“Das Format ist supercool”Emma Hinze im TOUR-Interview über die European Championships

Andreas Kublik

 · 21.09.2022

“Das Format ist supercool”: Emma Hinze im TOUR-Interview über die European ChampionshipsFoto: Imago

Emma Hinze aus Cottbus gewann in den Bahnsprint-Wettbewerben bei den European Championships in München dreimal Gold. Im TOUR-Interview spricht die 25-Jährige über die Begeisterung der Fans, schwere Entscheidungen, den neuen Bundestrainer und warum sie Sushi mag.

Emma Hinze - zur Person

  • Geboren: 17.9.1997, Hildesheim
  • Wohnort: Cottbus
  • Größe: 1,68 Meter
  • Gewicht: 63 Kilogramm
  • Beruf: Sportsoldatin
  • Familienstand: liiert mit Maximilian Levy
  • Team: Track Team Brandenburg (seit 2017)

Wichtige Erfolge

  • 2020 Weltmeisterin Sprint, Keirin, Teamsprint
  • 2021 Weltmeisterin Sprint, Teamsprint, Olympia-Silber Teamsprint
  • 2022 Europameisterin Sprint, 500-Meter-Zeitfahren, Teamsprint
Foto: Getty Velo

Emma Hinze im TOUR-Interview

Interview Andreas Kublik

Verlagssonderveröffentlichung

TOUR: Wie haben Sie die European Championships in München erlebt?

Emma Hinze: Es war richtig verrückt, aber auch schön und sehr hart. Ich finde auch das Format supercool, dass so viele Sportarten dabei waren und wir im Bahnradsport so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Es waren ganz andere Medien vor Ort als sonst. Und die Zuschauer waren richtig begeistert - das war voll cool! Und das alles im eigenen Land!

TOUR: Und Sie waren sehr erfolgreich als beste Teilnehmerin mit dreimal Gold …

Hinze: Ja, auch mit meinen Ergebnissen bin ich sehr zufrieden, die ich so gar nicht erwartet habe: Weltrekord auf Sea Level (im 500-Meter-Zeitfahren auf Meereshöhe; Anm. d. Red.). Und im Sprint war ich richtig stolz, dass ich mich durchgekämpft habe, obwohl ich mich nicht so gut gefühlt habe. Der 2:1-Sieg im Finale war heftig!

TOUR: Trotz großer Übelkeit lagen Sie im Fotofinish im dritten und entscheidenden Lauf um Reifenbreite vor der Französin Mathilde Gros. Wann war Ihnen klar, dass Sie auch bei Ihrem dritten Start Gold gewonnen haben?

Hinze: Tatsächlich erst, als die Zuschauer nach einer Weile ge­jubelt haben. Ich hatte meinen Kopf beim Tigersprung unten. Da habe ich gar nicht gesehen, ob es gereicht hat. Man sieht ja auf den Videos, dass ich erst mal planlos schaue.

TOUR: Apropos, planlos schauen: Sie sind bekannt für den geplanten, bösen Blick zu Ihren Konkurrentinnen vor dem Start. Üben Sie den vor dem Spiegel?

Hinze: (lacht) Nein, den übe ich nicht. Das hat sich entwickelt. In der Berichterstattung von der Track Champions League (neues Format der UCI im Bahnradsport mit Live-Übertragung; Anm. d. Red.) wurde darüber viel berichtet und das Ganze gehypt.

TOUR: Ihre Finalgegnerin Mathilde Gros gab Kontra, blickte intensiv zurück. Ist das neu für Sie?

Hinze: Es ist nicht ganz neu. Ich fand das cool, dass sie das so gemacht hat (gluckst) - zwischen uns beiden hat die Luft gebrannt!

Das Format ist supercool!

TOUR: Wofür ist der Blick gut?

Hinze: Zum einen schaue ich einfach auf den Gegner und was direkt am Start passiert. Aber es ist auch psychologisch - wenn man wegschaut, sagt das ja was ...

TOUR: Es war die erste Großveranstaltung mit dem neuen Bahnsprint-Bundestrainer Jan van Eijden. Was macht er anders als sein Vorgänger Detlef Uibel?

Hinze: Er ist ganz anders, lockerer, lässt uns viel mehr mitentscheiden, er fragt auch. Man kann mit ihm über alles reden. Er versucht, mit uns Lösungen zu finden, mit denen alle zufrieden sind. Aber er hat auch gesagt, dass er nicht alles verändern will, weil ja funktioniert hat, was wir bisher gemacht haben.

