Emanuel Buchmann Porträt - Zu Besuch bei Deutschlands KlettertalentFoto: Getty Images

Profi - Radsport Aktuelles Emanuel Buchmann Porträt - Zu Besuch bei Deutschlands Klettertalent

Unbekannt

 8/28/2018, Lesezeit: 8 Minuten

Bei der Spanienrundfahrt 2018 hat Emanuel Buchmann endgültig seine Klasse gezeigt. Woher kommt Deutschlands neues Klettertalent? Unser Besuch bei dem stillen Ravensburger 2016 ist immer noch aktuell.

Rauf, runter, rechts, links, über Kuppen und durch Senken, vorbei an Gehöften und kleinen Stauseen, durch Wäldchen und über Hochflächen mit Blick auf die verschneiten Berge, den Bregenzer Wald und den Säntis in der Schweiz. Immer mit wirbelndem Tritt, stets mit Zug auf der Kette. Leichtfüßig bergauf, als zöge ihn ein unsichtbares Seil, als gäbe es keine Schwerkraft, die das Klettern auf dem Rad beschwerlich macht. Schneller Blick, schwupp über die Hauptstraße, vorbeifliegend an Gruppen von Hobby-Radsportlern, unter der Autobahn durch, in der Abfahrt auf Tuchfühlung mit der Stoßstange vorausfahrender Autos. So geht das stundenlang; konzentriert, zügig, ohne einen Schweißtropfen auf der Haut, ohne einen schweren Atemzug. Wir sind unterwegs mit Emanuel Buchmann beim Training in seiner Heimat. Der 23-jährige Ravensburger soll die deutschen Radsport-Fans während der Tour de France bei den Bergetappen vor dem Fernseher fesseln, so hofft sein Teamchef Ralph Denk. "Er ist einer, der bei Etappenrennen großes Potenzial hat", sagt Enrico Poitschke, der Sportdirektor beim Team Bora-Argon 18 – der Mann, der es möglich gemacht hat, dass aus dem Talent überhaupt ein Radprofi geworden ist. Er traut dem stillen Oberschwaben zu, irgendwann unter den Top-Ten des Gesamtklassements bei Tour, Giro oder Vuelta zu landen.

Ein großes Versprechen. Dabei ist der dunkelhaarige Schlaks einer, der gar nicht so gerne im Mittelpunkt steht. Das Unwohlsein ist spürbar, wenn er etwa vor laufender Kamera Fragen beantworten soll. Dann bewegen sich seine Augen, als würden sie nach Antworten suchen, während er leise spricht. Aber das Gesicht bleibt unbewegt, ausdruckslos – selbst Leuten, die ihn lange begleitet haben, bleibt er manchmal ein Rätsel. Was denkt er? Was fühlt er? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen kann man den Eindruck gewinnen, dass Buchmann sich lieber auf dem Fahrrad als in Worten ausdrückt.

Dass er gerne schnell Rad fährt, hat Vater Manfred festgestellt, der seinen Sohn spaßeshalber mit Tempoverschärfungen am Berg triezte. Zehn Jahre später sitzt der Spross immer noch gerne im Rennsattel – inzwischen beruflich. "Er fährt einfach ums Verrecken gerne Radrennen", sagt Tobias Hübner, sein erster Trainer, der Buchmann als 13-Jährigen zum Radsport gelockt hat. "Aber er will nicht gewinnen, um im Mittelpunkt zu stehen", betont der Sportlehrer, der rund um Ravensburg immer wieder Talente von der Straße aufsammelt. "Ich habe lieber meine Ruhe", pflichtet Buchmann bei, als der Coach zum gemeinsamen Besuch bei ihm auf der Gartenterrasse in der Ravensburger Südstadt sitzt.

