Aber wieso wird ausgerechnet bei den Klassikern ein so außergewöhnlicher Fan-Moment geschaffen? Das liegt mitunter an der historischen und kulturellen Bedeutung der Monumente und des Radsports in den Ländern Frankreich und Belgien. Lüttich-Bastogne-Lüttich ist das älteste Monument und wurde bereits 1892 zum ersten Mal ausgetragen. Und auch der “jüngste” Klassiker, die Flandern-Rundfahrt, weist mit der ersten Austragung 1913 eine über 100 Jahre alte Geschichte mit vielen ikonischen Radsportmomenten auf.
Und doch haben die fünf Klassiker ihren ganz eigenen Charakter. Die “Pavés” bei Paris-Roubaix sind so berüchtigt, wie ihre Bezwinger Roger De Vlaeminck oder Tom Boonen, die das Monument viermal gewinnen konnten. Bei der Flandern-Rundfahrt müssen die Fahrer viele kurze, steile Anstiege auf Kopfsteinpflaster, wie am Paterberg, meistern. Mailand-Sanremo ist mit etwa 300 Kilometern das längste Profi-Eintagesrennen. Im Gegensatz zur Ronde sind die Anstiege bei der Lombardei-Rundfahrt sehr lang, was den Klassiker ideal für Kletterer macht. Lüttich-Bastogne-Lüttich zeichnet sich durch die vielen Adrennen-Anstiege aus und wird meist durch gut getimte Attacken entschieden.
Was diese prestigeträchtigen Eintagesrennen eint? Die Stimmung am Straßenrand. Die Ronde wird oft als inoffizieller Feiertag betitelt, nach dem die Menschen vor Ort ihren Tag planen. Paris-Roubaix lockt zehntausende Menschen an den Straßenrand, die die Fahrer in der Hölle des Nordens lautstark bejubeln, wodurch eine Art Volksfeststimmung aufkommt. Diese herrscht auch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, besonders an legendären Anstiegen wie der Côte de la Redoute. Die italienischen Klassiker Mailand-Sanremo und die Lombardei-Rundfahrt sorgen alleine durch die terminliche Ansetzung zu Beginn bzw. Ende der Saison für eine emotionale Stimmung.
Fans stehen dank nur weniger Absperrungen so nah wie bei keinen anderen Rennen an der Strecke, können die Fahrer (fast) berühren und spüren die Anstrengung. Kinder spielen am Straßenrand, Jugendliche erklimmen die Anstiege vor den Profis und die Erwachsenen grillen, trinken und feuern lautstark an. Die Fan-Nähe verleiht den Monumenten nochmal einen ganz besonderen Charakter, den es so bei anderen Rennen nicht gibt. Um diese Nähe zu erhalten, ist es wichtig, dass Fans die Fahrer respektieren und nicht physisch in das Rennen eingreifen. Leider kommt das jedoch hin und wieder vor...
In den letzten Jahren wurden durch Fans verursachte Stürze medial ausgeschlachtet, wodurch mehrere Debatten um das Thema geführt wurden - und das zu recht. Einige Zuschauer schätzen das Unfallrisiko für Fahrer und sich selbst, das durch ein schnell gemachtes Selfie oder das Hochhalten eines Schildes entsteht, falsch ein. Das könnte zu der Vermutung führen, dass solche Stürze gerade bei den Klassikern immer wieder vorkommen. Jedoch sieht die Realität etwas anders aus. Der letzte Sturz, der bei einem der fünf Monumente durch einen Fan verursacht wurde, fand bei der Flandern-Rundfahrt 2024 statt. Zwar kam es seitdem zu weiteren Interaktionen zwischen Fahrern und Fans, jedoch zu keinem dokumentierten Sturz. Das Risiko bleibt durch die unmittelbare Nähe dennoch hoch, weshalb sich alle Zuschauer ihrer Verantwortung bewusst sein müssen.

Werkstudent