TOUR: Kommt Ihnen diese neue Arbeitsweise entgegen?

Hinze: Wenn man weiß, was man wann, wo, wie machen will, kommt einem das entgegen. Für Leute, die keinen Plan ­haben, ist das eher nichts. Aber ich habe einen Plan.

TOUR: Uibel hat die Bahn, die in der Münchener Messehalle eigens für die EM auf­gebaut worden war, zuvor kritisiert - zu kurz, zu eng, zu gefährlich für den modernen, schnellen Bahnradsport. Wie sehen Sie das?

Hinze: Ich habe das auch am Anfang gedacht. Es war anders, aber nicht ganz so schlimm, wie ich zuvor dachte. Ich würde lieber auf einer 250-Meter-Holzbahn fahren - aber für das eine Mal war es okay.

TOUR: Sie haben dreimal Gold gewonnen: im Teamsprint, im 500-Meter-Einzelzeitfahren und im Einzel-Sprint - was hat am meisten Spaß gemacht?

Hinze: Die 500 Meter – der Titel war für mich unerwartet, ich wollte da einfach mal mitmachen, nachdem ich diesen Wettbewerb ewig nicht mehr gefahren bin. Eigentlich wollte ich nur Spaß haben. Dann zu gewinnen, und die ganze Halle tobt - das war richtig cool. Der Sprintwett­bewerb zum Abschluss war für mich eine reine Quälerei.



TOUR: Danach haben Sie auf die Teilnahme am Keirin verzichtet, wobei eine weitere Medaille möglich gewesen wäre. Warum?

Hinze: So eine Entscheidung ist nie einfach - auch nicht, den anderen zuzuschauen. Aber ich habe gelernt, auf meinen Körper zu hören. Und der hat gesagt: Es reicht! Ich hatte mich in fünf Tagen achtmal warm gefahren. Es waren fünf Tage lang Vollgas - und ich will bei der WM fit sein, wollte daher kein Risiko eingehen.

Emma Hinze, erfolgreich, aber abgekämpft: nach drei Goldmedaillen in München verzichtete sie danach auf weitere StartsFoto: Imago
Emma Hinze, erfolgreich, aber abgekämpft: nach drei Goldmedaillen in München verzichtete sie danach auf weitere Starts

TOUR: Wer entscheidet in solchen Fällen letztlich?

Hinze: Ich fühle und entscheide das - weil es mein Körper ist. Aber ich spreche das schon mit meinem Bundestrainer ab und sage nicht einfach, so ist es. Wir führen darüber einen ordentlichen Dialog!

TOUR: Die WM findet vom 12. bis 16. Oktober 2022 nahe Paris auf der Olympia-Bahn von 2024 statt. Was sind Ihre Ziele dort?

Hinze: Es gibt keine Garantie, dass es bei der WM funktioniert, weil ich bei der EM etwas weggelassen habe. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es geht für mich nicht um das Weltmeister-Trikot. Das erwarte ich - das erwarten andere. Auch wenn ich es nicht als selbstverständlich ansehe, dass es immer so klappt wie gewünscht. Ich bin auch nur ein Mensch.

TOUR: Planen Sie dort Starts in allen vier Wettbewerben?

Hinze: Das ist noch nicht mit dem Bundestrainer besprochen. In den Disziplinen, in denen ich Weltmeisterin bin, habe ich meinen eigenen Startplatz. Aber vier Disziplinen - das ist sehr hart, das habe ich gesehen. Ich entscheide das nicht so gerne vorher. Ich gucke lieber: Wie fühle ich mich? Geht das noch?

TOUR: Wie schöpfen Sie Kraft zwischen einer erfolgreichen Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft?

Hinze: Auf jeden Fall gaaaaaanz viel essen! Das habe ich die letzte Woche gemacht (unmittelbar nach der EM; Anm. d. Red.): viel gegessen, viel geschlafen. Ich habe mich ausgeruht - auch mal einen ganzen Tag gegammelt. Und mich mit Leuten getroffen, die mir guttun - die mir positive Energie geben.

TOUR: Jetzt wollen natürlich alle wissen: Was isst man, wenn man wie Sie Sprint-Weltmeisterin werden will?

Hinze: Sushi! Das schmeckt einfach voll lecker!