In der an Traditionen und Superlativen gewiss nicht armen Historie des Radsports schwirren viele Begriffe und Namen umher, deren Nennung bei den kundigen Jüngern des Sports ein ehrfürchtiges Raunen zur Folge hat. “Paris-Brest-Paris” ist einer davon.
Diese legendäre Fernfahrt, erstmals ausgetragen als Rennen für Profis und Amateure, führt über 1200 Kilometer von Paris an den Atlantik und wieder zurück. Bis 1951 war es ein Rennen, dann wurde es den Rennfahrern zu lang und zu anstrengend, Ruhm und Geld konnten sie andernorts mit weniger Entbehrung und in kürzerer Zeit ernten. Was blieb, war eine Marathonfernfahrt für Randonneure, ausgetragen alle vier Jahre und anfangs kaum beachtet, nur wenige Hundert Teilnehmer wagten die Fahrt.
Das änderte sich mit den 1970er-Jahren; die unfassbar lange Prüfung für Ausdauerradsportler wurde immer populärer und heutzutage sind die 6500 Startplätze meist ausgebucht, obwohl an P-B-P nur teilnehmen darf, wer im Jahr der Austragung bereits vier Brevets über 200, 300, 400 und 600 Kilometer absolviert hat.
Heute ist Paris-Brest-Paris kaum weniger Teil der französischen Fahrradkultur als die ungleich berühmtere Tour de France. Im Gegensatz zum legendären Etappenrennen der Radprofis ist die Teilnahem an P-B-P aber für Hobby- und Freizeitradler aus der ganzen Welt ein velophiler Traum, der tatsächlich in Erfüllung gehen kann.
Nils Rode, Journalist und TV-Autor aus Köln, hat sich diesen Traum erfüllt und darüber ein Buch geschrieben. Seine “Liebeserklärung an den ältesten Radmarathon der Welt” wirkt manchmal, als sei sie eher gesprochen als geschrieben, im Ton oft ein wenig schnodderig, aber ausgesprochen unterhaltsam und lesenswert auch für Menschen, die dieser sehr eigenen Welt der Randonneure eventuell staunend bis kopfschüttelnd begegnen. Mit wohltemperierter Selbstironie nimmt Rode sich selbst und die Szene der Ganzlangestreckenradler auf die Schippe und scheut sich auch nicht, deren – und seine – Marotten humorvoll zu sezieren.
Den großen Bogen des Buchs spannt Rode mit der Erzählung von seiner Teilnahme an Paris-Brest-Paris 2023; zwischen den Kapiteln richtet er den Blick auf verwandte Themen: seinen Einstieg in den Radsport, die Begeisterung für Fahrräder, Erlebnisse während der Qualifikationsbrevets, Erinnerungen an sein erstes Rennrad.
… über die Nacht im P-B-P-Camp
Also eigentlich wird überall geschnarcht. Kurz überlege ich, ob ich die unterschiedlichen Schnarchlaute analysieren sollte. Denn niemand schnarcht gleich. Manche schnell, andere mit beängstigenden Pausen zwischen den einzelnen Lauten. Da gibt es Laute und da gibt es sehr Laute. Ach, lassen wir das. Ich schreite an Menschen vorbei, die mit aufgerissenen Mündern flach auf dem Rücken ihr Gesicht gen Decke strecken. Andere sind zusammengekrümmt, bäuchlings liegen nur wenige. Klar, die Oberschenkelmuskulatur hat sich inzwischen längst bei den meisten gemeldet. Der Muskelschmerz stört beim Liegen auf dem Bauch. Bauchschläfer haben es noch ein wenig schwerer bei Paris-Brest-Paris. Ich bin kein Bauchschläfer.
