Mailand-San Remo - die FavoritinnenSprinterin Wiebes gegen die Kletterspezialistinnen

Andreas Kublik

 · 19.03.2026

Mailand-San Remo - die Favoritinnen: Sprinterin Wiebes gegen die KletterspezialistinnenFoto: Getty Images/Tommaso Berardi
Erfolgstrio: Im Vorjahr siegte Lorena Wiebes (Mitte) vor ihrer niederländischen Landsfrau Marianne Vos (links) und der Schweizer Meisterin Noemi Ruegg
Wer macht das Rennen bei Sanremo Women, wie der Frauenwettbewerb des Radsport-Frühjahrsklassiker seit dem Neustart im vergangenen Jahr heißt? Im Vorjahr siegte die weltbeste Spinterin Lorena Wiebes - aber viele halten ein neues Szenario wie bei den Männern für möglich

Erfahrung gilt im Radsport als wichtige Voraussetzung aller Erfolgsstrategien. Und wenn sie zunehmend von außerhalb kommt, in Zeiten der immer jünger werdenden Siegfahrer. Wie beispielsweise bei Mailand-San Remo im Jahr 2009. Da erklärte der viermalige Sieger Erik Zabel das bevorstehende Rennen dermaßen detailgenau, dass der von ihm instruierte Youngster Mark Cavendish nur alles detailgenau nachfahren musste. Es war Erfolgsmalen nach Kilometerzahlen und Orientierungspunkten. Am Ende gewann der damals 23-jährige Jüngling von der Isle of Man das Rennen gleich bei der ersten Teilnahme - nur Heinrich Haussler hätte den geplanten Triumph beinahe noch mit einer späten Attacke zunichte gemacht. Der Deutsche sah im Live-Bild wie der Sieger aus - das Fotofinish zeigte, dass “Cav” das Vorderrad vorne hatte. Es war damals die perfekte Umsetzung eines Rennplans, der dennoch beinahe gescheitert wäre. Das ist die ewige Geschichte bei bei Mailand-San Remo - mit der vorhergesagten Wiederkehr des Ewiggleichen und dann doch ziemlich regelmäßigen Überraschungen. Doch während man bei den Männern auf 100 Jahre Rennverlauf zurückblicken kann, das Finale mit Cipressa und Poggio seit 1982 gleich aussieht - vom kurzen Intermezzo mit dem zusätzlichen Anstieg Le Manie abgesehen -, fehlen den Frauen diese Erfahrungswerte. Noch. Oder wieder.

Schließlich gab es das Rennen zuvor 20 Jahre lang bei den Frauen nicht. Der Frauenradsport hat sich seither zudem verändert, ist viel professioneller geworden. Entsprechend orientierungslos lief die Erstbefahrung im Vorjahr. Wie gelähmt wirkte das Gros der Radsportlerinnen beim ersten Rennen nach mehr als 20 Jahren Pause. Während das Team UAE Team Emirates bei den Männern seit Jahren die Strategien verfeinert, mit der alle Konkurrenten zermürbt werden sollen, und Tadej Pogacar nach vielen vergeblichen Anläufen das Rennen endlich gewinnen soll, fehlen im Peloton der Frauen diese Erfahrungswerte aus Versuch und Irrtum. Das soll sich nun ändern. Man hat gelernt. Im Vorjahr blickten alle auf die vermeintliche Topfavoritin Lotte Kopecky, die nach zwei Weltmeister-Titeln in Folge als Referenz in jedem nicht allzu bergigen Eintagesrennen galt. Doch ehe sich die Konkurrenz versah, waren die Anstiege passé und es wurde offenbar, dass Kopecky sich in den Dienst der noch sprintschnelleren Teamkollegin Lorena Wiebes gestellt und keine eigenen Ambitionen verfolgt hatte. Die Niederländerin vollendete auf der Via Roma mit Leichtigkeit. “Jetzt verstehe ich Pogis Problem”, meinte Demi Vollering, die irgendwie verpasst hatte, lästige Konkurrentinnen rechtzeitig loszuwerden.

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Gleiche Strecke, neues Szenario?

Die einzige die sich ernsthaft gegen das spätere Erfolgsszenario gestemmt hatte, war die Italienerin Elisa Longo Borghini - doch ihr später Fluchtversuch wurde vereitelt, von Kopecky. Nun spricht sich die angriffslustige Italienerin Mut zu: “Das letzte Jahr hat bei mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Das Rennen ist eines meiner wichtigsten Saisonziele. Verglichen mit dem Vorjahr, könnte das Rennen selektiver werden, weil wir jetzt alle den Kurs besser kennen, speziell das Finale. Und ich glaube, ich habe das richtige Team, um es diesmal zu schaffen.” Stichwort: Erfahrung. Ihr großes Ziel bei Mailand-San Remo ist auch: Mehr Aufmerksamkeit für die Frauen und ein längere Renndistanz, wie sie im Gespräch mit TOUR äußerte (das Interview ist hier zu finden).

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Für ein anderes Szenario müssten sich einige Topfahrerinnen quasi verbünden - Demi Vollering, Longo Borghini und Kasia Newiadoma gemeinsam an einem Strang ziehen - sprich: alles tun, um die Sprinterinnen, allen voran Wiebes, abzuhängen. Nur lässt beispielsweise die Polin Niewiadoma meist die Beine hängen, sobald sie feststellt, dass sie sich nicht alleine absetzen konnte - denn im Sprint zieht sie gegen Vollering oder Kopecky mit hoher Wahrscheinlichkeit den Kürzeren.

