Julian Schultz
· 06.02.2026
“Ein Traum wird Wirklichkeit”: Auf dem offiziellen Social-Media-Account von Caja Rural wird sofort ersichtlich, welchen Stellenwert die erste Teilnahme an der Tour de France (4. bis 26. Juli) für das spanische Team einnimmt. Der Post bei Instagram steht seit einigen Tagen an oberster Stelle - und dürfte das vermutlich auch noch eine Weile bleiben. Schließlich wird der Zweitdivisionär aus Nordspanien in wenigen Monaten erstmals für ein Millionenpublikum sichtbar werden und kann sich sowie seine Sponsoren medienwirksam in Szene setzen.
Das heutige Caja-Rural-Team rekrutierte sich einst aus dem Club Ciclista Burunda. Ein Radsport-Verein aus dem baskischen Alsasua, der einige World-Tour-Profis hervorbrachte. Zu den prominentesten Namen zählen Egoi Martínez, der 2006 im Trikot von Euskaltel-Euskadi das Bergtrikot bei der Vuelta gewann, oder Patxi Vila, der nach seinem Karriereende bei Lampre in die Sportliche Leitung wechselte und sich aktuell bei Red Bull Bora-hansgrohe um Florian Lipowitz & Co. kümmert. Caja Rural hält seit 2010 eine Profi-Lizenz, als namensgebende Hauptsponsoren fungieren das spanische Pendant zur Volks- und Raiffeisenbank (Caja Rural) und deren hauseigener Versicherer (Seguros RGA).
In jüngerer Vergangenheit ließ der Rennstall speziell bei der vergangenen Spanien-Rundfahrt aufhorchen. Hinter den finanzstarken Mannschaften von UAE, Visma und Red Bull belegte Caja Rural 2025 den vierten Platz in der Teamwertung und legte damit den Grundstein für eine der beiden Wildcards von der A.S.O. Die Spanier erhielten unter anderem den Vorzug vor den Unibet Rose Rockets, die viele Experten aufgrund der französischen Rennlizenz und namhafter Zugänge um Dylan Groenewegen bereits bei der Tour sahen.
“Wir sind nach dem gleichen Prinzip wie in den Vorjahren vorgegangen. Sprich: Wir haben die Zweitliga-Gesamtwertung am Ende der Saison 2025 herangezogen”, gab Tour-Direktor Christian Prudhomme einen Einblick in das Vergabeverfahren. “Caja Rural ist 25., aber durch das Aus von Arkea-B&B Hotels und die Fusion zwischen Lotto und Intermarché entspricht das Rang 23”, ergänzte er gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP. Dass die 113. Auflage der Tour de France in Spanien, genauer gesagt in Barcelona startet, dürfte die Entscheidung der A.S.O. ebenfalls beeinflusst haben.
Prudhomme ließ zumindest durchblicken, dass Caja Rural neben der sportlichen Qualifikation auch aufgrund seiner spanischen Historie erstmals bei der Tour starten darf. Der Rennchef stellte dabei exemplarisch Abel Balderstone heraus. “Er ist natürlich Spanier, aber auch Katalane”, so Prudhomme über den Klassementfahrer mit dem nicht unbedingt spanisch klingenden Nachnamen. Für die Rockets verteilte der mächtige Tour-Boss dagegen eine kleine, verbale Watschn: “Sie geben gar nicht vor, französisch zu sein, sie haben mehr niederländische Fahrer.”
Das Tour-Aufgebot von Caja Rural steht so früh in der Saison natürlich noch nicht fest. Besagter Abel Balderstone dürfte sich eines Startplatzes aber sicher sein. Der 25-Jährige stammt nämlich nicht nur aus dem Großraum Barcelona, wo die Tour de France mit einem Teamzeitfahren startet, sondern hat auch sportlich etwas zu bieten. Mit Gesamtrang 13 bei der Vuelta war er in der vergangenen Saison der beste spanische Fahrer bei einer Grand Tour, zudem sicherte er sich den nationalen Titel im Zeitfahren.
Der namhafteste Caja-Rural-Fahrer ist Neuzugang Fernando Gaviria, der als einziger Profi im Kader bereits Erfahrungen bei der Tour de France gesammelt hat. 2018 fuhr der Kolumbianer nach einem Sprintsieg zum Auftakt ins Gelbe Trikot und ließ einen weiteren Etappensieg folgen. Eine Tour beendet hat der 31-Jährige, der zwischenzeitlich auch für UAE Team Emirates fuhr, allerdings noch nicht. Den bislang größten Erfolg feierte Gaviria 2017 mit dem Gewinn der Punktewertung beim Giro d’Italia.
Neben Caja Rural-Seguros RGA wird mit MMR auch ein hierzulande relativ unbekannter Fahrradhersteller erstmals bei der Frankreich-Rundfahrt präsent sein. Die Marke aus Avilés an der spanischen Atlantikküste stattet das Team seit 2022 mit Material aus - und wählte nach der Wildcard-Vergabe ebenfalls bedeutungsschwangere Worte: “Für uns ist diese Tour nicht nur ein Rennen. Sie ist die Bestätigung einer Reise, die wir seit Jahren gemeinsam unternehmen.”
Spannend wird sein, welche Rennmaschinen von MMR auf dem Weg von Barcelona nach Paris zu sehen sein werden. Denn bei den ersten Rennen der noch jungen Saison wie der Alula Tour oder Valencia-Rundfahrt war ein bislang unveröffentlichtes Modell im Einsatz. Der spanische Fahrradbauer deutete zudem an, dass “bald neue Modelle veröffentlicht werden”. Die neue Rennmaschine folgt dem Konzept eines modernen Race-Allrounders und soll vermutlich den schwierigen Spagat aus geringem Gewicht und guter Aerodynamik schaffen.
Das unbekannte Bike, zu dem bislang keine Infos durchgesickert sind, würde sich damit zwischen den beiden offiziellen Teamrädern von MMR einreihen: Das Adrenaline SL kommt bei Caja Rural vorwiegend auf anspruchsvollen Bergetappen zum Einsatz, das Adrenaline Aero versteht sich als Spezialist für flaches Terrain und war in den bisherigen Rennen das Hauptarbeitsgerät von Gaviria. Am Ende des Tages wird es Balderstone & Co. vermutlich egal sein, welches Material ihnen zu Verfügung gestellt wird. Schließlich werde für das Team allein mit der Tour-Premiere ein Traum Wirklichkeit.