Leon Weidner
· 01.09.2025
TOUR: Ihre Karriere begann eigentlich im Triathlon. Warum haben Sie damit aufgehört und sind in den Radsport gewechselt?
Anton Schiffer Es waren zwei Faktoren, die in die Entscheidung mit reingespielt haben. Zum einen hatte ich häufig Verletzungsprobleme beim Laufen, ein so genanntes Cam-Impingement. Das ist eine knöcherne Deformation im Hüftgelenk und insbesondere am Oberschenkelhals. Ich habe deswegen immer wieder längere Laufpausen eingelegt und es wurde auch operiert, aber es hat sich leider nicht geändert. Schon zu der Zeit habe ich mich in den Laufpausen mehr dem Radfahren gewidmet. Als dann während der Coronapandemie die Schwimmbäder zu hatten und es keine Wettkämpfe gab, war ich gezwungenermaßen mehr auf dem Rad unterwegs. Das hat mir echt Spaß gemacht, so dass sich der Fokus immer mehr aufs Radtraining verschoben hat.
TOUR: Ihr erstes Radrennteam war dann 2023 Team Bike Aid?
Anton Schiffer: Ja. Davor bin ich auf Hobbyniveau gefahren, Rennen wie Rund um Köln, Eschborn-Frankfurt, aber auch einige Radmarathons wie den Ötztaler oder den Arlberg-Giro. Dazu ein paar lokale Kriterien und Rundstrecken-Rennen. 2023 bin ich dann ins Development Team von Bike Aid gekommen. Das ist zwar ein Amateur-Team, es arbeitet aber relativ eng mit dem Continental Team von Bike Aid zusammen. Nach sieben Monaten im Development Team bin ich dann zum August 2023 ins Continental Team gewechselt.
TOUR: Sieben Monate sind eine relativ kurze Zeit?
Anton Schiffer: In der Regel wechselt jedes Jahr der Beste aus dem Amateur-Team ins Continental Team. Ich bin ein paar Bundesliga-Rennen ganz ordentlich gefahren, war da der Beste, aber jetzt auch nicht der Überflieger. Trotzdem gab es ein paar Telefonate mit Matthias Schnapka, dem Leiter des Continental Teams. Er war dann überzeugt, mich als Triathleten aufzunehmen, anfangs aber auch ein bisschen skeptisch, ob das alles so klappt.
TOUR: Triathleten wird ja oft nachgesagt, keine guten Radrennfahrer zu sein. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Anton Schiffer: (lacht) Ja, das stimmt. Andererseits ist es vielleicht auch ein Vorurteil. Ich bin im Triathlon über die Sprintdistanz angetreten, da ist der Rad-Split im Prinzip auch schon ein Radrennen. Vielleicht nicht so schnell und nicht so aggressiv, aber das Fahren in der Gruppe, wie man kreiselt, wie man ein Hinterrad sauber hält und um die Kurve fährt, war mir nicht komplett neu. Trotzdem bin ich eher der vorsichtigere Fahrer. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mich in den letzten Jahren weiterentwickelt habe. Bei einem Rennen wie der Deutschland Tour ist es aber schwierig, sich als Continental-Fahrer gegen die World-Tour-Teams durchzusetzen. Das liegt weniger an den Fähigkeiten, sondern viel mehr am Trikot. Als Continental Team vorne mitzufahren, wenn Mannschaften wie Visma und UAE dabei sind, ist schwierig.
TOUR: Sie haben schon einmal versucht, über die Zwift Academy einen Profivertrag für 2024 zu ergattern. Das hat nicht geklappt. Was haben Sie daraus gelernt?
Anton Schiffer: Es war auf jeden Fall eine coole Erfahrung, und es hat mir gezeigt, dass ich zumindest von den Werten her das Zeug dazu habe. Und auch die Erfahrung, mit Mathieu van der Poel und Jasper Philipsen dort in einem Hotel sein zu sein, das war schon cool.
TOUR: Die Jury hatte damals bei Ihrem jüngeren Konkurrenten mehr Entwicklungspotenzial gesehen. Sie sind bald 26 - spüren Sie da Unterschiede im Vergleich zu ganz jungen Fahrern?