Wiebes muss als Topfavoritin gelten

Unentschieden: Als die schnellsten Frauen im Vorjahr in die Abfahrt vom Poggio bogen, hatten angriffslustige Rennfahrerinnen wie Demi Vollering und Elisa Longo Borghini (von rechts) noch Sprinterinnen wie Lorena Wiebes im SchlepptauFoto: Getty Images/Marco AlpozziUnentschieden: Als die schnellsten Frauen im Vorjahr in die Abfahrt vom Poggio bogen, hatten angriffslustige Rennfahrerinnen wie Demi Vollering und Elisa Longo Borghini (von rechts) noch Sprinterinnen wie Lorena Wiebes im Schlepptau

Erfahrung hin oder her: Titelverteidigerin Lorena Wiebes muss auch in diesem Jahr als Topfavoritin gelten. Die Niederländerin, die am 17. März ihren 27. Geburtstag feierte, hat seit Jahresbeginn bewiesen, dass sie weiterhin die mit Abstand schnellste Sprinterin bei den Frauen ist. “Dieses Jahr wollen wir als Team wieder gewinnen. Aber es kann eine komplett andere Rennsituation geben, jetzt da jeder die beiden letzten Anstiege kennt”, sagte sie mit Blick auf das Rennen 2026. Auch sie führt also die Erfahrung ins Feld.

Für sie und ihr Team spricht, dass sie in ihrer Mannschaft SD Worx-Protime Teamkollegin Kopecky als Helferin oder zweite taktische Option hat. Die 30-jährige Belgierin hat mit dem Sieg beim Nokere Korse am Mittwoch bewiesen, dass sie in einem - allerdings deutlich schwächer besetzten - Feld, Sprints gewinnen kann und (wieder) eine potenzieller Siegfahrerin ist. Als Zweite der Tour de France im Jahr 2023 hat sie bewiesen, dass sie auch zu den guten Bergfahrerinnen zählt. Ob sie allerdings wieder in Bestform ist, war noch nicht zu erkennen. “Lotte und Lorena fahren jetzt nach Italien und dort werden sie besprechen, wie man das lösen kann”, sagte der Sportliche Leiter von SD Worx Christian Kos bei sporza.be zuletzt und ergänzte: “Ob Kopecky sich opfern muss? Beide sind fit, das ist ein Luxusproblem. Das können wir gemeinsam klären.” Hauptrivale der Fahrerinnen von SD Worx dürfte das Team FDJ-SUEZ sein, das aber sein Aufgebot für die “Primavera” noch nicht bekanntgegeben hat. Demi Vollering wäre die beste Trumpfkarte und dürfte alles versuchen, die schnelleren Wiebes und Kopecky spätestens am Poggio deutlich abzuhängen. An ihrer Seite hat sie - als Optionen - die Französin Juliette Berthet (geborene Labous), eventuell auch die Schweizerin Elise Chabbey, zuletzt Überraschungssiegerin bei Strade Bianche, und die stark verbesserte Deutsche Meisterin Franziska Koch.

Der Canyon-Rennstall mit mehreren Optionen

Auch das deutsche Team Canyon-SRAM-zondacrypto hat sein taktisches Portfolio erweitert. Neben Teamkapitänin Niewiadoma schickt die von Rolf Aldag (und übrigens nebenbei auch von Erik Zabel) geführte Sportabteilung auch die italienische Topsprinterin Chiara Consonni ins Rennen. Je mehr Teams eine Sprinterin ins Rennen schicken, desto wahrscheinlicher wird auch das Szenario eines Sprints aus einem größeren Feld.

Mit Marianne Vos, ohne Pauline Ferrand-Prévot

Dazu dürften die immer noch schnelle, taktisch kluge und routinierte Vorjahreszweite Marianne Vos (Visma-Lease a bike) und die Vorjahresdritte Schweizerin Noemi Ruegg (EF Education-EasyPost) zum erweiterten Favoritenkreis zählen. Ebenso wie die italienische Ex-Weltmeisterin Elisa Balsamo (Italien/Lidl-Trek) und Kim Le Court Pienaar (Mauritius/AG-Soudal), die im Vorjahr mit ihrem Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich bewies, dass sie sowohl gut klettern als auch sprinten kann. Augen auch auf die erst 19-jährige Britin Cat Ferguson (Team Movistar), die als Sprinterin Zukunft gilt und auf jeden Fall zu beachten ist, wenn sie nach der Abfahrt vom Poggio Teil der ersten Gruppe sein sollte.

Die Deutschen in Nebenrollen

Deutsche Rennfahrerinnen dürfte eher eine Nebenrolle spielen. Liane Lippert (Team Movistar) hat ihren Start kurzfristig abgesagt. Sie galt in den vergangenen Jahren als eine Rennfahrerin, die bei solchen Rennen vorne mitmischen kann. Franziska Koch sagte im TOUR-Interview, dass sie auf jeden Fall in Zukunft ein gutes Ergebnis bei Mailand-San Remo einfahren will (das Interview mit ihr gibt’s hier). Vielleicht schon dieses Jahr?

​Die Übertragungszeiten - TV

DatumUhrzeitRennenSender
21.03.202610:00 UhrMailand-San Remo MännerEUROSPORT 2 GERMANY
21.03.202612:30 UhrMailand-San Remo Frauen*EUROSPORT 2 GERMANY
21.03.202614:30 UhrMailand-San Remo MännerEUROSPORT 2 GERMANY

​* Das Männerrennen kann in dieser Zeit bei HBO Max und discovery+ (Internet-Livestream) weiterverfolgt werden. Der Sender Eurosport 2 ist kostenpflichtig.

Die Übertragungszeiten - Livestream

​Das Rennen ist in voller Länge bei HBO Max und discovery+ zu sehen. Details unter www.eurosport.de bzw. https://play.discoveryplus.com/


Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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