Kommentar Mailand-SanremoFrauen stürzen. Männer lachen. Ich kotze.

Sandra Schuberth

 · 23.03.2026

Kommentar Mailand-Sanremo: Frauen stürzen. Männer lachen. Ich kotze.Foto: Pool/Getty Images/Marco Alpozzi
tKasia Niewiadoma-Phinney Mailand-Sanremo Women 2026
Am Samstag fand mit Mailand–Sanremo eines der Radsport-Monumente statt. Das Rennen der Frauen wurde von einem schweren Sturz überschattet. Laut Berichten sind die Fahrerinnen aber mit Brüchen und Schürfwunden glimpflich davongekommen. Die Kommentare auf Social Media sind bodenlos – und ich sprachlos. Jetzt muss ich mich doch dazu äußern.

Kasia Niewiadoma-Phinney stürzte rund 19 Kilometer vor dem Ziel in der Abfahrt von der Cipressa schwer. Nach ihr kamen zahlreiche weitere Fahrerinnen zu Fall, teilweise stürzten sie über eine Leitplanke einige Meter hinab. Besonders kritisch sah es für Debora Silvestri aus, die sich aber „nur" fünf gebrochene Rippen und eine Mikrofraktur am Schulterblatt zuzog.

Ich habe das Rennen nicht gesehen, da ich beruflich auf der Cyclingworld in Düsseldorf unterwegs war. Als ich Instagram geöffnet habe, schlug mir direkt ein Video dieses Sturzes ins Gesicht. „Ach du Sch***" dachte ich mir, schloss die App direkt wieder und widmete mich meinen eigentlichen Aufgaben des Tages.

Kommentare sind bodenlos

Heute öffne ich Instagram wieder. Und werde wütend. Zahlreiche Kommentare unter einem Video über diesen schlimmen Sturz sind frauenfeindlich. Das sehe ich in Posts, die darauf aufmerksam machen.

  • “To busy thinking of the kitchen – zu beschäftigt damit, an die Küche zu denken” schreibt einer.
  • Ein anderer kommentiert “Women drivers.................... – Frauen am Steuer....................”.
  • “Women... probably doing their makeup while riding – Frauen... wahrscheinlich schminken sie sich während der Fahrt” unterstellt eine andere Person.
  • Noch ein Kommentar lautet “Imagine how they drive cars... – stellt euch vor, die würden Autos fahren”.
  • “And this is why you should stay in the kitchen – und darum sollten Frauen in der Küche bleiben”, lautet ein Kommentar, der mit drei laut lachenden Emojis komplettiert wurde.

Glaubst du nicht? Es gibt Screenshots einiger Kommentare; Burgess_and_his_bike berichtet darüber. Hol dir Notizblock und Stift, schau dir das Reel bis zum Ende an und schreib mit.

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Ich recherchiere selbst. Nur auf Instagram, nicht auf Facebook:

  • ​“Girls getting banged. Not the video I expected [giggeling emoji] - Mädchen, die ge** werden. Nicht das Video, was ich erwartet hatte [kicherndes Emoji]
  • “Und sowas fährt im Straßenverkehr mit neben Lkw und Autos [applaudierende Hände]”
  • “Just cant’t drive anything can they [laughting emoji] - Die können einfach gar nichts fahren, oder? [lachendes Emoji]”
  • “Girls are bad on bikes - Mädchen sind schlecht auf dem Rad
  • “This has cheered my Sunday up - das hat mit den Sonntag versüßt
  • “A professional cyclist doesn’t know how to negotiate a bend? - Ein Profi-Radfahrer, der nicht weiß, wie man eine Kurve nimmt?”
  • “Need practice steering - die müssen Lenken üben [lachendes Emoji]
  • “Womans [laughtling emoji] - Frauen [lachendes Emoji

Während diese Männer tippen, schreibt Debora Silvestri – fünf gebrochene Rippen, Mikrobruch in der Schulter – auf Instagram: “Nicht das Finale, das ich mir vorgestellt habe. [...] Es hätte schlimmer kommen können. Keine Sorge, ich komme wieder.” Und Kasia Niewiadoma-Phinney sagt: “If you don't take risks, it's not topsport - wenn du kein Risiko eingehst, ist es kein Spitzensport.”

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Am selben Tag stürzte übrigens auch Tadej Pogacar bei Mailand–Sanremo. Der Weltmeister. Keiner hat ihn gefragt, ob er wohl gerade ans Kochen gedacht hat.

Eine Wahrheit ist: Im Jahr 2024 kamen laut statistischem Bundesamt insgesamt 2.770 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben. In 2.253 Fällen war der Hauptverursacher männlich. Das mal als kleiner Einblick.

​An alle, die gerade wütend sind wie ich: Gut. Bleibt wütend. Und sagt es laut. Denn die Männer, die unter Videos wie diesem „back to the kitchen" tippen, tun das, weil sie glauben, es hat keine Konsequenzen. Zeigt ihnen, dass sie falsch liegen. Und an euch: Debora Silvestri kommt wieder. Kasia Niewiadoma-Phinney kommt wieder. Ihr werdet sie nicht loswerden. Uns nicht.


Sandra Schuberth

Sandra Schuberth

Redakteurin

Sandra Schuberth, mal Feierabendrunde, mal Trainingsride, mal unsupported Bikepacking-Challenge. Hauptsache sie und ihr Gravelbike – abseits vom Verkehr. Seven Serpents, Badlands oder Bright Midnight: Sie hat anspruchsvolle Bikepacking-Rennen gefinisht. Gravel und Bikepacking sind ihre Herzensthemen, ihr Anspruch an Equipment ist hoch. Was sie fährt, nutzt und empfiehlt, muss draußen bestehen: nicht im Marketing, sondern im echten Leben.

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