Anton Schiffer: Wenn man zwei gleich gute Fahrer hat, der eine 25 Jahre, der andere 18, dann liegt die Vermutung nahe, dass der 18-Jährige noch mehr Potenzial hat, sich sportlich weiterzuentwickeln. Andererseits: Bei einem 18-Jährigen aus einem Juniorenteam, der schon sein ganzes Leben wie ein Radprofi verbringt, ist vielleicht auf der sportlichen Ebene gar nicht mehr so viel rauszuholen wie bei einem Quereinsteiger aus einer anderen Sportart. Zu meiner Triathlon-Zeit habe ich um die 300 bis 400 Stunden Rad im Jahr trainiert, das ist im Radsport wahrscheinlich ein Drittel von dem, was man als World-Tour-Fahrer macht. Da hat man schon noch Potenzial, sich im Training weiterzuentwickeln. Ansonsten ist man als älterer Fahrer vielleicht schon psychisch gefestigter. Man lässt sich nicht mehr so einfach aus der Ruhe bringen, wenn man mal im Training einen schlechten Tag hat. Ich habe ein abgeschlossenes Studium, war auch schon selbstständig berufstätig. Ich musste nicht alles darauf setzen, einen Profivertrag zu bekommen. Mein Leben wäre wahrscheinlich anders, aber genauso gut verlaufen, hätte ich es nicht geschafft - und das hat mir eine gewisse Gelassenheit gegeben.
Vom Team Visma wurde mein Alter gar nicht negativ gesehen; meine Befürworter meinten, dieser Wahn, immer jüngere Fahrer zu verpflichten, sei auch schwierig, weil man nicht weiß, wie die sich entwickeln. Jeder sucht heutzutage den nächsten Evenepoel oder Pogačar im Junioren-Peloton, aber es gibt auch sportwissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Erfolgskriterien in den Juniorenjahren deutlich andere sind als in der Elite. Wenn man nur nach den besten Junioren scoutet, vernachlässigt man wahrscheinlich viele Talente, die dann auf der Strecke bleiben. Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu. Visma geht immer wieder andere Wege, sie haben zum Beispiel Bart Lemmen verpflichtet, der auch schon etwas älter war. Primož Roglič ist ein bekanntes Beispiel mit seiner Skispringer-Karriere. Auch mein neuer Kollege Niklas Behrens kommt ja aus dem Triathlon. Er hat einen ähnlichen Hintergrund wie ich, aber ist nochmal ein paar Jahre jünger.
TOUR: Sie haben Ihr Studium der Sportwissenschaften schon kurz angeschnitten. Neben Ihrer eigenen Karriere haben Sie auf selbstständiger Basis Leistungstests gemacht und als Trainer gearbeitet. Wie haben Sie das unter einen Hut bekommen?
Anton Schiffer: Als Radfahrer hat man den Komfort, dass man nur einmal am Tag trainieren muss – im Gegensatz zu Triathleten. Wenn ich zurückblicke, war meine Schulzeit mit zwei Einheiten pro Tag, Joggen in der Freistunde und abends Schwimmen, stressiger als die Zeit mit Studium, Jobben und Radsport. Und wenn sich der Job wie ein Hobby anfühlt, empfindet man viel Arbeit auch nicht so als Stress. Im Prinzip habe ich das gemacht, womit ich mich in meiner Freizeit sowieso beschäftigt hätte und dafür Geld bekommen.
TOUR: Seit der Zwift Academy zeigt Ihre Leistungskurve ziemlich steil nach oben. Wie erklären Sie sich das?
Anton Schiffer: Meine reine Kurzzeitleistung, beziehungsweise die physiologischen Komponenten, haben sich eigentlich gar nicht so sehr verändert. Meine VO2max (maximale Sauerstoffaufnahme, Anm.d. Red.) war auch schon vor zwei Jahren gut, sechseinhalb Watt pro Kilogramm Körpergewicht konnte ich auch da schon über 20 Minuten fahren. Es sind eher die Softskills. Im Peloton fahren, sich positionieren, die Länge der Rennen; die aufeinanderfolgenden Renntage, wie man das im Radsport häufig hat, aber im Triathlon halt gar nicht. Das kann ich mittlerweile besser verkraften und bin nicht am zweiten oder dritten Tag angeknockt. Auch viele submaximale Leistungsparameter haben sich weiterentwickelt, zum Beispiel Laktatschwellen, die Effizienz und die Fettverbrennung. Auch im niedrigintensiveren Bereich habe ich meine Leistung deutlich verbessert. Das sieht man gar nicht so sehr an reinen Watt-Rekorden. Aber ich sehe es, weil ich mich im Job auch relativ viel selbst getestet habe.
TOUR: In dieser Saison konnten Sie mit einigen vorderen Platzierungen auf sich aufmerksam machen, etwa dem zweiten Platz bei der Tour of Hellas, dem Etappengewinn bei der Sibiu Cycling Tour und dem dritten Platz bei der Deutschen Meisterschaft. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?
