Andrew AugustHolpriger Start ins Profileben

Sebastian Lindner

 · 31.10.2024

Andrew August hat seine erste Saison als Profi hinter sich. Eine mit mehr Tiefen als Höhen, doch das war zu erwarten.
Foto: Getty Images/Alex Broadway
Zu Beginn der Saison 2024 hatte TOUR den Blick auf zehn Youngster geworfen, die gute Chancen auf einen Durchbruch im Peloton der Profis haben. So lief das Jahr für Andrew August.


Der erste Rekord war bereits gefallen, da hatte Andrew August noch kein einziges Rennen für sein neues Team Ineos Grenadiers absolviert. Mit 18 Jahren und 81 Tagen wurde er zum 1. Januar 2024 jüngster Profi auf der World Tour seit dem Bestehen der Rennserie. Auch in den Jahren davor gab es selten Fahrer, die den Radsport so jung zu ihrem Hauptberuf machten. So etwas bringt eine gewisse Erwartungshaltung mit sich, zumal August als Junior Sieg an Sieg reihte, mit einem überragenden VO2max-Wert von 92 auffiel und von seinem vorherigen Manager mit Remco Evenepoel - “nur mit noch mehr Power” - verglichen wurde.

Die Realität sieht anders aus. Evenepoel gewann in seinem ersten Jahr als Profi unter anderem gleich mal die Clasica San Sebastian. Das beste Resultat von August über die Saison gesehen war Rang sieben in der Gesamtwertung der Czech Tour. Ebenfalls aller Ehren Wert, allerdings ein ganz anderes Level. Und, zur Verteidigung: Evenepoel war in seinem ersten Jahr schon etwa anderthalb Jahre älter als der Teenager aus Amerika, der nun hier und da mit ihm vergleichen wird.

Allein in Andorra: Augusts größte Herausforderung

Augusts neuer Coach bei Ineos, Dario Cioni, will davon allerdings nichts hören. Sein Talent habe gerade andere Sorgen. “Für AJ”, so der Rufname des US-Boys, “war es eine der größten Herausforderungen in diesem Jahr, mit 18 Jahren hierher zu kommen und sich in Andorra niederzulassen. Ich denke, das war die größte Herausforderung - sich abseits des Radsports zurechtzufinden”, sagte Cioni dem Outside Magazin. Das war im April, kurz nach Paris-Roubaix. August war da gerade als jüngster Starter in der Geschichte der Hölle des Nordens ins Rennen gegangen. Im Zeitlimit blieb er nicht, aber immerhin beendete er sein erstes Monument.

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“Viel härter als Roubaix kann es nicht werden, denke ich”, sagte der junge Sportler selbst nach seiner Fahrt übers nordfranzösische Kopfsteinpflaster. Als angehender Kletterer zumindest nicht hinsichtlich seiner eigenen Präferenzen. Es sei darum gegangen, Erfahrungen zu sammeln. Wie generell in seinem ersten Jahr als Profi. Hinter Kopfsteinpflaster scheint er damit einen Haken gemacht zu haben. Für den Rest der Saison fokussierte er sich auf einwöchige Rundfahrten, die ihm wesentlich besser liegen.

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Hoch in Tschechien, Tief bei der l’Avenir

Das zeigte er dann auch die Czech Tour, bei der er auf eigene Rechnung fahren durfte. Und das mit Erfolg. Begleitet von den Radsportsenioren Cameron Wurf (41 Jahre), Ben Swift (36) und Salvatore Puccio (35) lieferte August ein erstes Ausrufezeichen. Mit zwei siebenten Plätzen auf den letzten beide Etappen sicherte sich der Junge aus dem Bundesstaat New York auch in der Endabrechnung jenen Platz. Genau eine Minute hatte er am Ende Rückstand auf Sieger Marc Hirschi, 16 Sekunden Rückstand auf das Weiße Trikot, das der vier Jahre ältere Marco Brenner gewann.

Für August war es das Zeichen, das er gebraucht hatte: Er kann sich im Profi-Peloton behaupten. Bis dato hatte er in Helferrollen keine Chance, das auch zu beweisen. Mit Rückenwind ging der 18-Jährige so in die Tour de l’Avenir. Pablo Torres, Leo Biseaux (19), Jarno Widar (18) - viele der Konkurrenten um den Gesamtsieg der wichtigsten U23-Rundfahrt waren in seinem Alter, die Gelegenheit günstig, sich weiter zu etablieren. Doch von Beginn an lief es nicht rund für August. Platz 18 im Prolog sollte noch mit Abstand das beste Ergebnis der Rundfahrt sein, die er schließlich auch nicht beendete.

Auch bei den Weltmeisterschaften hinter den Erwartungen

Danach wurde es ruhig um Andrew August. Die beiden kanadischen World-Tour-Rennen in Montreal und Quebec nutzte er für einen der seltenen Abstecher in die Heimat. Montreal beendete er gemeinsam mit seinem jungen Landsmann Artem Shmidt, den Ineos vorgreifend auf die nächste Saison im Profiteam als Stagiaire mitnahm, auf den letzten beiden Plätzen. Doch auch hier blieb ihm zugutezuhalten, dass er das Rennen bei einer fast 50-prozentigen DNF-Quote überhaupt zu Ende fuhr.

Und so blieb ein letzter Saisonhöhepunkt, der am Ende aber doch keiner werden sollte. Die Weltmeisterschaften. Im U23-Zeitfahren belegte August den 17. Rang. Auf dem nicht ganz flachen Kurs hätte er, der durchaus auch Rundfahrer-Ambitionen hegt, durchaus etwas weiter vorn abschneiden können. Allerdings landeten auch nur zwei U20-Fahrer vor ihm. Das Straßenrennen beendete er im Regen von Zürich nicht.

Vor allem die Weltmeisterschaften deuten darauf hin, dass der Sprung von den Junioren selbst zur U23 mitunter ziemlich groß sein kann, geschweige denn der zu den Profis. Bei Saisonhöhepunkten, wenn alle in Topform sind, wird das ganz besonders deutlich. Es hätte August vermutlich nicht geschadet, hätte er seinen ursprünglichen Plan, zunächst ein Jahr im amerikanischen U23-Team Hagens Berman, das reihenweise Topleute ausbildet und an die World Tour abgibt, zu fahren. Ineos drängte sich auf, August wurde schwach und unterschrieb. Jetzt muss vor allem das Team beweisen, das es genug Geduld aufbringt, um dem Talent, das August zweifelsfrei ist, die Zeit zu geben, dass es ohne den Zwischenschritt braucht. Und er selbst muss dafür Sorge tragen, bei möglicherweise weiterhin ausbleibenden Ergebnissen nicht den Kopf in den Sand zu stecken und die Motivation hochzuhalten. Vertraglich gebunden sind beide Parteien noch bis Ende 2026.



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