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Doch das wird zunehmend schwierig. Seit dem vergangenen Sommer ist Buchmann ein gefragter junger Mann. "Wir hätten nicht gedacht, dass er mal so weit kommt", sagt der Vater, ein Schreinermeister. Die Buchmanns sind eine zurückhaltende, unaufgeregte Familie – den Stolz der Mutter muss man schon herausfordern, sie beinahe zwingen, die Zeitungsausschnitte mit Geschichten über den Sohn aus dem Archiv zu holen. Vater Buchmann schreibt auf der Webseite seiner Möbelschreinerei: "Betten machen dauert bei uns leider etwas länger als im Märchen." Von daher rührt es vermutlich, dass Buchmann junior kein Träumer ist, keiner, der an Märchen glaubt, sondern an harte Arbeit, quasi ein radfahrender Handwerker, der nicht für sich wirbt, sondern an sich arbeitet und trainiert; erst als Fußballer, dann als Handballer und schließlich, als er merkte, dass er das am besten kann, als Radsportler. "Radfahren war in dieser Familie nie das Wichtigste", sagt Trainer Hübner. Unausgesprochen klingt es nach: Und das ist gut so.

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Die Familie ist vom Erfolg des Jüngsten überrollt worden, der immer noch im Haus der Eltern in seinem Souterrain-Zimmer mit Gartenterrasse wohnt. "Ich hätte vor zwei Jahren nicht gedacht, dass ich Deutscher Meister werden und die Tour de France fahren kann", sagt Deutschlands größtes Klettertalent. Im Spätsommer 2014 war er drauf und dran, ein Maschinenbau-Studium in Konstanz zu beginnen – den Studienplatz hatte er schon, einen Profivertrag für die folgende Saison nicht, obwohl seine Zeit als U23-Fahrer ablief und er gerade die Gesamtwertung der Rad-Bundesliga gewonnen hatte. Es hätte nicht viel gefehlt, und den Radprofi Buchmann hätte es nie gegeben. Aber er hat sich schon immer gegen Widerstände durchgesetzt, die Lücken gefunden. Mit 13, 14 Jahren kurbelte der stille Jüngling auf einem kleinen, roten Stevens-26-Zoll-Renner mit normalen Pedalen um die Obsthalle WLZ in Ravensburg, wie das alle Anfänger in der Radsportabteilung des KJC Ravensburg tun, weil sie dort sicher vor dem Verkehr sind. Obwohl es ihm Spaß machte, blieb der Erfolg zunächst aus. Noch in den Jugendklassen, erinnert sich Buchmann, sei er froh gewesen, überhaupt mal mit den Altersgenossen im Hauptfeld ins Ziel zu kommen – und einmal nicht abgehängt zu werden. Ans Siegen war nicht zu denken. "Die Berg- und Rundfahrer erkennt man im Kindesalter nicht. Dazu gehören Fleiß, Konsequenz, mentale Stärke", betont Trainer Hübner.

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Buchmann hat sich auch ohne Pokale jahrelang fürs Radfahren begeistert. Noch heute sagt er auf die Frage, was ihm daran gefalle: "Man ist viel in der Natur. Es gibt einem ein Gefühl von Freiheit. Und man lernt einige Leute kennen durch den Radsport." Offenbar Motivation genug, um wie im vergangenen Jahr 30.000 Kilometer im Rennradsattel zu sitzen – und das Pensum in diesem Jahr noch zu steigern. An den Rennen reizt ihn der Vergleich mit anderen, sagt er, und an die eigenen Grenzen zu gehen. "Man versucht besser zu sein – besser als andere." Er fordert mit seinen Pedaltritten heraus, nicht mit markigen Sprüchen. Buchmann hat im Vorjahr bei seiner Tour-Premiere seinen schwächelnden Kapitän Dominik Nerz geduldig eskortiert, obwohl er hätte schneller fahren können. Als dem entkräfteten Kumpel nicht mehr zu helfen war, stürmte Buchmann noch am selben Tag auf Rang drei der schweren Pyrenäen-Etappe nach Cauterets. Zielstrebig nennen ihn alle, die mit ihm gearbeitet, ihn betreut, ihn geführt und geformt haben. "Viel Eigenmotivation", sagt Hartmut Täumler, der langjährige Trainer des württembergischen Landesverbands, habe er zudem bei seinem Schützling beobachtet. Buchmann ist keiner, der den Traum seiner Eltern lebt. Eher selten, so beklagt sich der junge Sportler fast, hätten sie ihn zu Radrennen gefahren. Er hatte Förderer beim KJC Ravensburg wie den Ex-Rennfahrer Christoph Bulling, der ihn Wochenende für Wochenende zu Radrennen quer durch die Republik kutschierte. Buchmann war damals der Einzige in seiner Altersklasse. Seine wortlose Begeisterung, seine Beharrlichkeit scheint auch seine Förderer angesteckt zu haben.

