Leon Weidner
· 19.03.2026
Mailand-San Remo belohnt nicht nur die stärksten Beine, sondern vor allem Timing und Positionierung. Der Poggio ist kurz genug, um ein Sprint-Finale möglich zu lassen, aber gleichzeitig steil und selektiv genug, um das Feld auseinanderzureißen, wenn das Tempo stimmt. Genau darin liegt die Unberechenbarkeit dieses Rennens: Es kann in wenigen Minuten in zwei komplett unterschiedliche Richtungen kippen.
Wird die Cipressa bereits aggressiv gefahren und der Poggio im Vollgas-Modus hochgezogen, dann schrumpft die Gruppe der Siegkandidaten drastisch. Sprinter, die „nur“ gut durchkommen wollen, werden aussortiert, und das Finale wird eher zu einem Klassiker-Duell aus Punch, Attacke und Konter. Wenn das Rennen dagegen bis zur Cipressa eher verwaltet wird, Teams sich neutralisieren oder niemand das letzte Risiko eingehen will, dann kommen deutlich mehr Fahrer über den Poggio – und die Via Roma wird wahrscheinlicher zum Sprint-Schauplatz.
Das Ergebnis von 2025 zeigt, wie knapp die Balance ist: Mathieu van der Poel gewann vor Filippo Ganna und Tadej Pogačar. Dieses Trio prägt auch 2026 die Favoritenlage und liefert gleichzeitig eine Blaupause dafür, wie viele unterschiedliche Fahrertypen hier bis ganz zum Schluss Siegchancen haben können.
Mathieu van der Poel ist auf diesem Profil der Referenzfahrer. Er ist explosiv genug, um am Poggio nicht nur zu überleben, sondern das Tempo mitzugehen – und er ist sprintstark genug, um ein reduziertes Finale gegen fast alle Konkurrenten zu entscheiden. Dazu kommt seine Erfahrung in Positionskämpfen: In San Remo entscheidet oft nicht nur die beste Wattzahl, sondern wer am Poggio und in der Abfahrt an den richtigen Rädern sitzt.
Tadej Pogačar kommt mit einem anderen Plan nach San Remo. Er ist der gefährlichste Konkurrent am Berg, weil er das Rennen dort regelrecht diktieren kann. Seine Herausforderung ist weniger die Form als die Mathematik: Pogačar muss van der Poel loswerden – oder ihn so mürbe fahren, dass dessen Sprint am Ende nicht mehr zum Sieg reicht. Das Team-Commitment ist dabei Teil der Strategie, um aus einem Standardszenario ein Ausnahmerennen zu machen. Isaac del Toro soll seinem Kapitän dabei helfen und für ebendiesen Rennverlauf bei Mailand-San Remo sorgen.
Filippo Ganna ist mehr als nur der Mann für Platz zwei, auch wenn man das nach 2023 und 2025 denken könnte. Wenn das Tempo über Cipressa und Poggio brutal ist, wenn die reinen Sprinter weg sind und das Finale sich in ein Kraftfahren verwandelt, dann spielen ihm seine Zeitfahr-Qualitäten direkt in die Karten. Seine Stärke liegt in langen, gleichmäßig hohen Belastungen – und genau das kann San Remo im Finale werden, wenn die Favoriten sich nicht belauern, sondern durchziehen. Dass Ganna 2025 erneut Zweiter wurde, unterstreicht: Er ist nicht nur Mitfahrer im Favoritenkreis, sondern ein Kandidat, der in genau dem Moment zuschlagen kann, in dem die anderen zu sehr aufeinander schauen.
Hinter dem großen Dreieck stehen Fahrer, die nicht jeden Rennverlauf gewinnen, aber genau den einen brauchen, der ihnen passt. Wout van Aert ist der klassische „Wenn-dann“-Favorit: Wenn er am Poggio in der ersten Gruppe drüberkommt und dabei nicht zu viele Körner lassen musste, kann er in einem kleinen Sprint vorne mitfahren. Trotz seiner Formschwäche in der laufenden Saison, sollte man den Belgier nicht gänzlich abschreiben.
Thomas Pidcock wiederum ist der Fahrer, der aus Chaos Kapital schlagen kann. Er muss das Rennen nicht über rohe Dauerleistung kontrollieren, sondern über Dynamik: kurze Antritte, ein mutiger Moment am Poggio, eine aggressive Linie in der Abfahrt. Wenn ein Finale unordentlich wird, ist das oft der Verlauf, in dem Pidcock besonders gefährlich wirkt.
Spannend sind 2026 auch Außenseiter, die bei einem weniger harten Poggio plötzlich noch da sind. Tobias Lund Andresen wäre so ein Name: Seine Chance liegt nicht darin, den Poggio zu dominieren, sondern darin, nach 290 Kilometern in einer größeren Gruppe noch Sprintbeine übrig zu haben. Und selbst ein Helfer wie Isaac del Toro kann in San Remo eine Restchance behalten – nicht weil er als Kapitän geplant ist, sondern weil dieses Rennen Situationen erzeugt, in denen Rollen kurzfristig kippen können, wenn Favoriten sich blockieren oder ein Team plötzlich einen Plan B braucht.
Ein Sprint ist in San Remo nie die Standardannahme, aber er bleibt immer möglich – vor allem dann, wenn Cipressa und Poggio taktisch gefahren werden oder sich Teams gegenseitig neutralisieren. In so einem Szenario rücken klassische Sprinter stärker in den Fokus, wobei weniger zählt, wer der beste Sprinter der Saison ist, sondern wer nach fast 300 Kilometern noch Endgeschwindigkeit und Positionierung zusammenbringt. Dann werden Namen wie Jasper Philipsen, Luke Lamperti, Paul Magnier oder Matthew Brennan automatisch relevanter – vorausgesetzt, sie überstehen das Finale in der ersten Gruppe.
Mathieu van der Poel ist der logische Topfavorit, weil er das typische San-Remo-Standardfinale am zuverlässigsten gewinnt. Tadej Pogačar ist der Mann, der dieses Standardfinale zerstören will – und dafür das stärkste Team-Commitment mitbringt. Genau das macht Mailand-San Remo 2026 so attraktiv: Es kann lange kontrolliert wirken, und dann in wenigen Minuten kippen.
Werkstudent