… über den Kauf des ersten Rennrades
Dieser Laden in Krefeld ist vor meinem geistigen Auge immer noch präsent. Er war vollgestopft mit Rennrädern, und das Merckx hing irgendwo dazwischen. An einem Deckenhaken. Keiner wollte es wohl haben. Es war fast ein Schnapper, runtergesetzt, ohne Laufräder: 2.177,50 D-Mark. Ein echter Belgier! Dura-Ace 8-fach, Bremsen Ultegra, Vorbau Modolo. Dazu ein Rolls-Sattel. Eigentlich für einen Studenten viel zu teuer, auch wenn es diese lange Stabluftpumpe gratis dazu gab. Also: das oder keins. Und bis heute habe ich den Kaufentschluss nie bereut. Dieses Rad hat mich - bis auf ein einziges Mal - nie enttäuscht. Weder in den Alpen noch im Gegenwind. Wir waren in Kanada, auf Hawaii, in Nizza, in der Tschechoslowakei, in Italien, der Schweiz und überall in Deutschland. Nur einmal ist der Vorbau gebrochen, in Ostfriesland. Das war unangenehm, tat sehr weh, aber es war der Vorbau. Ein nachträglich zugekauftes Teil, nachgerüstet für den Triathlonaufsatz. Schwamm drüber, dafür konntest du wirklich nichts, Eddy.
Natürlich war es ein Rad von der Stange, aber von einer sehr guten Stange. Und irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass der große Eddy Merckx zumindest noch mal bei meinem Rad am Ende kurz drüber geschaut hat. Als es da hing, bereit zur Endkontrolle, da kam bestimmt der legendäre Meister, blieb genau vor meinem Rahmen stehen, schaute drauf, ja, er wird ihn wohl berührt haben. Gestreichelt wäre vielleicht zu viel gesagt, aber er hat ihn gespürt, da bin ich mir ganz sicher. Den kühlen Stahl, die Muffen, die eingestanzten Logos mit seinem Namen, die Aufkleber. Er dürfte mit dem Fingernagel dagegen geschlagen haben. Ein schönes Geräusch. Direkt, unverbraucht, hart im Anstoß, weich im Abgang. Er hat alles für gut befunden, bereit für ganz große Abenteuer. Beide haben Wort gehalten. Der Eddy und der Merckx. Belgien hat mich noch nie enttäuscht.
… über einen Besuch bei der Flandern-Rundfahrt
Und jetzt also Oude Kwaremont. Mit Zigtausend anderen. Zahllose Reise- und Linienbusse haben die Menschen hierher gekarrt, dicht an dicht standen sie da drin. Es wird im Inneren nach Bier und Radfahrerschweiß gerochen haben. Egal. Einmal im Jahr ist auch in Köln Karneval. Oben eine Fanmeile auf der morastigen Wiese, dazu riesige Bildschirme. Zwischen Pommes und Bier blicken sie auf die Liveübertragung des Rennens. Dringt ein lautes Stöhnen oder gar Applaus zu mir herüber, weiß ich, dass wieder etwas passiert ist im Fahrerfeld. „Genau hier wird er das Ding entscheiden"', sagt Marie-Claire neben mir. Ich friere, will aber nicht unhöflich sein. Wen sie meint, will ich wissen? „Natürlich Tadej Pogacar." Ich stutze. Wir sind doch in Belgien. „Was ist mit Wout van Aert?" Der Belgier konnte schon viele Rennen für sich entscheiden. „Nicht seine Woche", meint Marie-Claire und wirkt dabei sehr bestimmt. „Auch van der Poel wird das nicht schaffen. Die haben schon zu viele Rennen gemacht diese Saison."
… vom Atlantik zurück nach Paris
Tag 2 ist nochmal heißer. Am Anfang steht das noch nicht im Vordergrund, denn die Landschaft ist atemberaubend und lenkt ein wenig ab. Vor allen Dingen ist die Landschaft für eine kleine Weile vergleichsweise flach. Mal zeigt der Radcomputer nur 17 Meter Höhe über Normalnull an, mal 25 und dann wieder nur zehn. Und noch etwas lässt es ein wenig leichter rollen. Auf der Straße findet sich regelmäßig der „Stempel“ der Tour de France, ein gelber Schriftzug, aufgemalt auf grauem Asphalt. Hit sind sie also auch schon langgefahren, die ganz großen Heroen, das verbindet irgendwie. Oft geht es jetzt runter ans Wasser, wo kleine Ortschaften mit kleinen Häfen liegen, ehemalige Handelsplätze. Daoulas, Hôpital-Camfrout, Le Faou und schließlich Pont-de-Buis-lès-Quimerch. Wunderschöne Dörfer, die Häuser aus Granit, oft mit Schiefer- und Fachwerkelementen. Kühle Marktplätze. Cafés. Stühle. Schatten. Feinste Bretagne. Für Urlauber.
