Andreas Kublik
· 09.03.2026
Schon seit einigen Jahren läuft die Diskussion: Hat Strade Bianche, das Rennen über die Schotterstraßen (in Italien nennt man diese ”strade bianche”) der Toskana rund um Siena, das Zeug zu einem “Monument” des Radsports? Als Monumente gelten die fünf traditionsreichsten und schwersten Eintagesrennen im Profi-Radsport: Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt. Was diese Rennen eint: Sie haben mehr als 100 Jahre auf dem Buckel und sind mindestens um die 250 Kilometer lang. Strade Bianche ist ein junges Ding. Die Premiere gab’s erst 2007 - unter dem Namen Montepaschi Eroica. Die Strecke wurde für die diesjährige Auflage auf 203 Kilometer gekürzt. Dennoch: Die atemberaubende Landschaft, die Staubfahnen, die Gravel-Strecken, der Kampf Mann gegen Mann, am Ende gewinnt der Beste - all das macht dieses Rennen zu einem Hingucker, zu einem herausragenden Ereignis im Rennkalender der ganzen Saison, viel sehenswerter als die meisten Etappen der Tour de France.
Im Vorjahr wirkte Tadej Pogacar mitunter müde. Wer aber glaubte, er würde irgendwie entspannt, weniger ehrgeizig und weniger überlegen in sein Saisondebüt in der Toskana starten, sah sich getäuscht. Seine Teamkollegen Florian Vermeersch und Jan Christen machten mit ihrer Tempoarbeit den Schotter-Anstieg nach Monte Sante Marie zu einer Startrampe für das nächste beeindruckende Solo des slowenischen Seriensiegers. 79 Kilometer Alleinfahrt - auch Konkurrent Tom Pidcock, immerhin zweimal Mountainbike-Olympiasieger und Strade-Gewinner 2023, räumte später ein, dass mal wieder kein Kraut gegen den Rivalen gewachsen sei. Man kann das mit Blick auf den Rennverlauf langweilig finden - oder einfach atemberaubend.
Paul Seixas ist erst 19 Jahre alt - aber er hat schon einige Last zu tragen. In Frankreich glauben sie den Teenager als den Mann ausgemacht zu haben, der die 40-jährige Durststrecke beendet: Seit 1985, seit Bernard Hinault, hat kein Franzose mehr bei der Tour de France triumphiert. Seixas, ganz junger Radprofi vom Team Decathlon CMA CGM, soll das Zeug dazu haben. Im Vorjahr beeindruckte er mit starken Ergebnissen in seinem ersten Jahr als Profi. Als Dritter der Europameisterschaft stand er auf dem Podium gemeinsam mit Sieger Tadej Pogacar und Remco Evenepoel, der als zuvor Letzter ein derart starkes Profidebüt hinlegte. Über die Hügel der Toskana konnte der junge Franzose zwar Pogacar nicht folgen, aber wie er sich mit Pogacars Teamkollegen Isaac del Toro als lästigem Anhängsel im Windschatten als Zweiter ins Ziel kämpfte und die prominenten Verfolger auf Distanz hielt, verdient höchste Anerkennung. Seixas ist jetzt schon mehr als ein Talent.
Es ist vielleicht die schönste und dichteste Kulisse, die der internationale Profiradsport für ein Zielareal zu bieten hat. Die Piazza del Campo, der zentrale Platz im historischen Zentrum von Siena. Allenfalls der Einlauf von Paris-Roubaix, im Velodrom, bietet eine ähnlich einmalige Kulisse - mit allerdings deutlich rauerem Charme. Zuvor geht es schon durch die extrem steile, gepflasterte Altstadtgasse Via Santa Caterina Richtung Ziel - mehr packende Atmosphäre für ein Radrennen geht nicht.
Das Radrennen Anfang März in der Toskana ist eine echte Leistungsschau - hier messen sich die Besten der Besten Schulter an Schulter. Von den deutschen Radsportlern war nichts zu sehen - nur vier standen überhaupt am Start. Der Deutsche Meister Georg Zimmermann musste seinen geplanten Start wegen einer Sturzverletzung kurzfristig absagen. Bester Deutscher: Der 21-jährige Emil Herzog auf Rang 83 - 16:38 Minuten Rückstand auf Pogacar (das Zeitlimit lag bei 22:49 Minuten). Maximilian Schachmann stand im Jahr 2020 auf dem Podium in der Mitte Sienas - zuvor war das Linus Gerdemann (Dritter 2008) und Fabian Wegmann (Zweiter 2009) gelungen. Aktuell wirkt der Deutsche Radsport international abgehängt - zumindest gilt das für die ganz schweren, anspruchsvollen Eintagesrennen. Auf höchstem Niveau kann aktuell in dieser Radrenngattung niemand mitmischen. Die Hoffnung ruht auf Florian Lipowitz, der im Juli bei der Tour de France wieder begeistern soll.

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