Dimitri Lehner
· 12.05.2026
Früher zwitscherten Vögel. Heute piept die Welt.
Ein Pieps hier, ein Pieps da, Piepsen überall – Warnung, Hinweis, Belehrung.
Du verlässt die Route.
Du bleibst auf der Route.
Die Route steigt an.
Dein Speicher ist voll.
Dein Leben offenbar auch.
Der moderne Mensch wird nicht mehr informiert.
Er wird akustisch erzogen.
Dieses Piepsen ist nicht harmlos. Es ist eine Anweisung.
Es sagt:
Pass auf.
Mach das nicht.
Tu dies jetzt.
Eigenverantwortung? Wird ausgelagert.
An Geräte, die glauben, sie wüssten es besser.
Und wir?
Hören brav hin.
Mein Leben wird zum Pieps. Natürlich kann man das Gepiepse auch abstellen. Mit viel Gepiepse natürlich nur. Irgendwann ist mir das gelungen. Anderen nicht. Darunter: Freunde von mir. Jede Unternehmung mit ihnen wird zur Geduldsprobe für mich.
Besonders schlimm wird es, wenn Technik auf Enthusiasmus trifft.
Mein Freund Andi liebt seine GoPro.
Sie piept bei allem. Wirklich allem.
Start. Pieps.
Stop. Pieps.
Von Video auf Foto. Pieps.
Akku. Pieps.
Speicher. Pieps.
Andi dokumentiert sein Sportler-Leben lückenlos.
Ski, Surf, Bike – Drop, Kurve, Sprung, Atmung vermutlich auch bald.
Die Idee dahinter:
Wenn alles aufgezeichnet ist, hat man was erlebt. Dann macht das Leben Sinn. Erst dann war es auch wirklich gut.
Das Problem:
Es war vor allem laut.
Ich habe gelernt: Im Wald spricht man leise.
Als ich Kind war, hat mein Vater das so gemacht. War ich zu laut, legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen, der Blick ging nach oben. Psssssst!
Später bei der Bundeswehr nannte man das Geräuschdisziplin.
Ich war Scharfschütze bei den Fallschirmjägern.
Wir wussten: Lautlos = am Leben bleiben.
Lärm und Geräusch = das Gegenteil.
Ruhe ist kein Mangel.
Sie ist eine Erfüllung.
Heute dagegen:
Bluetooth-Boxen im Rucksack.
Gespräche im Stadionmodus.
Gravel-Gruppen mit Entertainment-Programm.
Als hätte die Natur eine Tonlücke, die gefüllt werden muss.
Ich will kein Piepsen.
Keine Musik.
Kein Dauerkommentar meines Geräts.
Nur Reifen auf Schotter.
Wind im Ohr.
Vielleicht ein Vogel – wenn er sich Mühe gibt.
Der Rest darf gern schweigen.

Redakteur