Auch wenn ich gerade auf einer Reise bin, ein Urlaub ist das nicht und wird es auch nicht mehr werden. Dazu hat der Reiseveranstalter einfach zu wenig Zeit eingeräumt. Oder zu viel Strecke vorgegeben. Aber auf diesen ersten 50 Kilometern hinter Brest kann ich ein wenig die Seele baumeln lassen. Vor mir ist ein Fahrer in dunklem Trikot. Den kenne ich doch – es ist Ronald, ein junger Niederländer, der ein wenig zu sehr über dem Rahmen hängt. Den Sattel vielleicht einfach mal einen oder zwei Zentimeter höherstellen, würde ich ihm am liebsten raten – aber er wird schon wissen, was er tut, ist ja nicht seine erste Fahrt. Ich habe ihn schon oft getroffen, in Belgien, aber auch in den Niederlanden sind wir gemeinsam Brevets gefahren. Ronald ist mir in Erinnerung geblieben. Denn er fährt in Turnschuhen und mit ganz normalen Pedalen. Also ohne spezielle Radrennschuhe und ohne Klickpedalen. Ich kann es kaum glauben, was für ein selbst gewähltes Schicksal er sich da auferlegt. Aber unterschätze nie einen Niederländer auf seinem Fahrrad! „Same bike, same shoes, same everything", sagt er kurz zur Begrüßung und grinst. Aber viel mehr kommt nicht mehr von ihm. Er wirkt müde. Er ist müde! „No sleep until now. I can’t get no sleep. Crazy.“ Erst war es ihm noch zu früh, dann zu laut im Schlafsaal, zu hart auf der Pritsche, zu unbequem auf der Wiese, und so ist er immer wieder hochgeschreckt und einfach nach ein paar Minuten wieder weitergefahren. Pausen nur zum Essen. Das ist mal ‘ne Ansage, schließlich haben wir bald 700 Kilometer auf dem Tacho.
… im Ziel
Plötzlich ein Geräusch. Es kommt von links. Was ist es? Ich kann es noch nicht genau einordnen, aber da ist was. Instinktiv umklammere ich die Bremshebel ein wenig fester. Also, ich versuche diese komplett betäubten Griffel, die mal meine Finger waren, an die Bremshebel zu pressen. So ist es wahrscheinlich besser ausgedrückt. Könnte ich so noch eine Vollbremsung hinlegen? Wäre das im Zweifel die beste Entscheidung? Oder doch lieber beschleunigen und möglichst schnell vorbei? Ich habe da null Erfahrungswerte. Vielleicht sollte ich mal öfter 1.219 Kilometer fahren? Nein, eher nicht. Ich komme noch zwei, drei Meter weiter, das Geräusch verschwindet. Es wandelt sich zu einem gänzlich anderen Geräusch, es ist Applaus! Da klatschen zwei Menschen. Nicht laut, sie setzen zu keinem frenetischen Gejohle an, aber sie applaudieren. Deutlich zu hören. Es sind zweimal zwei Hände, die da Klatschlaute produzieren. Mitten in der Nacht. Mitten in der Dunkelheit. Wer sind sie? Liegen die da auf einer Picknickdecke oder sitzen sie in mitgebrachten Klappstühlen? Sind sie da mit dem Auto hingefahren und haben sich gedacht, ach komm, lass uns doch mal die Nacht da hinsetzen und immer, wenn so ein Lichtlein vorbeirollt, klatschen wir? Ich sehe nichts und niemanden, aber ich höre sie, und das hilft enorm. Überlegen Sie mal kurz: Wann sind Sie mitten in der Nacht das letzte Mal beklatscht worden? Sehen Sie! Und auch als ich schon vorbei bin, klatschen sie noch. Der Wahnsinn von Paris-Brest-Paris hält tatsächlich an bis ins Ziel. Egal, was für ein Wetter, ganz gleich, welche Uhrzeit. Es bleibt ein letzter Gedanke: keine Wildsau weit und breit, weder von links noch von rechts. Dafür radsportbegeisterte Zuschauer. Das ist, finde ich, auch eine Pointe. Überhaupt versuche ich noch einmal, alle Sinne zu sensibilisieren. Aufsaugen, mitnehmen, in Erinnerung behalten, was geht. Von hinten prescht jemand vorbei, tief über den Lenker gebeugt. Es wirkt wie ein Kampf um Sekunden, um Zehntelsekunden, als wenn hier ein Rennen ausgefahren werden würde. Aber nein, das ist kein Rennen. Das ist höchstens ein Wettkampf mit sich selbst.