Erst die Ravensburger, dann den strengen Landestrainer Täumler, in der Folge auch U23-Bundestrainer Ralf Grabsch, der ihn heute noch berät, und schließlich die Macher beim Team Bora, die sich die langfristige Förderung von Rundfahrtspezialisten zur Hauptaufgabe gemacht haben. Bevor er seine Unterschrift unter den Vertrag setzen durfte, wollte ihn Bora-Sportdirektor Poitschke noch bei der Tour de l’Avenir beobachten, der Tour de France für Nachwuchsfahrer. "Ich wusste, dass ich gut fahren muss", erinnert sich Buchmann. War das kein irrer Druck? Bei der letzten Chance, sich den Traum vom Profi-Dasein zu erfüllen? "Das ist schon Druck. Aber ein bisschen Druck ist nicht schlecht", sagt er. Er fuhr im Rennen der weltbesten Nachwuchsfahrer auf Rang sieben. "Druck aushalten, sich durchsetzen können", das sei wichtig, betont Täumler – gerade für die Leichtgewichte, für die es bei den oft flachen Nachwuchsrennen nur wenige Sieg-Chancen gebe. Nun hat sich alles gefügt, zu Jahresbeginn hat Buchmann seinen Vertrag bis Ende 2018 verlängert.

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Wie viel Bewegung Buchmann in den Radsport bringen kann, haben sie im Kleinen schon gemerkt. Die Gruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen beim KJC Ravensburg hatte bis zur Tour de France 2015 kein einziges Mitglied. Nach jenem Juli-Nachmittag, an dem die Ravensburger Kids den Nachbarsjungen im Fernsehen ganz vorne durch die Pyrenäen fahren sahen, hatte die Nachwuchsgruppe plötzlich zehn Mitglieder. Im Herbst folgte noch ein Schnuppertraining mit Buchmann – und bis auf einen sind alle Teilnehmer dabeigeblieben, ein gutes Dutzend. "Man kann ihn als Musterbeispiel für andere junge Rennfahrer verkaufen", sagt Täumler. Die Begeisterung könnte noch wachsen. In dieser Saison ist Deutschlands aufstrebender Bergfahrer wohl noch näher an den Besten. Das zeigte die Trentino-Rundfahrt Ende April: Dort fühlte Buchmann einigen der besten Bergfahrer wie Mikel Landa, Jean-Christophe Péraud, Romain Bardet und Domenico Pozzovivo auf der Bergstraße nach Fai della Paganella mit Tempoverschärfungen immer wieder auf den Zahn. Hinterher las er 385 Watt als Durchschnittsleistung für den Anstieg von seinem Radcomputer. Wenn bei der Messung kein Fehler passiert ist, dann wären das angesichts der 62 Kilo Körpergewicht des Ravensburger Klettertalents die 6,2 Watt/Kilogramm, die man aktuell braucht, um mit der Weltspitze während der Tour de France am Berg mitzuhalten. Nach dieser starken Kletterpartie spannte sich Buchmann vor die Spitzengruppe, um dem österreichischen Teamkollegen Patrick Konrad den Sprint um den Etappensieg anzuziehen.

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Es geht weiter aufwärts mit Emanuel Buchmann. Oben am Gipfel werden Journalisten warten und aufgeregte Fragen stellen. Der Radprofi wird sich dann vielleicht in die Ruhe seiner Gartenterrasse oder in die Hügel Oberschwabens zurückwünschen. Aber natürlich wird er höflich alle Fragen beantworten. "Er ist aufgetaut. Er hat gemerkt, die Leute interessieren sich für ihn und freuen sich, wenn er nicht nur ja und nein sagt", hat Teamkollege Nerz beobachtet. Dennoch scheint es ihm noch schwerzufallen. Für ihn ist wohl nicht der Weg zum Gipfel das Anstrengendste, sondern die Fragen im Ziel. Aber alle, die ihn kennen, sind sich sicher: Er wird deshalb nicht langsamer bergauf fahren. Und er wird sich auch durch diesen Teil des Radsports durchbeißen wollen.