rennen der Saison.

Top-Resultate für Herzog im Meisterschaftszeitfahren und bei Mailand-Turin

Dabei war er wenige Tage zuvor bei einem Abstecher nach Italien zu Mailand-Turin, dem ältesten Rennen des Radsports, Siebenter geworden und hatte damit das beste Ergebnis seiner Karriere auf internationaler Ebene eingefahren. Auch im Norden Italiens spielten mittellange Anstiege die Hauptrolle - Klassikerprofil, auch ohne Kopfsteinpflaster. Besser war Emil Herzog vom Ergebnis her nur bei den Deutschen Meisterschaften im Zeitfahren, da wurde er Sechster.



Kurz vor den Deutschen Meisterschaften war Herzog noch in Slowenien unterwegs. Bei der dortigen Rundfahrt zeigte sich Herzog einmal mehr offensiv und aggressiv, allerdings nicht nur mit den Beinen. Auf der 3. Etappe hatte er sich einmal mehr als Ausreißer betätigt, gut 25 Kilometer vor dem Ziel schloss er zu Mathieu Burgaudeau auf. Der wollte in der Folge nicht mehr mitfahren, woraufhin Herzog seinen arrivierten Mitfahrer vor laufender Kamera deutlich anranzte.

Eine deutliche Ansage für einen Neo-Profi, der er jedoch keine Taten folgen lassen konnte. Ein paar Kilometer später wurden beide gemeinsam gestellt. Vielleicht fällt es in die Kategorie Lehrgeld, die Herzog in solchen Situationen zahlen muss. Kann er sein Temperament aber zügeln und in Energie für die Beine ummünzen, könnte ihm diese gewisse Portion Kühnheit auch noch zugute kommen.

Neue Klassikerfraktion bei Red Bull dürfte Herzog entgegenkommen

In der zweiten Saisonhälfte blieb Herzog eher unauffällig. Im italienischen Klassikerherbst zeigten die Ergebnisse nochmal nach oben, auch ohne absolute Topform kann er sich auf diesem Geläuf bereits gut behaupten. Was ebenfalls dafür spricht, dass der Allgäuer bereits seine Domäne gefunden haben dürfte.

Dass Red Bull Bora-Hansgrohe zur kommenden Saison mit Oier Lazkano, Jan Tratnik, Laurence Pithie, Gianni Moscon und den van-Dijke-Zwillingen Tim und Mick seine Klassikerfraktion deutlich aufpeppt, dürfte ihm auch entgegenkommen, denn mit ihnen zusammen kann er weiter wachsen. Ein möglicher Druck, Ergebnisse liefern zu müssen, lastet damit nicht mehr auf seinen Schultern. Allerdings geht vielleicht auch die freie Rolle verloren. Doch das wird ihn nicht davon abhalten, offensiv zu fahren.

Meistgelesen in der Rubrik Profi - Radsport