Anton Schiffer: Im Jahr mit der Zwift Academy war mein Saisonaufbau nicht ganz so, wie man es machen würde, wenn man sich auf eine Saison als Straßenfahrer vorbereitet. Ich musste auf das Highlight im Januar, die Finals, in der Trainingsperiodisierung Rücksicht nehmen. Im vergangenen Winter konnte ich es ein bisschen ruhiger angehen lassen, habe deutlich mehr im Ausdauerbereich trainiert und mich einem eher klassischeren Periodisierungsmodell hingegeben. Man merkt dann in der Saison, dass man eine andere Grundlage hat.
Im vergangenen Jahr war auch die Verpflegung im Rennen ein Thema. Ich habe immer wieder mal vergessen, jede halbe Stunde das Gel zu nehmen. Da bekommt man die Quittung bei langen Radrennen relativ schnell und die besten Leistungswerte bringen nichts mehr, wenn man am Hungertuch nagt (lacht). Das habe ich in diesem Jahr verbessert. Ich hatte auch im vergangenen Jahr schon gute Ergebnisse, insofern sehe ich da keinen Schnitt, sondern eher eine stetige Entwicklung. In diesem Jahr lief es auch nicht immer überall supergut. Bei Rund um Köln war ich durch schlechte Positionierung abgehängt und nicht mehr im Finale dabei, bei der Deutschland Tour habe ich auch nicht so glänzen können.
TOUR: In der Pressemitteilung zu Ihrem Wechsel in das Team Visma-Lease a Bike steht, dass Sie sich vor allem auf das professionelle Umfeld freuen. Worin sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Continental Team und World-Tour?
Anton Schiffer: Man ist in einem Continental Team für viele Dinge selbst verantwortlich, wie zum Beispiel das Material. In Bereichen, in denen wir keine Sponsoren haben, muss man sich eigene Teile kaufen, Reifen etwa oder einen Lenker. Man macht auch das Bikefitting selber. Bei einem Team wie Visma ist das natürlich anders, da hat jeder seinen eigenen Coach, mit dem er zusammenarbeitet. Auch das wird neu für mich sein. Ich habe mein ganzes Radsport-Leben keinen Trainer gehabt, mich immer selbst trainiert. Ab jetzt werde ich mit einem Trainer vom Team zusammenarbeiten und der hat weitere Experten an seiner Seite, die mit mir Tests machen. Man hat einen Spezialisten, der mit einem die Ernährung durchgeht, und wir arbeiten mit einer Tracking-App. Dafür muss ich ab jetzt mein Essen abwiegen. Es sind schon viele Dinge, die sich ändern werden.
TOUR: Im Oktober sollen Sie in China bereits Ihr erstes World-Tour-Rennen bestreiten. Warum so kurzfristig?
Anton Schiffer: Das ist so geplant. Deswegen hat mich Visma schon ab Oktober ins Team geholt, weil sie dort auch noch einen Fahrer brauchten. Das Rennen in China, hört man zumindest, ist ein relativ entspannter Einstieg in die World-Tour, weil die Positionierung im Feld nicht allzu umkämpft sein soll und der Kurs nicht zu anspruchsvoll. Man fährt viel auf großen Straßen, und es sind viele Flachetappen dabei. Für den Einstieg gar nicht so schlecht. Da sind viele Rennen in Frankreich wahrscheinlich härter. Ist jetzt sehr einfach dahingesagt, wer weiß, vielleicht komme ich auch geläutert zurück (grinst).
TOUR: Gibt es eine klare Absprache mit den Verantwortlichen, beziehungsweise eine genaue Planung für Ihre künftige Rolle im Team?
Anton Schiffer: Für die Rennen gibt es schon klare Ansagen vom Team. Aber es ist jetzt nicht vertraglich festgehalten, welche Rolle ich spielen soll. Ich kenne auch mein Rennprogramm fürs nächste Jahr noch nicht, aber ich gehe schon davon aus, dass ich am Anfang viele Helferrollen übernehmen werde, um mich ins Team zu integrieren. Wenn große Namen mit einem im Team sind, bringt das auch Verantwortung. Nachführarbeit zu leisten oder ein Finale von vorne zu fahren, bin ich so noch gar nicht gewöhnt. Als Continental Team fahren wir eigentlich immer nur mit und hoffen, irgendwo im Finale dabei zu sein. Das wird sich auf jeden Fall ändern. Ich denke, es ist normal, dass man als Neo-Profi in der Teamhierarchie erst einmal unten anfängt. Aber auch darauf freue ich mich. Da habe ich auf jeden Fall immer etwas zu tun; als Continental-Fahrer rollt man manchmal einfach nur mit und wartet ab, was passiert. Es ist immer cooler, zu agieren, anstatt zu reagieren.
Werkstudent