Es war ein ehrgeiziges Projekt: Für die Saison 2025 ordnete Lotte Kopecky alles dem großen Ziel unter, bei der Tour de France ganz vorne zu landen. Bei den schwersten Etappenrennen im Rennkalender der Frauen, der Tour de France Femmes und dem Giro d’Italia Women, war sie zuvor bereits jeweils Zweite gewesen - das machte Lust auf mehr. Doch der Angriff aufs Gelbe Trikot scheiterte im vergangenen Jahr krachend. Beim Giro wenige Wochen zuvor gab sie auf, in Frankreich erreichte sie dann Gesamtrang 45 mit 1:16 Stunden Rückstand auf die Siegerin Pauline Ferrand-Prévot. Im Kampf um den Gesamtsieg spielte die Belgierin nie eine Rolle. Ein elfter Etappenrang war das beste Tagesergebnis. Die Saison rettete der Fakt, dass sie zuvor im April die Flandern-Rundfahrt zum dritten Mal gewonnen hatte. Bei Mailand-San Remo spannte sie sich für die noch sprintschnellere Teamkollegin Lorena Wiebes ein; die Niederländerin bekam auch bei Paris-Roubaix den Vortritt. Kopecky, die Straßen-Weltmeisterin der Jahre 2023 und 2024, hatte ihren Fokus schon ganz auf ihre Ambitionen bei der Tour gelegt.
“Ich bin mit der vergangenen Saison sicher nicht zufrieden. Aber ich habe viel gelernt”, sagt Kopecky beim Rückblick auf die vergangene Saison. “Ich habe bei der Tour nicht gezeigt, was ich kann. Und ich habe herausgefunden, dass das nichts für mich ist.” Sie meint: eine ganze Saison einem einzigen Ziel unterzuordnen. Das Projekt will sie vorerst nicht wiederholen. Die Tour steht 2026 bei ihr nicht im Fokus. “Es wäre zu viel Risiko, noch einmal alles darauf zu setzen”, betont sie. Einen neuen Versuch als Klassementfahrerin soll es allenfalls geben, wenn der Parcours für sie maßgeschneidert wäre. Aber eine Tour-Strecke gemacht für Klassikerspezialistinnen? Das ist eher nicht zu erwarten.
Nun will sich die mittlerweile 30-Jährige auf alte Stärken zurückbesinnen. Das gab sie bei der Vorstellung ihres Teams SD Worx für die Saison 2026 bekannt. “Ich will mich auf das konzentrieren, worin ich gut bin”, sagte sie. Sie meint die Frühjahrsklassiker. “Diese drei Monate sind für mich der wichtigste Teil der Saison”, betonte sie. Erster Höhepunkt soll im Februar der Omloop Het Nieuwsblad (28. Februar) sein, es sollen Starts bei den Strade Bianche und Mailand-San Remo im März sowie bei Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix im April folgen. Die Führungsrolle wird sie sich bei einigen dieser Rennen mit der niederländischen Teamkollegin Lorena Wiebes teilen müssen, der aktuell schnellsten Sprinterin im Peloton. “Lorena und ich müssen klar kommunizieren”, betont Kopecky, die bei ähnlichen Rennen Stärken hat wie die sprintschnellere Wiebes. Sie sieht aber keine teaminterne Rivalität. Die Belgierin verweist auf erfolgreiche Jahre in der Vergangenheit, als diese Rollenteilung gut geklappt hat. Bei der Teampräsentation erklärte Wiebes zudem, dass ihr großer Höhepunkt im Frühjahr das Amstel Gold Race in ihrer Heimat, den Niederlanden, sein soll. Für Kopecky gibt es auch Ende April noch interessante Startmöglichkeiten bei Eintagesrennen. “Lüttich-Bastogne-Lüttich ist ein Rennen, das ich gewinnen kann”, sagt die Ex-Weltmeisterin. Im vergangenen Jahr war sie dort Fünfte.
Die Saison beginnt für Kopecky bereits am 1. Februar auf der Bahn. Dann will sie die EM in Konya in der Türkei bestreiten. “Dort sehe ich, wo ich stehe”, sagte die mehrmalige Bahnweltmeisterin. Bei der Teampräsentation betonte sie, dass sie gesund, fit und “glücklich” sei. Auf Einsätze im Cyclocross, in ihrer Heimat besonders populär, verzichtete sie in diesem Winter. In der Vergangenheit hatte sie die nationalen Meisterschaften und einige Weltcups bestritten. Sie blickt nach vorn und will das “sehr schlechte Jahr” 2025 schnell vergessen machen.