Paris-Brest-Paris kannst du gegen niemanden gewinnen, der einzige Gegner bist du selbst. Wer oder wie viele vor oder hinter dir ins Ziel kommen? Es ist egal. Entscheidend ist, ob du ankommst oder nicht. Romantisch betrachtet, ist das Sport in seiner schönsten Form. Miteinander etwas unternehmen, sich einer Herausforderung stellen, ans Limit gehen. Sich bewegen, Spaß haben und jedem unterwegs helfen, der Hilfe benötigt. Das ist schon alles. Das ist gelebter Sportsgeist.
Die Bergerie von Raumbouillet, diese riesige Anlage mit alten Gemäuern, mit Stallungen, mit Wiesen, Baumflächen und einem langen Wegenetz, ist erreicht. Lichter und Strahler weisen uns jetzt die letzten Meter. Der Asphalt hört auf, Schotter übernimmt. Schotter und Sand zum Abschluss, musst du dich als Veranstalter auch erst mal trauen. Ich kenne Leute, die springen sofort ab von ihrem Rennrad, wenn sie nur in die Nähe eines winzigen Stückchens Schotter kommen. Die haben sofort Panik in den Augen. Hilfe! Schotter! Mein heiliges Rennrad. Es drohen Plattfüße und Abplatzungen am Lack! Das sind alles ganz schreckliche Vorstellungen für manche Rennradliebhaber.
Aber hier, hier wird niemand mehr von seinem Rennrad abspringen wegen ein paar Hundert Metern Schotterpiste. Hier hat keiner mehr Panik um sein Rad. Im Gegenteil. Wenn hier Schotter liegt, gehört er halt zu Paris-Brest-Paris dazu.
Eine letzte Linkskurve. Es geht unter einem aufgepusteten Plastiktorbogen durch. Da war sie schon – die Zeitmessung. „Piep." Jetzt darf jeder noch 200 Meter bergab rollen. Als Zugabe. Zwei große Zelte stehen da und ein paar Zuschauer. Applaus, nicht überschäumend, nur ehrliche Anerkennung. Da hampelt niemand mit einem Mikrofon in der Hand rum und brüllt meinen Namen in den Nachthimmel. Da ist kein Blitzlicht-Fotograf, der jeden auf der Ziellinie abschießt. Nein, da ist einfach nur eine Linie, gezogen auf Schotter. Der Schlussstrich. Schlicht und schnörkellos, kaum zu erkennen. Keine Musik, kein Konfetti, keine Party. Kein gekünstelter „Payoff". Nein, mit Paris-Brest-Paris muss am Ende jeder selbst klarkommen.
Ich werde dafür sehr lange brauchen.
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Nils Rode: 360 Hügel bis Paris. Eine Liebeserklärung an den ältesten Radmarathon der Welt: PARIS-BREST-PARIS; Delius Klasing Verlag, 240 Seiten, 26,90 Euro 360 Hügel bis Paris | Delius Klasing SHOP